Elfriede Jelinek “Über Tiere” | Schauspielhaus Zürich

Über Tiere – Überdeutlich

Über Tiere

Tina Laniks Inszenierung von „Über Tiere“ widmet sich einem delikaten Thema über eine schwierige Textvorlage von Elfriede Jelinek. Es ist zwar dieser Textvorlage zu verdanken, dass der Thematik ohne Umschweife oder Rücksicht auf gesellschaftliche Sensibilitäten auf dem Grund beziehungsweise an die Wäsche gegangen wird, doch es stellten sich dafür andere Schwierigkeiten ein, etwa bei der Umsetzung.

Von Daniel Riniker.

„Bei mir kriegen erst mal alle eins auf die Mütze, und dann schaue ich nach, wer drunter war, wer es wieder mal abgekriegt hat“, sagte Elfriede Jelinek mit Blick auf ihr Stück „Über Tiere“. Und in Tina Laniks Umsetzung ebendieses Stücks kriegen all jene eins auf die Mütze, die das im horizontalen Gewerbe auch verdient haben. Und zwar gehörig.

Denn es wird kein Zweifel daran gelassen, dass die Prostitution, wie sie heute bei uns praktiziert wird, ein menschenverachtendes, grausames und tierisches Gewerbe ist. In einer von Ed Ruschas „Tulsa Slut“ inspirierten Felseinöde spielt sich mit hoher Intensität und in schriller Überzeichnung die sexuelle Ausbeutung der Frauen in verschiedenen Stadien und Ausprägungen ab, so wie wir uns das nie vorstellen wollten. Hereingelegt und ausgenutzt, rücksichtslos verschachert und bis aufs Letzte von ihren Zuhältern ausgepresst präsentieren sich die Prostituierten in „Über Tiere“. Die männlichen Figuren hingegen sind von Trieben und sexuellen Beherrschungsfantasien entstellte Freier zum einen und krankhaft geldgierige und brutale Zuhälter zum anderen. Deren Rohheit bis zur Entmenschlichung entsetzte wohl jeden Zuschauer, wenn denn dazu Zeit geblieben wäre, bevor man vom Fluss des Stückes bereits in die nächste Tiefe des „ältesten Gewerbes“ gezogen wurde.

Ein Hauch von Strich
Es ist sicherlich richtig, diese widerliche Facette er Prostitution, in aller Deutlichkeit und ihrem abscheulichen Wesen zu offenbaren. Dass viele der widerwärtigen Dialoge laut Jelinek „O-Ton“ seien, schockiert dazu noch mehr. Es ist durch Licht, Ton und grossen Einsatz der vier Schauspielerinnen gelungen, eine Atmosphäre zu schaffen, welche aller Überzeichnung und Verfremdung zum Trotze einen Hauch dieser erschreckenden Realität des Strichs auf die Bühne des Schiffbaus übertrug.

Mit grosser Feinheit und viel Wortwitz wurden überdies immer wieder Akzente gesetzt und einzelne Aspekte mit Eindringlichkeit und Nachdruck vertieft. So bot zum Beispiel gleich zu Beginn ein langer Monolog tiefen Einblick in die Seelenwirren einer Frau, die, wie Jelinek sagt, „natürlich nicht gekauft wird, sondern bereits verkauft ist, ohne es zu wissen“.

Der nachträglich hinzugefügte Teil über die Situation in Zürich und die Errichtung der Sexboxen in Altstetten hingegen fiel qualitativ vom Rest des Stückes ab. Trotz einigen treffenden Pointen konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, die Autorin habe damit noch eine wenig inspirierende und oberflächliche Pflichtaufgabe gegenüber dem Schauspielhaus zu erfüllen versucht. Auch konnte der Schwung, der dem Rumpf des Stückes so viel Leben eingehaucht hatte, nicht in diese Zusatzübung mitgenommen werden.

Fehlende Struktur
„Über Tiere“ ist eine mitreissende Inszenierung, welche entblösst, entstellt und anprangert was angeprangert zu werden verdient. Darüber hinaus wird durch das spektakuläre Bühnenbild und die Kostüme, die einem Konzert der Band „Bonaparte“ entsprungen sein könnten, auch optisch viel geboten. Jedoch gelingt es kaum, dem extrem dichten Textblock des Stückes strukturierende Elemente zu verpassen, oder sich von dem von Jelineks Vorlage diktierten rasanten Rhythmus zu emanzipieren, was der szenischen Umsetzung sicherlich gut getan hätte. Die Aufführung ist für einen Zuschauer, welcher sich nicht an einem Skript orientieren kann, schnell überfordernd, da Ohr und Verstand nicht so schnell verarbeiten können, was in wahrem Schnellfeuermodus vorgetragen wird.

Besprechung der Vorstellung vom 22. Februar 2014.

 

Dauer: ca. 130 Minuten

Weitere Vorstellungen: 24./25./28. Februar, 1./3./5./7./9./11./12./19./20./22. März 2014

 

Regie: Tina Lanik
Bühne: Stefan Hageneier
Kostüme: Nana Kolbinger
Musik: Pollyester
Licht: Gerhard Patzelt
Dramaturgie: Andreas Karlaganis
Regieassistenz: Barbara Falter
Bühnenbildassistenz: Prisca Baumann
Kostümassistenz: Reto Keiser
Regiehospitanz: Lea Hegemann
Souffleuse: Katja Wepler
Inspizienz: Dagmar Renfer
Spiel: Julia Kreusch, Lisa-Katrina Mayer, Isabelle Menke, Lena Schwarz

 

Im Netz
www.schauspielhaus.ch

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