Bilder, Sprache – Lebenswelten

Bilder, Sprache – Lebenswelten

Zum Verhältnis von Medien und Realität


 

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Medien fordern als selbstverständliche Bestandteile der unseren heutigen Realität oder als unwillkürliche Produzenten von Realität die Beobachtung und Argumentation heraus. Sie erzeugen unter diesem Gesichtspunkt multiple Sinnsysteme, an denen sich einige der Grundmechanismen der heute vorherrschenden Machtstrukturen sehr gut verdeutlichen lassen. Und wenn Jean Luc Godard in „Das Gesagte kommt vom Gesehenen“ Kreativität im Umgang mit Medien unversehens subversiv erscheint, so macht gerade diese Beobachtung doch eines mehr als deutlich: dass im kritischen Umgang mit Bildern und Sprache ein alle Lebensbereiche umfassendes beinahe schon revolutionäres Potential entfaltet werden kann.

 

Von Christoph Andreas Schmassmann

So erscheinen zunächst also gerade Phantasie und Kreativität als unerwünschte oder jedenfalls entbehrliche Alternativen zu den uns umgebenden Wirklichkeiten, zu einer Realität also, die zu begreifen ist, wie sie im Sinne der herrschenden Machtstrukturen und innerhalb der möglichen Wissensdiskurse erwünscht ist. Dieses Votum gilt es kritisch zu hinterfragen und zu unterlaufen, indem man sich fragt, was dies also nun auf der konkreten Ebene von medialen Vollzügen heisst, wie sie unser Dasein mehr und mehr zu bestimmen beginnen. Dies scheint annäherungsweise fassbar zu werden, wenn man sich am Beispiel der Sprache – als dem für uns grundlegendsten Medium – ein paar ganz basale Dinge vergegenwärtigt.

 

Das Gewaltmoment von Medien

Jegliches Wissen wird erst über die Sprache und das Sprechen in dieser mitteilsam, erscheint sozusagen medial in der Welt, um in diesem Zuge einen subjektiven Inhalt meiner konkreten und einmaligen Lebenswelt mit einer abstrakten jedoch objektivierbaren Ebene der Form zu verschmelzen. Darin steckt ein nicht zu unterschätzendes Moment der Gewalt! So ist die Sprache als abstraktes Bezugssystem denn nie was sie zu sein vorgibt: Sie generiert in diesem Sinne neue abstrakte Wissensfelder, indem sie die Realität ganz konkret nach ihrer Massgabe vergewaltigt, indem wir annehmen, dass – so wie ein Medium die Welt einfängt – diese auch in Wirklichkeit beschaffen sei. Was nun in diesem Zusammenhang ganz wichtig und zentral ist: Wissen erzeugt Macht, während diese auch immer an spezifische Wissenssysteme gekoppelt bleibt, in denen wir leben, uns bewegen und lernen uns zu verhalten. Jedoch wird dabei immer auch ein Rest an Sinn offenbleiben, ein Überschuss an Sinn, worin sich produktive Spielräume eröffnen, die die herrschenden Ordnungssysteme subversiv zu unterlaufen vermögen – quasi gegen diese gekehrt werden können. Und dort gilt es anzusetzen. Und zwar gerade dahingehend, dass sich der Fokus zu verschieben beginnt: weg von einem Verständnis von Kultur als einer in sich starren und fixen Textur, die uns beherrscht – hin zu den mitunter performativen Vollzügen, den Prozessen und ganz unmittelbaren Ereignissen, die darin spielen und uns neue Sinn-Räume eröffnen.

 

Ästhetisches Handeln als Freiheit

So eröffnen sich jedem einzelnen neue Spielräume in den vorgegebenen Mustern und Strukturen der Wissensdiskurse. Es zeigen sich so gerade Bilder als visuelle Sprachspiele in gewissem Sinne offen gegenüber einer Interpretation, während eine ihnen inhärente Spur im Sinne Jacques Derridas, etwas das jedem Bild eingeschrieben bleibt, den Betrachter herausfordert,  sich seiner Wahrnehmung quasi konträr entfaltet und so Reibungsfläche erzeugt. In gerade dieser Hinsicht eröffnet Derridas Spur in dem hier anvisierten Sinne Widerstände für das Aufbrechen von Sinnräumen. Sie kann so neue Sinnzusammenhänge und gegenläufige Tendenzen zu den herrschenden Ordnungssystemen aufzeigen. Beispielsweise hat etwa René Magritte in diesem Punkt zu einem sehr hohen Grad an Reflexivität eröffnet, die einen gerade im Zusammenspiel von Bildmedium und Sprache auf einen ganz zentralen Punkt verweisen. Dass auch Bilder nicht das Reale an sich darstellen – nichtsdestotrotz aber Realitäten generieren, die wir letztlich für wahr nehmen.

 

Wirklichkeits(t)räume – Möglichkeitsräume

Gerade die Kunst eröffnet so immer auch Möglichkeitsräume – die sich gegen die herrschenden Wirklichkeiten zu verhalten vermögen und Kontrapunkte setzen können. Und somit kann jegliches kritisches Sich-Abarbeiten an den in einer Gesellschaft herrschenden medial sich reproduzierenden Sinnsystemen gerade als ästhetisches Handeln verstanden werden: wir wollen zwar Essenz, sind aber gezwungen diese stets zu hinterfragen und so die Sinnpfeiler dieser Systeme in ihren Grundfesten transparent zu machen und uns so uns selbst zu versichern und gewiss zu werden. In diesem Zusammenhang ist man gezwungen gerade deren Künstlichkeit zu erkennen, wobei die ästhetische Erfahrung konkret als ein Modus verstanden werden kann, die Welt und sich selbst im Verhältnis zur Welt zu erfahren. Und so zeigt sich Jacques Derridas Denkbewegung der Spur (als einem möglichen Schnitt, welcher aufbricht, was wir uns an Essenz noch zugestehen können) unter einer solchen Betrachtung gerade nicht als etwas vorher – das heisst in welcher Form auch immer – bereits Gegebenes, sondern als ein konkretes Ereignis, das herstellt, was es konkret vollzieht. Medien sind in gerade dieser Hinsicht immer auch als ein performativ sich entfaltender Zeichenprozess zu verstehen.

 

Mythos versus Verfremdung

Was heisst dies nun genau? Eine mediale Textur kann mit unterschiedlichen Systemen von bildlichen und sprachlichen Zeichen gleichzeitig arbeiten, die sich gegenseitig unterstützen, aber auch einander zuwiderlaufen werden. In jedem Fall findet eine gegenseitige Bestimmung und Affirmation untereinander, oder eine Verschlüsselung bzw. Verfremdung zwischen den Ebenen des medialen Textes statt. Dies erzeugt schliesslich eine produktive Spannung zwischen den unterschiedlichen Zeichensystemen. Und so sieht man sich schliesslich vor zwei sich gegenläufig entfaltende Vollzüge gestellt: Der Mythos als eine Essenz schafft Bezüge und so entstehen Sinnzusammenhänge, welche von uns unwillkürlich naturalisiert und essentialisiert werden, und so der Illusion zuspielen, dass wir die Realität wahrnehmen und uns vorstellen, wie sie in Wirklichkeit beschaffen ist: Ein beinahe schon tragischer Trugschluss! Es lässt sich aber nun qua Verfremdung (man erinnere sich beispielsweise an Andy Warhols Monroe) deren Gemachtheit aufzeigen. So lässt sich jeder Mythos destabilisieren: man nimmt ihm seine Essenz – oder macht diese zumindest fragwürdig – und überführt den Mythos zurück in eine existentielle Kategorie der Möglichkeit einer Wirklichkeit unter vielen. Und so bedient sich die Verfremdung unter anderem dem einfachen Mittel der Übertreibung, um die Künstlichkeit herauszustellen – die Fassade des Mythos mitunter aufzubrechen. Die Dinge verlieren ihre Natürlichkeit und es eröffnet sich dadurch die Möglichkeit ihn aufzuschlüsseln und neu zu denken. Dies stellt gleichsam die produktiv-kreative wie kritische Dimension im Umgang mit Medien dar. Auf der anderen Seite kann gerade auf diesem Wege deren Gemachtheit erkannt und deren De-Essentialisierung (im Sinne einer existentiellen Möglichkeit unter anderen) auf der Ebene einer kritischen Wahrnehmung geleistet werden. Ganz basal und beinahe schon unzulässig vereinfachend formuliert: warum ist da die Monroe abgebildet und nicht ich? Alles wird so mitunter austauschbar, indifferent und zurück in eine existentielle Möglichkeit unter anderen überführt – nichtsdestotrotz aber als eine unserer Realitäten wirklich und kaum zu trennen von unseren Wünschen und Sehnsüchten, die uns unbewusst leiten und bestimmen.

 

Schluss und Öffnung

Mitunter kann also gerade die Störung, das Perplex und deren aus konstruktivistischer Sicht kreative Funktion für enorm produktive Spannungen und Effekte sorgen. Doch was bedeutet das nun in einem weiteren Schritt nun konkret auf der Ebene der entgegengesetzten Wahrnehmung? Hier gilt auf der kritisch-perzeptiven Ebene der Rezeption der Fokus dem Ausstellen des Hergestellt-Seins und der Gemachtheit von Zusammenhängen, die durch die (Massen-)Medien essentialisiert werden. Das bedeutet das Sichtbar-Machen deren existentieller Kontingenz bzw. deren Abhängigkeiten von dem Spiel mit Wahrnehmungsweisen und deren Konditionierung und Gewohnheiten, welche allzu schnell zu einer Essentialisierung der medial geprägten Realitäten neigen. So kann dieser in Form der Kritikfähigkeit entgegen gearbeitet werden. Ein gegenseitiges Frucht- bzw. Urbarmachen der beiden Komplexe des konkret kreativ-performativen Handelns und der je subjektiv-kritischen Wahrnehmung ist somit angezeigt – und kann in diesem Sinne wohl zielführend sein.

 

 

Im Netz:

http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/medien/kritik-der-medienkritik-1.18121120

http://www.mediamanual.at/mediamanual/themen/pdf/diverse/40_Weber.pdf

 

 

Christoph Schmassmann

Hat Literatur und Philosophie an der Universität Basel und Theater an der Universität in Bern studiert - zur Zeit verfasst er regelmässig Beiträge für verschiedene Magazine und das Radio: Kultur, Architektur und Politik gehören zu seinen Schwerpunkten. Daneben verfolgt er eigene Kunstprojekte und konzipiert installative Performance Abende.

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