South Park – Der Stab der Wahrheit (Obsidian Entertainment / Ubisoft)

Konsequenter (Event-)fanservice

South Park – Der Stab der Wahrheit (Osidian Entertainment / Ubisoft)

south_park_headerPolitical Incorrectness, getarnt als präpubertäre Naivität mit dem gewissen Durchblick, den eben nur Kinder zu haben scheinen, schreiben die Geschichten der South-Park-Elementary-Schüler aus South Colorado. Die Produzenten Trey Parker und Matt Stone haben 1997 damit angefangen, ausgeschnittene Pappfiguren abzufilmen, ihre Geschichten zu erzählen und selbst zu synchronisieren.  Nach 17 Jahren ist die Animation digitalisiert, auf der Internetseite erlaubt ein AvatarCreator allerlei Unsinn und mehrere South Park-Spiele haben die Produzenten unzufrieden zurück gelassen. Diesmal nehmen sie daher den “Stab der Wahrheit” selbst in die Hand und entwerfen mit Hilfe der Rollenspielexperten von Obsidian Entertainment eine “interaktive Staffel” samt einer Riesenladung Fanservice. KAROLINE GORSKI konnte die neue Staffel auf einem PR-Event anspielen.

Zu Beginn steht das rollenspieltypische Kreieren des eigenen Charakters. Es gibt allerlei Möglichkeiten, sich in dem kleinen Pappmännchen wiederzuentdecken oder aber mit Narben, Kostümen und  Farben zu entstellen (oder zu verschönern). Dabei fügen sich die selbstgebastelten Figuren wunderbar in die von Matt und Trey geschaffene Umgebung ein. Als Neuer in der Stadt — es gab in der anspielbaren Version keine weiblichen Charaktere — werfen unsere Eltern uns mit strenger Liebe vor die Tür, damit wir dort Freunde finden. In South Park bedeutet dies, dass wir uns auf die Suche nach dem Charakter machen, von dem wir als erstes beleidigt oder diskriminiert werden dürfen. Recht schnell begegnen wir den serienbekannten Knaben Butters, Kyle, Stan, Kenny und Cartman und finden automatisch Anschluss. Sie spielen gerade eine Art Capture-the-Flag-Variante als Life-Action-Rollenspiel in einer mittelalterlichen Fantasywelt. Der Stab der Wahrheit ist dabei das umkämpfte Symbol der Macht. Cartman spielt den weisen Magier und König des Clans, von dem wir aufgenommen werden. Ungeachtet des eingegebenen Namen, wird uns ein wenig schmeichelhafter Spitzname verliehen und darauf herumgehackt, dass wir nie sprechen.

Innerhalb der Serie denken sich die Protagonisten wiederholt Spiele aus, die ausufern und in der Welt der Erwachsenen eine Katastrophe auslösen. Ob sie in der Episode “Fun With Weapons” mit scharfen Waffen “Ninjas” spielen, bis Butters einen Ninjastern ins Auge bekommt, oder ob sie in einem Motorboot “brumm, brumm” spielen, bis dieses sich versehentlich losreißt, einen Damm durchbricht und mehrer Orte überflutet: Dieses Schema lässt den schadenfrohen Fan im Laufe des Spiels auf eine Entgleisung ungeahnten Ausmaßes hoffen.p

Legen wir lso, slo…(…) …fangen wir an!

In der ersten Spielstunde lernt man RPG-typisch eigene Fähigkeiten und Potentiale, sowie das Kampfsystem kennen. Dies erinnert an keinen bisherigen Obsidian-Titel, sondern eher grob an Final Fantasy, mit Basisangriffen, klassenspezifischen Fähigkeiten oder Items, die angewendet werden, wenn es zu erheblichen Verletzungen oder Statusveränderungen kommt. Die Angriffe werden klassisch über ein Steuerrad im rundenbasierten Kampf ausgewählt. Die Steuerelemente wurden wiederum mit Fanservice vollgestopft, weswegen es die Kampfklassen “Ritter”, “Magier”, “Bogenschütze” und “Jude” gibt und die Angriffe auch auf die mitstreitenden Charaktere zugeschnitten sind. Butters zieht beispielsweise mit seiner niedlichen Art alle Wut der Gegner auf sich oder gibt dem Neuen eine Lebensenergie wiederherstellende Massage. So wirken die serienfremden Elemente ebenso erheiternd wie die erkundbare Welt. Das funktioniert wunderbar, die Kämpfe könnten allerdings, gerade wegen ihrer langwierigen Art, ein wenig zu viel Zeit in Anspruch nehmen — wieder eine Parallele zu Final Fantasy. Wer sich erinnern mag, hier kann es schon mal eine halbe Stunde dauern, einen kurzen Weg zwischen zwei Städten hinter sich zu bringen, weil überall Kämpfe lauern, welche jeweils nicht mit einem raschen Schlag in die Weichteile beendet werden können, da jeder Gegner XP und Schätze bereithält.

Somit wird es in South Park – Der Stab der Wahrheit darum gehen, herumzulaufen, die Stadt und ihre Bewohner zu beobachten, mit den anderen Kindern zu reden, angegriffen zu werden, zu kämpfen und Schätze von den besiegten Gegenern einsammeln, um sie hinterher zu verkaufen und seine eigenen Angriffswerte hochzutreiben. Es schien bislang keine genrerevolutionierenden Neuheiten vorzuweisen, ABER — und das könnte das Entscheidende sein — die Welt und die Geschichte werden sich ins Außerordentliche entfalten.

Die South Park-Serie mag einige schwache Folgen oder sogar Staffeln gehabt haben. Die Zusammenfassung der besten Episodeninhalte wird aber dennoch zum Kauf verführen wie Kätzchen-Compilations täglich Millionen Mädchen und Jungen zum Klicken. Bereits anhand der ersten Spielstunde und des Werbeaufwands steht zu erwarten, dass die Gelüste jedes South Park-Enthusiasten befriedigt werden: jeden, der die Serie nur ein oder zwei Mal gesehen hat und auch die, die keine Folge seit 1997 verpasst haben. Es bleibt abzuwarten, ob alle Episodenschauplätze und alle Absurditäten in einer bewohnbaren und erkundbaren Welt versammelt werden. Die Aliens, die Cartman in der ersten Folge entführt haben, werden wohl ebenso eine Rolle spielen wie später eingeführte Gesellschaftsgruppen und Figuren — Crabpeople etwa oder Hr. Hanky der wandelnde Kackhaufen.

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Die Spielmechanik ist gelungen. Es sollten keine bösen Bugs zu erwarten sein, die unvoreingenommenen Spielern den Spaß verderben. Der eigene Charakter wächst, verändert sich, wird mit gefundenen oder gekauften Gegenständen angepasst und seine Fähigkeiten aufgewertet. Die rotzige Optik kann indessen abstoßen oder aber besonders interessant wirken, zumal die Komik auch ohne Hintergrundwissen zündet. Das Spiel ist eindeutig für Liebhaber konzipiert und lässt diese nach der ersten Teststunde in großer Erwartung und Vorfreude zurück. Die fehlende deutsche Lokalisation lässt sich für Fans sicherlich verkraften. Verkraften bedeutet jedoch nicht, für Sprachfremde zu genießen, dazu geht für die arg viel Text verloren, die auf das Lesen angewiesen sind. Die gesprochene Sprache ist zu schnell, um dem Inhalt vollständig samt all seiner Wortwitze und Anweisungen, zum Beispiel beim Kampftraining, zu folgen. Es wäre schön, die Option auf Originalton zu haben, während die lieb gewonnenen Stimmen uns leicht verständlich durch das Spiel beleidigen, äh begleiten. Ein wenig schade ist, dass es keinen spielbaren weiblichen Charakter gibt. Immerhin kann nicht bestritten werden,  dass Kenny die hübscheste Maid im Königreich ist. Möglicherweise wollen die South-Park-Mädchen keinem der Jungsklans angehören. Damit bleibt zu hoffen, dass die Mädchen eine eigene Episode erhalten. Da bislang alle Gesellschaftsgruppen eine Hommage auf die ein oder andere Weise erhielten, bleibe ich optimistisch.

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