Max Frisch – „Mein Name sei Gantenbein” | Schauspielhaus Zürich, Pfauen

Harmloses Rollenspiel

Bild: Lukas Holzhausen, Siggi Schwientek, Michael Neuenschwander, Miriam Maertens
Bild: Lukas Holzhausen, Siggi Schwientek, Michael Neuenschwander, Miriam Maertens

Nach „Wilhelm Tell“ versucht sich der tschechische Regisseur Dušan David Pařízek an einem weiteren Stück Schweizer Nationalstolz. Seine Inszenierung von Max Frischs wohl vertracktesten Roman „Mein Name sei Gantenbein“ birgt viel Potential, kommt aber insgesamt ziemlich harmlos daher.

Von Lisa Letnansky.

Weiss, wo das Auge hinblickt. Die erste Szene setzt bereits den Rahmen für das gesamte weitere Stück. Die Möbel der Wohnung und damit die ganze Bühne sind mit riesigen weissen Tüchern verhüllt, die Frau hat den Mann verlassen und dieser sitzt in der Ecke und sinniert über das Geschehene. Er sagt, er habe eine Erfahrung gemacht und suche nun die Geschichte dazu. Er probiere Geschichten an wie neue Kleider. Eines dieser Kleider nennt er Theo Gantenbein: ein Mann, der nach einem Unfall zu erblinden droht. Als ihm die Augenbinde abgenommen wird, kann er wieder sehen, gibt jedoch weiterhin vor, blind zu sein, um der Wahrnehmung seiner Umgebung zu entkommen und Dinge, die er nicht sehen möchte, nicht sehen zu müssen. Indem der Erzähler seine Erfahrung als ein erfundenes Beispiel darstellt, stellt sich für den Zuschauer aber auch von Anfang an die Frage der Glaubwürdigkeit und der Notwendigkeit der Stringenz der Vorgänge.

Frischs Roman ist kunstvoll montiert aus Reminiszenzen, Assoziationen und längeren Ausführungen, die sich auf den ersten Blick nicht recht zu einem Ganzen zusammenfügen wollen. Dramaturgisch folgt Pařízek im Groben der Vorlage, den Sequenzen wohnt keine narrative Stringenz inne, sie folgen keinem zeitlichen Ablauf. Dennoch versucht er, den roten Faden der Geschichte freizulegen, reduziert das assoziative Moment auf ein verträgliches Mass, streicht der Übersichtlichkeit zu liebe mit Camilla eine doch ziemlich bedeutungsvolle Figur und konzentriert sich auf die Vierecksgeschichte um Gantenbein, Enderlin, Svoboda und Lila.

Bild: Siggi Schwientek (im Hintergrund), Michael Neuenschwander, Miriam Maertens, Lukas Holzhausen
Bild: Siggi Schwientek (im Hintergrund), Michael Neuenschwander, Miriam Maertens, Lukas Holzhausen

Geschichten zum Anziehen
Insofern gibt die Inszenierung das Spielerische des Romans auf eine nachvollziehbare Weise schön wieder. Es handelt sich hier um Versuchsanordnungen rund um die diskursiv festgesetzten, aber realiter kaum fassbare Entitäten „Identität“ und „soziale Rolle“. Im Pass und auf der Steuererklärungen sind diese Kategorien für Jedermann klar definiert, im Alltag stehen kleinere Anpassungen, Neuauslegungen und Hinterfragungen jedoch für die meisten Menschen auf der Tagesordnung. Ständig versetzen wir uns in (mindestens teilweise erfundene) Rollen und verhalten uns je nach Anforderungen oder Umgebung unterschiedlich. Für die dramatische Adaption des Romans ist dies auch der Schnittpunkt, an dem sich besonders viel Potential verbirgt: Die Geschichte spiegelt nämlich nicht nur das Leben, sondern insbesondere auch die Bühnensituation schlechthin wider. Auch die Schauspieler kriegen ja jeweils auf Veranlassung von aussen einen neuen Namen verpasst und eine Rolle angezogen wie ein Kleid.

Diesen Rollen- und Kleiderwechsel veranschaulicht Pařízek, indem zuerst vor allem Lila, später jedoch auch die männlichen Charaktere ständig ihre Kleider wechseln (Kostüme: Kamila Polívková) – jeder von ihnen darf mal im dunkelblauen Max Frisch-Anzug (auch die obligate Pfeife darf da natürlich nicht fehlen) und mal im grünen Kleid dasitzen. Schade ist nur, dass hinter dem Kleider- der Rollenwechsel so gut wie verschwindet, die zu Beginn festgesetzten Eigenschaften verändern sich während der Stücks praktisch nicht. Lila (Miriam Maertens) bleibt die kokette Schauspielerin, die sich der Liebe der drei Männer gewiss ist und dadurch keine Angst vor den Folgen ihrer Handlungen hat. Enderlin (Michael Neuenschwander) bleibt der arrogante Intellektuelle, der einen Ruf nach Harvard erhalten hat, diesem jedoch aufgrund von Versagensängsten nicht zu folgen vermag; Svoboda (Siggi Schwientek) bleibt der verstossene Ehemann, der schwächlich und geduldig auf die Rückkehr seiner Frau wartet, und Gantenbein (Lukas Holzhausen) bleibt der genügsame Liebhaber, der aufgrund seiner fingierten Blindheit die Untreue seiner Freundin nicht wahrnehmen muss. Erst am Schluss will er das Spiel nicht mehr mitspielen, gesteht Lila sein Sehen-Können und verliert sie dadurch.

Bild: Siggi Schwientek, Lukas Holzhausen (auf Projektion)
Bild: Siggi Schwientek, Lukas Holzhausen (auf Projektion)

Komik gegen Langeweile
Pařízeks Inszenierung geht also den im Roman angelegten, brisanten Fragen nach Ich-Bildung und Geschlechterrollen durchaus nach, beispielsweise wenn Gantenbein fröhlich und mit einer irritierenden Selbstverständlichkeit erzählt, wie er sich von seiner Lila aushalten lässt. Insgesamt handelt es sich aber weniger um tiefschürfende Grabungen als um ein Kratzen an der Oberfläche. Die Aneignung der Vorlage geht dafür zu verhalten vonstatten, das Stück bleibt nah an der Vorlage, ohne jedoch die Einbussen, die durch eine dramatische Adaption durch Kürzungen entstehen, durch theatrale Einfälle wieder wettzumachen. So verwickeln sich die Akteure über weite Strecken in leider teilweise ermüdende Dialoge und Diskussionen, die das visuelle Potential der Ausgangslage nicht ausschöpfen. Um Langeweile zu vermeiden, setzt das Ensemble auch auf Komik, etwa wenn Lila einen Monty-Python-Song anstimmt, Svoboda seine ergreifend schlechte Version von „Non, je ne regrette rien“ in voller Länge darbietet, oder wenn die drei Männer kurz quasi zu einem einzigen Charakter verschmelzen, indem sie sich mit Lila in Stille-Post-Manier unterhalten und einander die Sätze vorsagen.

Schauspielerisch lassen diese Darbietungen nichts zu wünschen übrig, grösstenteils ist das Bühnengeschehen auch durchaus unterhaltsam, doch im Grossen und Ganzen kommt es über ein wenig zu braves und harmloses Kammerspiel nicht hinaus. Da helfen auch die mittlerweile anscheinend zum guten Ton gehörenden partizipativen Ansätze nichts, wenn Michael Neuenschwander aus der Rolle ausbricht, ins Publikum klettert und dort coole Sprüche reisst oder mit Zuschauerinnen flirtet. Auch diese sind zwar gut gemeint, aber immer noch zu zurückhaltend, um wirklich im Gedächtnis haften zu bleiben.

Besprechung der Premiere am 16. Januar 2014.
Weitere Vorstellungen bis am 5. März 2014.

Dauer: ca. 2 Stunden 10 Minuten

 

Besetzung
František Svoboda: Siggi Schwientek
Felix Enderlin: Michael Neuenschwander
Theo Gantenbein: Lukas Holzhausen
Lila: Miriam Maertens

Regie und Bühne: Dušan David Pařízek
Kostüme: Kamila Polívková
Licht: Ginster Eheberg
Dramaturgie: Gwendolyne Melchinger
Regieassistenz: Sophia Bodamer
Bühnenbildassistenz: Regula Zuber
Kostümassistenz: Noelle Brühwiler
Dramaturgieassistenz: Eva-Maria Krainz
Regiehospitanz: Leoni Stäubli
Kostümhospitanz: Andrijana Trpkovic
Souffleuse: Geebi
Inspizienz: Dagmar Renfer

Im Netz
www.schauspielhaus.ch

 

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