Théâtre de l’absurde: Erster Akt

Théâtre de l’absurde: Erster Akt

Zur griechischen Tragikomödie

"Nicht noch mehr Rettung" - Nicht alle sind sich einig über Zweck und Sinn der Rettungsmassnahmen in Griechenland
"Nicht noch mehr Rettung" - Nicht alle sind sich einig über Zweck und Sinn der Rettungsmassnahmen in Griechenland


Das Leben ist Theater – und gleich zu Beginn der EU-Ratspräsidentschaft wird auf der griechischen Bühne ein seltsames Stück aufgeführt. Es ist die Geschichte eines Landes, das sich im geliehenen Smoking hüfttief im Schlamm befindet und alle zu überzeugen versucht, dass es das Kleidungsstück demnächst in tadellosem Zustand retournieren wird. Ein Überblick über die Hauptdarsteller der Eröffnungsszene.


Der Königshof

Zahlreich und bunt sind die Charaktere des regierenden Hofes, die um die Gunst ihres wählenden Volkes buhlen. Ach, wie mühsam der Pöbel, wie undankbar und vergesslich.  Und wie mühsam die Demokratie, die es vor angeblichen und realen Angriffen von links und rechts zu verteidigen gilt… In zwei Punkten sind die Höflinge allerdings gleich: In der Grösse des Egos, welches bei zunehmender Nähe zu Kameras aufgeplustert wird, sowie in der Mission zur Besänftigung der Welt. Die Finanzen des Reichs sind immer noch in katastrophalem Zustand? Die Wirtschaft in freiem Fall? Die Arbeitslosenrate in Schwindel erregenden Höhen und die Popularität psychopathischer Politiker anwachsend? Keine Angst, der Hof verkündet gerade seine Success Story, wie sie noch nirgends vollbracht und gesehen ward. Nur:  Allzu sichtbar gemacht hat sich diese Entwicklung allerdings auch in Griechenland noch nicht. Dies ist aber kein Grund zur Sorge, immerhin hat man im letzten Jahr den Pöbel genug ausgeschröpft, um einen Haushaltsüberschuss präsentieren zu können!


Der Böse

Eine spannende Geschichte kommt natürlich nicht ohne einen ordentlichen Bösewicht aus. So ist gerade rechtzeitig zum Start der Präsidentschaft ein Mitglied der zerschlagenen Terrorgruppe 17. November ausgebrochen – obwohl es technisch gesehen kein Ausbruch ist, von einem regulär bewilligten Hafturlaub einfach nicht zurückzukehren. Weshalb ein mehrmals lebenslänglich verurteilter Terrorist in den letzten Jahren sechs (!) Mal Hafturlaub bekommt ist schon schleierhaft genug. Dass er aber während Silvester freien Zugang zu einem Gefängnisflügel erhält, wo Mitglieder immer noch aktiver Terrorgruppen eingesperrt sind und sie gemeinsam auf das neue Jahr anstossen…naja, sagen wir es so: es verwundert nicht, weshalb in Griechenland Verschwörungstheorien um die Verbindung von Staat und Terrorgruppen florieren.  Die Krone der Absurdität ist allerdings das Video, in dem der alternde Topterrorist in genretypischem Vokabular mit  Bildern von Che und griechischen Freiheitskämpfern als Hintergrund einen blutigen Rachefeldzug ankündigt – in knallrotem Hoodie und schwarzgefärbten Haar. Auch die Bösen sind eben eitel.


Die Eiserne Lady

Noch fast weniger zu glauben sind die ganzen Skandale, die in den letzten Monaten in progressiver Kadenz bekannt geworden sind. Nicht dass niemand gewusst hätte, dass Politiker, Banker, Grossunternehmer, Sicherheitskräfte und Gestalten der Nacht zusammen unter einer Decke steckten. Es erstaunt auch nicht, dass eine relativ kleine Gruppe von Menschen so viel Geld verlochen konnte. Vielmehr ist unglaublich, dass all ihr buntes Treiben, ihre provozierende Korruption und ihr ostentativ zur Schau gestellte Reichtum plötzlich strafrechtliche Konsequenzen haben.  Eine  Staatsanwältin der neu gegründeten Behörde zur Korruptionsbekämpfung hat in den letzten Monaten mehr dubiose Gestalten vor Gericht gezerrt, als im antiken Athen Menschen durch das Scherbengericht verbannt wurden. Der Familienname der (von der Presse als Eiserne Lady betitelten) Dame ist zwar Papandreou – nicht zuletzt ihr Vorgehen beweist aber trotz anderslautender Behauptungen, dass sie nicht mit der bis vor kurzem dominierenden Politikerdynastie verwandt sein kann.


Die Komparsen

Und was meinen eigentlich die Griechen dazu, die sich selbst immer wieder in der Statistenrolle wiederfinden?  Spätestens wenn wieder einmal für ein Ministertreffen in der Innenstadt mehr Polizisten als Passanten auf der Strasse sind, im Himmel Helikopter kreisen und der gesamte Verkehr lahmgelegt wird, damit Limousinen mit CD-Nummernschildern ungehindert in die Luxushotels fahren können, wird ihnen die wahrhaftige Grösse ihrer Jahrtausende alten Nation bewusst. Spätestens beim erneuten Besuch höchster ausländischer Würdenträger begreifen sie ihre weltpolitische Reichweite. Was ist denn schon die Banalität des zur Normalität gewordenen Überlebenskampfes dagegen? Der spielt sich sowieso in den kleinen Nebenbühnen ab.


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