Hans Stilett: „Eulenrod“

Träumend in der Bodenkammer

Hans Stilett: „Eulenrod“ (Biographisches Mosaik)

In der Erinnerung fügt sich Bild an Bild, untermalt von scharfen Gerüchen, ernsten Worten und der tröstenden Wärme der Küche. Stiletts biografisches Mosaik ist ein Fenster in die späten 1920er Jahre, die der Junge Hans in Eulenrod miterlebt.

Von Noemi Jenni.

eulenrodHans ist ein kleiner, kränklicher Junge, noch nicht schulreif. Er wohnt mit seiner meist abwesenden Mutter bei seinen Grosseltern. Vom Vater ist nicht die Rede. Die arme Familie wohnt Mitte der 1920-Jahre in einer kleinen Wohnung in Eulenrod. Warmes Wasser gibt es nicht und um den Speisezettel vielfältiger zu gestalten, sammeln Grossmutter und Enkel Beeren, Pilze und Salat im Wald.

Hans’ Leben dreht sich zu Beginn um die Grossmutter, die für ihn da ist, für wohlige Wärme sorgt und ihn beschützt. Sie behütet ihn vor bedrohlichen Ereignissen und Ausseneinflüssen. Man kann sie sich vorstellen wie eine Küche in einem alten Bauernhaus – die Grossmutter – im Zentrum und doch ohne Fenster. So hat Hans kaum Erinnerungen an politische Entwicklungen während der Wirtschaftskrise und den Vorabend des Aufstiegs der Nationalsozialisten.

Je mehr Kontakt Hans mit den Jahren nach aussen hat, desto mehr merkt er auch, wie arm seine Familie ist. Er lernt die Nachbarn kennen, spielt mit ihren Kindern, bekommt Kuchen zugesteckt. Es fügt sich Steinchen an Steinchen, bis wir ein vollständiges Bild von Hans’ Eulenrod haben und uns das Leben plastisch vorstellen können.

Die Winter sind sehr kalt, Hans ist regelmässig krank und muss zu Nonnen zur Genesung. Der Geruch der trocknenden Tannzapfen hinter dem Ofen hat etwas Tröstliches. Die Jahreszeiten und die Krankheiten kommen und gehen, manch einer leidet an Schwindsucht und auch der Grossvater erkrankt tödlich. Die Mittel und die Kenntnis der Ärzte sind noch sehr beschränkt, so muss schlussendlich nach einem Gesundbeter gerufen werden – der lächelt.

Biographisches Mosaik: ein einzigartiges Genre

Es ist kein Fliesstext, den wir vor uns haben, sondern aneinander gereihte Bilder und doch tut sich eine Geschichte vor uns auf. Wir Lesenden fügen zusammen, stellen Verbindungen her. Stilett zeigt uns seine sepiafarbenen Fotos und erklärt sie aus der Sicht eines kleinen Jungen und nicht eines allwissenden Erzählers. Seine Sprache lässt das Alter des Autors durchscheinen, denn seine Formulierungen sind umständlich und nah an der damaligen Umgangssprache. Dadurch bekommen die einzelnen Einblicke in das Kinderleben einen sehr authentischen Ausdruck. Da der Junge die politischen Ereignisse der späten 1920er Jahre noch nicht versteht, aber deutlich zu spüren bekommt, fügt der Autor diese auch nicht im Nachhinein erklärend ein. Gerüche sind zentral, diese helfen beim Erinnern – vor allem der Geruch der alten Grossmutter. Hans entdeckt seinen Körper in dieser Zeit und verliebt sich ein bisschen in seine Nachbarin.

Das biografische Mosaik ist ein Zeitzeugnis der damaligen Umstände, des täglichen Lebens einer armen Familie. Es ist keine Gewinner- oder Verlierererinnerung, nur die eines gewöhnlichen Kindes, das die Ereignisse seiner Kindheit nimmt, wie sie kommen, ohne vorauszuschauen und ohne nachtragend zu sein.

„Eulenrod“ ist ein kleines antikes Schmuckstück.


Titel: Eulenrod
Autor: Hans Stilett
Verlag: Kunstmann
Seiten: 107
Richtpreis: CHF 21.90

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