Jantos Holding

Jantos Holding

Jazz – Musik in Bewegung

 

Die Stücke, die Jantos Holding interpretiert, sind auf eine paradoxe Weise einfach und komplex zugleich: geführt von einer Feder und niedergeschrieben als fixierte Noten und Akkorde sind sie dennoch völlig frei in ihrer Entfaltung – wie die sphärischen Klänge einer Stimme, die sich von dem komplexen Klangbild abhebt und einen verführt, sich von ihr berühren zu lassen.

 

 

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Von Christoph Andreas Schmassmann

Es ist eine ganz eigene Welt, die sich einem öffnet, einen einzutreten bittet, sich auf ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang einzulassen. In einem magischen Moment schrieben sich die 15 Songs in einem Zeitraum von zwei Wochen nieder – in einem Zustand, in dem annimmt, was da kommt, und sich gewissermassen dem Medium der Musik öffnet, die einem wie aus einem fernen Äther zufliesst. Wenn man loslässt und sich einem dieser Zugang zeigt –  jedem wieder in seiner eigenen Weise – kommt es letztlich nicht darauf an, wann wie oder wo. Es lässt sich nicht planen. Das einzige, was zählt, ist nur noch, dass es passiert, wie auch Raum und Zeit bis zu einem gewissen Grad ihre Bedeutung verlieren – wenn sie sich auflösen in die Welt der ätherischen Klänge und sphärischen Melodien, getragen von Rhythmen und erdigen Grooves. Seitdem befinden sich die fünf Musiker mit den Songs auf einer Reise mit ungewissem Ausgang.

 

Die Entfaltung – das Jetzt

Wenn man sich auf die Musik von Jantos Holding einlässt, führt das in eine paradoxe Situation ein: man wird in einen Strom hineingezogen, der alles an einem vorbeifliegen lässt, gleichzeitig findet man mehr und mehr zur Ruhe, kommt zu sich auf einer Reise der Klänge und Melodien, die einen in ferne Welten mitnehmen. Das Komplexe und Vielschichtige dieser Musik kommt einem mitunter ganz einfach vor. Es sind die berühmten Türchen, die sich einem öffnen – zugänglich sind die Themen von denen der Hörer ausgehen wird und auf denen schliesslich die fünf Musiker abheben: und alles wird mit einem Mal vom Moment bestimmt. Hierin folgen sie ganz dem Jazz, dem sie sich verpflichtet fühlen – die Situation übernimmt das Ruder und die Themen lösen sich auf in unterschiedlichen Variationen und öffnen sich einem, wenn man bereit ist, sich auf sie einzulassen und einzutreten. Michael Ende schrieb in seinem Buch von Momo: „Und gerade weil sie so langsam gingen, war es, als glitte die Strasse unter ihnen dahin, als flögen die Gebäude vorüber.“ Dieses Bild steigt mir auf, als ich mich auf diese mir neue und mir unbekannte Musik einlasse. Es zieht und reisst einen mit, doch scheint das mehr als Film über der eigentlichen Ruhe zu liegen, aus der diese Songs ihre Kraft schöpfen.

 

 

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Der Bruch – ein Aufbruch?

Plötzlich bricht der Strom ab, klingt aus. Sie treten zusammen und besprechen sich kurz, verständigen sich über ein Arrangement. Und so schärft sich in der Wiederholung der Blick für die kleinen aber feinen Unterscheide. Die Songs entwickeln sich, entwachsen ihrer alten Form. Ein neuer Rhythmus wird angespielt, auf den sich scheinbar unmerklich die Basstöne legen – ein erstes Gerüst, in das sich das Rhodes einklinkt, welches Harmonien entstehen lässt, auf die die Klänge des Saxophon abheben. Die Stimme setzt ein, variiert das Thema, welches das Zentrum des Songs bildet. In einem steten einander geben und voneinander aufnehmen zirkeln sie sich weiter in immer neuen Volten einem ungewissen Ausgang entgegen. Frei und geführt zugleich, das Neue im Alten entdeckend, mal das eine dann das andere wieder stärker betonend. Und so entfalten sich die Töne, reiben sich aneinander und setzen Energien frei, wie ich es bis anhin nicht gekannt habe. Und von dem Moment an, wo ich mich dieser Musik geöffnet habe, sehe ich etwas Merkwürdiges mit mir geschehen. Träume ich – oder hatte ich geschlafen und beginne gerade erst aufzuwachen? Etwas ganz tief in mir scheint geweckt worden zu sein und die Einzigartigkeit dieser Klangwelten, die Anleihen beim Jazz ebenso wie bei der Klassik und beim Pop machen, zeigen mir etwas auf – jenseits der Worte in einer Welt die sich tief in mir entfaltet. Sind es die alten Volksweisen aus meiner Kindheit, die hier anklingen? Etwas verbindet sie gleichzeitig mit den Tönen der slawischen Volksmusik, Balkansounds mischen sich unter das jazzige Timbre und erdigen Grooves. Ich kreise um mich selbst in einem Gefühl der stetig wachsenden Ungewissheit über den Ausgang der sich mir bieten soll, bis ich schliesslich wieder zu mir und zur Ruhe finde, das Thema mich wieder aufnimmt und wieder sanft auf den Boden bringt.

 

 

Die Zukunft – weiter im Ungewissen

Seit einem halben Jahr arbeiten sie nun an den Songs, entwickeln sie weiter. Sie spielen diese Musik (oder muss man sagen: sie werden von der Musik gespielt) in einer Weise die nicht zulässt, dass man sie fixiert:  – und nie kommt es, so scheint es, an ein Ende: sie entwickeln sich mit den fünf Menschen, die sich ihnen verschrieben haben. Neue Impulse gehen von jedem einzelnen aus und wie in einem Kaleidoskop bilden sich stets neue und unvorhersehbare Klangmuster aus, entfalten sich, dehnen sich aus in dem Moment, in dem sie entstehen, um im nächsten Augenblick wieder zu verschwinden, neuem Platz zu machen – während das Pulsieren und Atmen der Klänge einem beinahe selbst lebendig vorzukommen scheint. Das ist beinahe mehr als blosse Musik: das ist Geschichte, die sich mit einem selbst zu verbinden wünscht. Das ist eine Lebenseinstellung, die sich hier verklanglicht hat und das merkt man dieser Musik an. Dass sie mehr ist als blosses An- Auf- oder Abspielen – sondern entstanden ist, sich zu geben und gelebt zu werden. Und so begebe ich mich mit auf diese Reise, und nehme ein Stück davon mit, das ich fortan bei mir trage als Erfahrung einer ganz neuen Art. Ätherisch? Das kann ich nicht sagen. Doch eines ganz bestimmt: mit Sicherheit wert, erlebt zu werden.

 

Im Netz:

 

Mehr zu den einzelnen Mitgliedern von Jantos Holding:

http://www.evidence-of-sound.ch/

http://www.davidbrito.net/davidbrito.net/Home.html

http://www.simonspiess.com/

http://karinospelt.li/

 

Christoph Schmassmann

Hat Literatur und Philosophie an der Universität Basel und Theater an der Universität in Bern studiert - zur Zeit verfasst er regelmässig Beiträge für verschiedene Magazine und das Radio: Kultur, Architektur und Politik gehören zu seinen Schwerpunkten. Daneben verfolgt er eigene Kunstprojekte und konzipiert installative Performance Abende.

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