66. Festival del film Locarno

Seelische und körperliche Narben

short term 12

Drei Preise sowie eine zehnminütige Standing Ovation: Mit „Short Term 12“, einem in dokumentarischem Stil gehaltenen Drama über eine temporäre Auffangstelle für verhaltensauffällige Jugendliche, ist Destin Cretton ein starkes Stück US-Independent-Kino gelungen und damit unser diesjähriger Locarno-Favorit.

Von Christoph Aebi.

„Wir sind keine Eltern, wir sind keine Therapeuten, sondern hier, um den Jugendlichen eine sichere Umgebung zu bieten“. So weist Grace, die Teamleiterin von „Short Term 12“, einer Art temporäre Auffangstätte für verhaltensauffällige Jugendliche, den neuen Mitarbeiter Nate ein, der soeben für einen Fremdschäm-Moment gesorgt hatte, als er erklärte, er habe „immer schon mit unterprivilegierten Kids arbeiten wollen“. Grace, so hat man das Gefühl, hat ihren Job und ihr Leben im Griff. Sie weiss, wie man reagieren muss, wenn der rothaarige Sammy, der seit dem Tod seiner Schwester kaum mehr spricht, mal wieder schreiend einen Ausbruchversuch startet. Falls sie einmal auf Granit stösst, wie bei dem kurz vor seinem 18. Geburtstag stehenden Marcus, der nur seinem Goldfisch wirklich zu vertrauen scheint, so ist ihr Mitarbeiter und Partner Mason, mit dem Grace eine liebevolle Beziehung führt, sofort zur Stelle. Er erfährt denn auch als erster, welch schwierige Kindheit Marcus durchmachen musste. In einen Rap-Song verpackt – anders kann er den Horror nicht ausdrücken – erzählt Marcus, wie er von seiner drogenabhängigen Mutter regelmässig geschlagen wurde und diese ihn bereits im Alter von acht Jahren zum Crack-Dealen auf die Strasse schickte.

Die Parabel vom Hai und dem Tintenfisch

Erst als Jayden, ein Teenager-Mädchen mit selbstzerstörerischem Verhalten, neu in die Wohngemeinschaft aufgenommen wird, werden erstmals Brüche in Grace’s Fassade sichtbar. Grace entdeckt bei Jayden die durch Ritzen entstandenen Narben an den Unterarmen und zeigt dem rebellischen Teenager ihre eigenen Narben. „Man vergisst alles, wenn man blutet“, sagt Grace, und beginnt aus ihrem eigenen Leben zu erzählen: Von den Liebhabern ihrer Mutter, die sie jeweils porträtierte und ihnen die Zeichnungen anschliessend für zehn Dollar verkaufte. Vom Tod ihrer Mutter, dem Leben bei ihrem Vater, der sie missbrauchte, schwängerte und nachdem Grace eine Anzeige wagte, für zehn Jahre hinter Gitter kam. Als ihr die kreativ begabte Jayden schliesslich eine selbst geschriebene Kinder-Geschichte erzählt, die von einem Hai handelt, der mit einem Tintenfisch befreundet ist und dieser Fisch, im Glauben daran, dass dies für eine Freundschaft nötig sei, den Hai Teile seines Körpers verspeisen lässt, glaubt Grace, in Jaydens Geschichte eine verklausulierte Darstellung von Kindsmissbrauch herauszuhören. Sie ist fest davon entschlossen, gegen allen Widerstand dafür zu sorgen, dass Jayden nicht mehr in die Obhut ihres Vaters zurückkehren muss.

Ohne Sentimentalität oder moralisierenden Zeigefinger

Der aus Hawaii stammende Regisseur Destin Cretton kennt Pflegeeinrichtungen für Jugendliche aus eigener Erfahrung. Seine erste Arbeitsstelle nach dem College fand Cretton an einem dem „Short Term 12“ sehr ähnlichen Ort. Über seine Erlebnisse führte er Tagebuch und drei Jahre später verwendete er diese für seinen ersten Kurzfilm als Abschlussarbeit seines Master-Filmstudiums an der San Diego State University. Der Kurzfilm gewann 2009 am Sundance Filmfestival den Jurypreis und ermunterte den jungen Filmemacher, das Thema zu einem abendfüllenden Spielfilm auszubauen. „Ich wollte die sowohl lustigen als auch traurigen und schrecklichen Momente, die ich während meiner Arbeit erlebt habe, so authentisch wie möglich erzählen“, sagte Destin Cretton in Locarno anlässlich des Q+A nach der Filmpremière. Wie er dies tut, ist hohe Kunst: Der Zuschauer wird in dem in dokumentarischen Stil gehaltenen Film ganz sachte an die verschiedenen Charaktere herangeführt und erhält puzzleartig Informations-Bruchstücke über deren Lebensgeschichten – ohne dass der Film alle Informationen über die Protagonisten preisgeben würde. Der Film thematisiert zudem schwierige Themen ohne Sentimentalität oder moralisierenden Zeigefinger.

Mischung aus Stärke und Verletzlichkeit

Einen gewichtigen Teil an der Authentizität des Films trägt auch das famose Schauspielerensemble, allen voran die 23-jährige Brie Larson in der Rolle der Grace. Eindrücklich verkörpert sie ihre Rolle mit einer Mischung aus Stärke und Verletzlichkeit und erhielt dafür in Locarno zu Recht von der Jury des internationalen Wettbewerbs einen Leoparden für die beste Darstellerin verliehen. Larson, seit Kindesbeinen im Filmgeschäft aktiv, war jedoch verblüfft über die Interpretationskünste der jugendlichen Darsteller: „Als ich vor Beginn der Dreharbeiten mit allen Schauspielern zusammensass und kurze Improvisationen machte, war ich wie weggeblasen. Von einer Sekunde zur anderen verwandelten sie sich von den über Videospiele quatschenden Teenagern in ihre Charaktere und waren im Handumdrehen völlig andere Personen.“ Mit „Short Term 12“ ist Regisseur Cretton ein starkes Stück US-Independent-Kino gelungen. Nicht nur die diversen Jurys, welche den Film in Locarno mit insgesamt drei Preisen sowie einer lobenden Erwähnung bedachten, waren dieser Meinung: Zum ersten Mal seit Jahren erhielt in Locarno ein Wettbewerbsfilm nach der Erstvorführung eine fast zehnminütige Standing Ovation.

 

Im Netz
shortterm12.com

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.