Thom Luz – „When I Die” | Gessnerallee Zürich

Ein Fest des Flüchtigen

Bild|Copyright: Gessnerallee Zürich
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Zwingende Fragen, Stringenz oder Dogmatik sucht man in Thom Luz’ neustem Wurf vergebens. Und doch ist ein Besuch von „When I Die. A Ghost Story With Music“, eine bestechend schöne Huldigung der Ästhetik, der leisen lyrischen und musikalischen Töne, unbedingt zu empfehlen.

Von Lisa Letnansky.

Eines gleich vorneweg: Thom Luz’ Geister- und Musikstück „When I Die“ braucht etwas Anlaufzeit, bis es einen packt. Die erste Viertelstunde zieht sich in quälender Ruhe und Langsamkeit dahin und lässt den Zuschauer bereits zu Beginn in Assoziationsströme abschweifen. Doch die aufgebrachte Geduld lohnt sich! Auch wer den Theatersaal bereits etwas erschöpft und genervt von den vielen Weihnachtseinkäufern in der Zürcher Innenstadt betreten hat, wird ihn zum Schluss beruhigt, geerdet – man möchte sagen: beseelt – verlassen. „When I Die“ bietet nichts Spektakuläres, keine Neuerfindung des Theaters, aber es bietet das, was heute oft viel zu kurz kommt: Es bietet Stimmungen, die auf den Zuschauer übergreifen.

Besuch von Beethoven
Davon ist zu Beginn des Stücks noch recht wenig zu merken. Die Bühne ist hell erleuchtet, ein Metronom gibt den Takt vor, und an einem Klavier sitzt mit dem Rücken zum Publikum eine ältere Frau und klimpert ein wenig lustlos auf den Tasten herum. Von Zeit zu Zeit schaut sie irritiert auf und zerbricht eine der auf dem Klavier stehenden Tassen. Auch was es mit diesen Tassen auf sich hat, erfährt man erst später am Abend. Sie scheinen nämlich die einzige Möglichkeit zu sein, die Stimmen in Rosemary Browns Kopf – so heisst die ältere Dame – mindestens für eine kurze Zeit zu vertreiben.

“When I Die“ basiert auf einer – wohl mehr oder minder – wahren Begebenheit: Rosemary Brown lebte von 1916 bis 2001 in London und erregte vor allem in den 60er und 70er Jahren einige Aufmerksamkeit, indem sie behauptete, von den Geistern von verstorbenen Komponisten heimgesucht worden zu sein, welche ihr Werke diktierten, die sie zu Lebzeiten nicht mehr zu Papier bringen konnten. Unter den unheimlichen Besuchern befanden sich Grössen der Musikgeschichte wie Liszt, Brahms, Bach, Rachmaninow, Schubert, Grieg, Debussy, Chopin, Schumann und Beethoven. Brown wurde oft belächelt, aber die Welt war durchaus auch fasziniert von ihr. So klopft man dann auch bald – als “Stimme der Vernunft“ – die BBC bei ihr an, um Aufnahmen der mystischen Begegnungen zu machen.

Komponisten im Kopf
Diese “Geistergeschichte“ bietet die Rahmenhandlung für die Erkundungen und Auslotungen des vor allem musikalisch grossartigen Ensembles. Suly Röthlisberger, Jack McNeill, Daniele Pintaudi, Samuel Streiff und Mathias Weibel sind allesamt Vollblut-Musiker, die sich aber auch auf die Schauspielkunst verstehen. Versiert wechseln sie zwischen den Registern und bespielen ihre Instrumente – darunter nicht nur klassische wie Piano, Violine und Klarinette, sondern auch eine spiritistisch anmutenden Glasharmonika – ohne jede Anstrengung oder Gezwungenheit.

Wie sie nacheinander hinter den Vorhängen oder Verstecken auf der Bühne auftauchen, wieder verschwinden und fast unmerklich von einer Szenerie in die nächste wechseln, das hat etwas Zartes, etwas Flüchtiges. Dies scheint auch das Wort zu sein, das die Dramaturgie des gesamten Abends durchzieht. Luz zelebriert das Flüchtige geradezu, das halbseiden Durchscheinende und doch nie richtig Anwesende sowie die Assoziationslust und unaufgeregt elegante Ästhetik. Das Kommen und Gehen der Akteure, die langsam ins Dunkel und wieder ins Hellere verwischenden Lichteffekte, die durcheinander redenden Stimmen, Türen und Bildschirme, die an Durchgänge in andere Welten erinnern – dies alles sind zweifelsohne vorhandene, aber dennoch flüchtige Bestandteile dieses Abends, und rufen im Kopf der Zuschauer eine glaubhafte Vorstellung davon hervor, wie es sich anfühlen muss, über die Vorgänge in der eigenen Gedankenwelt nicht mehr Herr zu sein. Wer sich die Heimsuchung von musikalischen Genies als erhellende und inspirierende Erfahrungen ausmalt, ist gemäss Luz anscheinend eindeutig auf dem Holzweg.

Zum Schluss ein special guest
Was diesen Abend aber zum vollkommenen Erlebnis macht, das ist der Fledermaus zuzuschreiben, und das hatten wohl weder die Veranstalter, noch die Musiker und noch nicht einmal der Regisseur so geplant. Gemeint ist nämlich weder Strauss’ Operette noch Graf Draculas Lieblingstier – beides Assoziationen, die dem Stück durchaus zuträglich sind – sondern eine buchstäbliche, waschechte Fledermaus, die sich wohl in den Dachgiebeln der Gessnerallee zum Winterschlaf einquartiert hatte und aufgeschreckt vom Zürcher Kulturtreiben erst hektisch und dann immer eleganter wie auf Regieanweisung zwischen den Akteuren und über den Köpfen der Zuschauer ihre Runden drehte. Schöner hätte das kein Choreograph planen können. So erntet der “special guest“ zum Schluss sogar einen eigenen Applaus – und ist doch nur das i-Tüpfelchen auf einem auch sonst schon wunderbar gelungenen Theaterabend.

 

Besprechung der Schweizer Premiere am 12. Dezember 2013.
Weitere Vorstellungen 13.-15. Dezember 2013 sowie 13.-16. Februar 2014.
Dauer: ca. 90 Minuten

Besetzung
Suly Röthlisberger
Jack McNeill
Daniele Pintaudi
Samuel Streiff
Mathias Weibel

Konzept, Raum, Regie: Thom Luz
Musikalische Leitung: Mathias Weibel
Kostüm, Licht: Tina Bleuler
Dramaturgie: Marcus Dross
Tontechnik: Martin Hofstetter

Im Netz
www.gessnerallee.ch

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