John Logan – „Rot” | Theater Winterthur

Der Spiegel der Gesellschaft

Bild: Benno Lehmann, Domnique Horwitz | Foto/Copyright: Theater Winterthur
Bild: Benno Lehmann, Domnique Horwitz | Foto/Copyright: Theater Winterthur

Einfach nur „Rot“ heisst das Stück über den legendären Künstler Mark Rothko, mit welchem das Berliner Renaissancetheater zurzeit in Winterthur gastiert. Gezeigt wird hier aber weder ein Stück Kunst- und Zeitgeschichte, noch ein ausgeklügeltes Künstler-Psychogramm, sondern Klischeebildung in Echtzeit, banales Kunstgeplänkel und eine wohl kaum beabsichtigte satirisch-ironische Wendung.

Von Lisa Letnansky.

Imposante, flächige Farbwelten, die Anfänge des Abstrakten Expressionismus, eine im Suizid endende zwiespältige Persönlichkeit und die New Yorker Künstler-Bohème der 50er-Jahre. Mark Rothko böte genügend Stoff für zehn Theaterstücke. John Logan jedoch, seines Zeichens Drehbuchautor in Hollywood (Gladiator, James Bond 007: Skyfall, Aviator) entschied sich gegen die Arbeit am Detail und für die Wikipedia-Manier: die Reduktion aufs absolut Wesentliche. Und tatsächlich erlebt man an diesem Abend etwa gleich viel wie beim Lesen des Wikipedia-Artikels über Mark Rothko.

An Dominique Horwitz liegt’s nicht, dass der Bühnen-Mark-Rothko nicht über die abstrakte Vorstellung des typischen Künstler-Charakters hinauskommt, auch wenn er mitunter bedauerlicherweise – vor allem in den lauten Tönen – kaum zu verstehen ist. Horwitz zeigt das depressiv-kreative Genie, wie es im Buche steht und zieht alle Register: von dröhnenden Predigten über eingebildete Belehrungen bis zur kurzatmig-aufgeregten Unsicherheit. Das ändert jedoch nichts daran, dass sein Rothko ein wandelndes Klischee bleibt. Von Bewunderern, Kritikern und Biographen zum prototypischen depressiven, aber moralisch aufrechten und seinen Maximen treu bleibenden Über-Künstler stilisiert, zementiert John Logans Stück sämtliche (Vor-)Urteile („Jeder Pinselstrich ist eine Tragödie!), ohne auch nur ansatzweiche nach Ursachen oder Zusammenhängen zu forschen.

Ein Autor feiert sich selbst
Viel wird da geredet über die Rolle der Gesellschaft für die Kunst (das Stück kreist um eine Episode aus Rothkos Leben, in welcher er erst einige Bilder für das Seagram Building in New York fertigte, diese dann aber empört wieder zurückforderte, als er erkennen musste, dass diese vom Upper-Class-Publikum nicht wie erwartet gewürdigt wurden). Doch es ist weder von der Rolle der Kunst oder des Künstlers in der Gesellschaft, noch von der Verantwortung der Kunst oder sonst eines etwas weiter greifenden Zusammenhangs die Rede. Muss ja auch nicht sein, kann man hier einwerfen, wenn wenigstens Rothkos Persönlichkeit einer Analyse unterzogen würde.

Hierfür startet Logan einen Anlauf, indem er Rothko seinen jungen, anfangs noch naiven doch vielversprechenden Assistenten Ken (Benno Lehmann) zur Seite stellt. Da aber dieser ebenfalls nicht als Persönlichkeit, sondern einzig als dialogischer Gegenspieler Rothkos und pseudo-psychologisches Exempel (Emanzipation des Schülers bis zur Augenhöhe mit dem Lehrer) agiert, bleibt auch diese Figur nicht nur flach, sondern geradezu funktional. Die beiden personifizierten Standpunkte (um Charaktere handelt es sich wie gesagt nicht) erörtern vermeintliche Gedankenergüsse, die man bereits im Kunstunterricht in der Mittelschule oder von wichtigtuerischen Vernissage-Besuchern (dort kriegt man wenigstens ein Glas Wein dazu) vermittelt bekommt: psychoanalytische Farbsymbolik, das naturgemäss Agonale der Kunst („man respektiert die Väter, um sie umzubringen“) sowie den elitären Dünkel der Kunstaristokratie (nur wer Nietzsches „Geburt der Tragödie“ gelesen hat, darf sich anmassen, einen Pollock, Matisse oder Rothko beurteilen zu wollen!). Es ist zu vermuten: Hier feiert ein Autor sich selbst und seine musische Bildung.

Das Publikum als Exempel
Positiv hervorzuheben ist einzig das Bühnenbild. Vasilis Triantafillopoulos ordnet Rothkos überdimensionale Gemälde in einem Atelier an, das gleichzeitig ausladend und dennoch irgendwie trist wirkt. Die nur scheinbar spannungssteigernde, faktisch aber völlig unnötige und nirgendwo hinführende Krimi-Episode rund um Kens ermordete Eltern soll hier nur am Rande erwähnt werden. Viel interessanter ist Rothkos Tirade gegen die sogenannte Prima-Gesellschaft – „alle mögen alles heutzutage“, sie hinterfragen nichts, finden also alles „prima“ –, denn hier stellt sich eine ungeahnte und wohl kaum beabsichtigte ironisch-satirische Wendung ein, die einer Gesellschaft den Spiegel vorhält: Das frenetisch applaudierende (meist eher den älteren Semestern zuzurechnende, mit Unmengen Goldschmuck behängte und anscheinend nicht allzu reflektierte) Publikum zum Schluss liefert nämlich ein ausgezeichnetes Beispiel für diese Theorie und suhlt sich im Gefallen am eigenen Kunstverständnis. Wäre das vom Autor doch nur so beabsichtigt gewesen.

 

Besprechung der Vorstellung am 28. Januar 2014.
Weitere Vorstellungen am 29. und 30. Januar 2014.

Dauer: ca. 90 Minuten

 

Besetzung
Dominique Horwitz
Benno Lehmann

Regie: Torsten Fischer
Bühne: Vasilis Triantafillopoulos

 

Im Netz
www.theater.winterthur.ch
www.renaissance-theater.de

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