Russ Kick (Hg.): “The Graphic Canon”

Graphisch. Literarisch. Kanonisch?

Russ Kick (Hg.): “The Graphic Canon. Weltliteratur als Graphic Novel. Band 1” (Graphic Novel / Sammelband)

Die Idee ist nicht neu – grosse literarische Werke in Comicform zu gestalten. Russ Kick hat mit seinem “Graphic Canon” eine ganze Sammlung herausgegeben, wobei er den Anspruch erhebt, die wichtigsten Werke der Weltliteratur in drei Bänden zu vereinen. – Diesem Anspruch wird er nicht gerecht, wenngleich einige hervorragende Graphic Novels in “The Graphic Canon” enthalten sind.

Von Andrea Müller-Schmuki.

thegraphiccanonNachdem Literaturadaptionen für Comic und Graphic Novel Ende der 60er Jahre zum Unding geworden waren, erleben sie nun gerade einen gewaltigen Aufschwung – und das weltweit. Russ Kick geht sogar noch einen Schritt weiter und gibt im ersten Band seiner Anthologie – einem mehr als 500 Seiten umfassenden Comicband in Übergrösse – mehr als 50 literarischen Werken Platz. Die unterschiedlichsten graphischen Adaptionen von literarischen Weltklassikern sind in einem, beziehungsweise in drei Büchern vereint. Zu den literarischen Werken und den Autoren gibt es dazu immer noch eine Einleitung, manchmal auch Informationen zu den Illustratoren oder Übersetzern.

Qualität

Die Qualität der einzelnen Graphic Novels schwankt drastisch. – Eine drei Panel umfassende Hamletadaption? In Ordnung! – Ein Einzelbild ohne Text als Graphic Novel zu bezeichnen, ist hingegen schon eine ziemliche Frechheit. – Dahingegen ist die Illustration zum vieldeutigen Tao Te King schlicht grandios und Shakespeares berühmtes Sonett 18 von Robert Berry und Josh Levitas adaptiert ist ganz einfach genial! Die Intertextualität, die darin bebildert wird: Leute, die Shakespeare lesen, der Zeichner selber, der gerade genau diesen Comic verfasst – zu den Zeilen “In ewigen Reimen ragst du in die Zeit. Solang als Menschen atmen, Augen sehn, Wird dies und du der darin lebt bestehen.” – Hervorragend!

Die Sammlung leidet keineswegs darunter, dass es nur sehr wenige namhafte Comickünstler in den “Graphic Canon” geschafft haben. Viele der (eher) unbekannten Künstler liefern nämlich sehr hochwertige und auch sehr abwechslungsreiche Graphic Novels. Die Illustrationen reichen von atmosphärisch dicht, archaisch, derb und zotig, über grotesk, aufs Wesentliche reduziert, ausladend und detailliert, schrullig und eigenwillig bis hin zu höchst stilisiert. Ausserdem ist gerade die Graphic Novel des wohl bekanntesten Künstlers Will Eisner eine ziemliche Enttäuschung; seine Darstellung zu “Don Quijote” wirkt uninspiriert, banal und ein wenig ideenlos; die Form folgt nur dem Inhalt, es wirkt wie eine reine Illustration; von einem eigenständigen Kunstwerk kann da kaum gesprochen werden, ganz anders als es viele andere Graphic Novel-Literaturadaptionen sind. Es wirkt fast wie zu “Classics Illustrated”-Zeiten!

Grossspurig

Nur schon ein Titel wie “The Graphic Canon” bzw. auf Deutsch “Weltliteratur als Graphic Novel” lässt hohe, vielleicht auch zu hohe Erwartungen im Leser aufkommen. Da stellt sich zunächst nur einmal schon die Frage: Was ist Weltliteratur? Und was gehört wirklich in einen Kanon hinein? Der amerikanische Herausgeber Russ Kick erklärt in seinem Vorwort auch schon selbstsicher, dass “fast jedes wichtige Werk der westlichen Literatur abgedeckt” wird. – Jedoch nicht nur das, sondern auch Literatur aus dem Osten ist vertreten. Und: Enthalten sind in dieser Sammlung sowohl Romane als auch Kurzgeschichten, Theaterstücke, Gedichte, Biographien, Reden, Briefe und auch wissenschaftliche, religiöse und philosophische Texte. – Wie sollte es bei dieser Bandbreite auch nur ansatzweise möglich sein, die wirklich wichtigsten Texte der Weltliteratur zu vereinen? Insbesondere da hier, im ersten Band, mit 57 Werken alles abgedeckt werden will, was von den Anfängen der Literatur bis Ende des 18. Jahrhunderts entstanden ist!

Weltliteratur?

Was Weltliteratur ist, scheint Russ Kick nicht wirklich begriffen zu haben. Der Anglozentrismus ist wohl das grösste Problem des “Graphic Canon”: Dem Leser werden verschiedene (amerikanische und britische) Texte geboten, von denen er noch nie etwas gehört hat, während literarische Grössen wie Gottsched, Boccaccio, Molière, Lessing, Rabelais und Schiller ausser Acht gelassen werden. Nicht einmal Goethes “Werther” hat es in den ersten Band der Anthologie geschafft – wo er ohne Zweifel hingehört hätte. – Dass jede anderssprachige Ausgabe, jeder Lizenznehmer das Recht hat, das Buch zu erweitern, bringt leider nicht viel, wenn wie in der deutschen vorliegenden Ausgabe nur ein einziger Text ergänzt wird. – Für die weiteren Bände bleibt bei der deutschsprachigen Ausgabe auf jeden Fall noch viel zu tun!

Viele Illustrationen wurden extra für diese Sammlung angefertigt und auch die anderen sind alles zeitgenössische Graphic Novels, sodass der “Graphic Canon” dem Leser vielleicht mehr ein Zeitbild der graphischen Möglichkeiten und Vielfalt liefert als einen Überblick über die Weltliteratur.


Titel: The Graphic Canon. Weltliteratur als Graphic Novel
Untertitel: Von Gilgamesch über Shakespeare bis Gefährliche Liebschaften
Herausgeber: Russ Kick
ÜbersetzerInnen: Klaus Binder, Karlheinz Dürr, Anne Emmert u.a.
Verlag: Galiani Berlin
Seiten: 504
Richtpreis: CHF 69.00

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