Für eine Hand voll Rupien

Für eine Hand voll Rupien

Winterliches Sportvergnügen in Kashmir

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Rhythmisch stampfen unsere Skischuhe über den löchrigen Asphalt, während hinter uns die letzten Sonnenstrahlen über den Berggipfeln verschwinden. Die Oberschenkel brennen von vielen Höhenmetern im Tiefschnee doch beide Gesichter ziert ein breites Grinsen. Im Vorbeigehen nicken wir Männern in langen Gewändern zu, die für ein paar Rupien Touristen auf Holzschlitten umherziehen. Die Affen in den schneebedeckten Bäumen neben der Strasse beobachten uns neugierig.

Von Harald Schreiber

Berichte in Skimagazinen über die zweithöchste Gondelbahn der Welt und Kilometer unberührten Pulverschnees waren der Auslöser für unsere Flugbuchung einige Monate zuvor gewesen. Die Ankündigung dieser Reise hatte im Kreis der Bekannten und Familie für gemischte Reaktionen gesorgt. Die Zweifler wurden vor allem dadurch verstärkt, dass es seit Januar 2013 im langjährigen Pulverfass Kashmir erneut zu rumoren begonnen hatte. Online-Portale berichteten von Protesten und Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und jungen Muslimen in der Hauptstadt Srinagar. Auch das EDA riet von Reisen ins Kashmirtal ab. Verunsichert suchten wir Rat bei meinem Bekannten Dave, der die Gegend gut kannte. Der Amerikaner Dave Watson, Profiskifahrer und Erstbefahrer des K2, hatte sich vor ein paar Jahren um die Ausbildung von lokalen Lawinenrettern in Kaschmir gekümmert. „Don’t worry, enjoy the curry powder“, lautete seine Antwort. Unruhen und Ausgangssperren würden von den lokalen Medien aufgebauscht. Am Tag darauf sassen wir im Flugzeug: Auf Wiedersehen Rheintal, Assalām ‘alaikum Kashmir.

Dank der Gepäckverordnungen der Swiss reisten Ski und Snowboard bis Delhi gratis. Für den Inlandflug in den Norden des Landes mussten wir für 10kg Übergepäck sagenhafte 15 Franken Busse bezahlen. Nach rund siebzehn Stunden Reisezeit, inklusive acht Stunden Aufenthalt in Delhi fanden wir uns in Srinagar wieder. Die Straßen wirkten deutlich sauberer als in Delhi. Dunkle, wettergegerbte Gesichter, Bärte und weite Gewänder dominierten das Strassenbild. Der größte Teil der Bevölkerung Kaschmirs sind Moslems, Hindus machen weniger als 30% Prozent aus. Aufgrund der seit Jahren problematischen Verhältnisse mit dem benachbarten Pakistan und innenpolitischen Spannungen gehört Kaschmir zu den am stärksten militarisierten Zonen der Welt. Die hohe Dichte an bewaffneten Soldaten wirkte im ersten Moment einschüchternd auf uns, doch die Einheimischen schienen vom Militär keinerlei Notiz zu nehmen.

Wir verluden unser Gepäck auf das Dach eines verrosteten Jeeps mit der Aufschrift „Ski Himalaya“ und verliessen Srinagar in Richtung Osten. Die rund 60km lange Fahrt ins Bergdorf Gulmarg ist ein Abenteuer für sich. Die Einheimischen unterbieten sich gerne gegenseitig mit ihren Streckenzeiten. Die Hupe ist dabei in Kaschmir deutlich wichtiger als die Bremse.

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„Welcome to Kashmir, the paradise on earth.“ Billa Bakshi, der 30-jährige Besitzer des Hotels Global und Betreiber von Kaschmir Heliski lachte uns mit kleinen Augen durch den süsslichen Rauch seiner selbstgedrehten Zigarette an. Billa war uns von Dave als guter Freerider empfohlen worden. Mit seinen weit geschnittenen Skihose und der Sonnenbrille auf dem Kopf wirkte Billa nicht wie der typische Kaschmiri. Wir hatten uns mit ihm im Aufenthaltsraum des Global verabredet, um bei einer dampfenden Tasse Kawa, dem Nationaltee der Kaschmiris, den ersten Ausflug auf den Berg zu planen.

Für 400 Rupien (etwa 5 Euro) befördert die Gondel Touristen auf den Mount Apharwat. Die Bergstation der Gondel liegt auf 3980m, nicht weit vom Gipfel auf 4200m entfernt. Als höchste Gondelstation Asiens und zweithöchste der Welt erfreut sich der Ort einer hohen Beliebtheit unter indischen Touristen. Ski und Snowboards werden mit in die Kabine genommen, auch wenn die Tür dann nicht mehr schliesst und die Latten oben hinaus ragen.

Der Mount Apharwat gleicht von der Form her keinem Viertausender in den Alpen. Statt eines deutlich erkennbaren Gipfels weist er ein mehrere Kilometer breites, leicht ansteigendes Gipfelplateau auf. Auf der Ostseite des Berges findet sich eine Vielzahl von Tälern bzw. breiten Rinnen, von denen die meisten in einem konstanten Gefälle zwischen 30 und 35 Grad zurück zur Mittelstation auf 3‘099m oder direkt nach Gulmarg führen.

Unmittelbar auf der Bergkette verläuft die Line of Control zwischen Indien und Pakistan, was eine hohe Militärpräsenz zur Folge hat. Die Gondel dient als Transportmittel und Verbindung zur Aussenwelt für das permanent bemannte Camp der indischen Armee auf fast 4000m. Konfrontationen zwischen Militär und Freeridern gibt es selten. Längst haben sich die Soldaten an die irren Touristen auf den breiten Brettern gewöhnt, die sich todesmutig den Berg hinunter stürzen. Gemäss Billa hätten nur lokale Skifahrer öfter Schwierigkeiten mit dem Militär, da die lokalen Skifahrer aufgrund der dunklen Hautfarbe oft für Pakistanis gehalten würden.

Die besten Monate für Pulverschneehungrige sind Januar und Februar. Tagelange Schneestürme und drei Meter Neuschnee sind in dieser Zeit keine Seltenheit. Doch unsere späte Anreise im März hatte einen anderen entscheidenden Vorteil: viele der Skifahrer und Snowboarder, die die ganze Saison in Gulmarg verbracht hatten, waren bereits weitergereist. Als uns nach vier Tagen der angekündigte Schneesturm einen halben Meter Neuschnee bescherte, hätte die Ausgangslage nicht besser sein können. Insgesamt acht Freerider aus allen Ecken der Welt teilten sich ein nicht enden wollendes Angebot an unberührten Pulverschneehängen.

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Von der Bergstation aus lassen sich viele Täler und Rinnen problemlos ohne grösseren Aufstieg erreichen. Tage mit über 5‘000 gefahrenen Höhenmetern sind somit in Gulmarg keine Seltenheit. Gondola Bowl, die Rinne direkt unter der Gondel, ist das einzige Tal, das nach Schneefällen von der Lawinenaufsicht gesprengt wird. Wer die Abfahrten südlich der Station geniessen möchte, sollte die Skistöcke bereithalten. In der Nähe des Army Camps leben zwei wilde Hunde, die mit Vorliebe Jagd auf traversierende Skifahrer machen. Neben ihnen verblassen auch die richtigen Wildtiere wie Bären und Leoparden, von denen man im Regelfall nur Spuren im Schnee findet.

Eine willkommene Abwechslung zu schnellen Abfahrten und Hunderennen bietet das menschenleere Hinterland in Richtung der Line of Control. Dafür steigt man mit Fellen rund 45 Minuten lang auf in Richtung Nordwesten. Schon von weitem sind die eindrücklichen Klippen Shark’s Finn und Great White dahinter erkennbar. Dank ihrer nördlichen Ausrichtung bieten sie auch Tage nach dem letzten Schneefall geschätzte 200 Höhenmeter steilen Pulverschneegenuss. Spätestens hier wird sicherheitsbewussten Mitteleuropäern die eigene Exponiertheit mit voller Deutlichkeit bewusst. In Gulmarg gibt es keine Luftrettung und kein professionelles Lawinenbulletin wie in der Schweiz. Jeder Fahrer ist zu 100% für sich verantwortlich und muss sich voll auf seine Tourenpartner verlassen können. Die komplette Lawinensicherheitsausrüstung bestehend aus Barryvox, Schneeschaufel und Sondierstange ist ein Muss. Viele Fahrer sind zudem mit einem Lawinenairbag-Rucksack ausgerüstet.

Während unseres zweiwöchigen Aufenthalts in Kashmir fühlten wir uns zu keiner Zeit unsicher oder bedroht. Das Land, das noch von Bill Clinton als „gefährlichster Ort der Welt“ bezeichnet worden war, zeigte sich uns von der besten Seite. Die Einheimischen begegneten uns als äusserst freundlich und offen. Der Skiort Gulmarg schien während unseres Besuchs von den politischen Spannungen in der Region auf wundersame Weise unberührt. Hotels, Skischulen, Shops: die meisten Unternehmen werden von jungen Männern um die 30 geführt, die alle längere Zeit im Ausland verbracht haben. Trotz der instabilen innenpolitischen Lage und dem ewig währenden Konflikt mit dem Nachbarland haben sie sich nach ihrem Abschluss entschieden, wieder zurück zu kommen und etwas aufzubauen. Sie haben die Nase voll vom Gerede über Militär und politische Spannungen. Billa Bakshi sieht im Skitourismus den Schlüssel zur ökonomischen und politischen Stabilität seines Heimatlandes. „Drop cliffs, not bombs“, lacht er mit einem Funkeln in den Augen und rollt sich die nächste Zigarette.

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