Playstation 4 – eine Launch-Nachlese

The next generation of “Big f*ck you”?

Eine Playstation 4-Launch-Nachlese

Einhundertelf Tage ist Sonys vierte Inkarnation der Playstation jetzt offiziell auf dem deutschen Markt erhältlich. Oder eben auch nicht — denn die Liefersituation ist seit dem Erscheinungstag angespannt, Garantiefälle arten häufig zu Problemfällen aus und auch der Spielenachschub lässt derzeit noch auf sich warten. Macht sich also schon Katerstimmung breit beim geneigten Freund des futuristischen Kunstoffkästchens aus dem Hause Sony? Es ist zumindest Zeit für eine kritische PS4-Launch-Retrospektive in drei Akten, findet DANIEL APPEL.

By Evan-Amos (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons

1. Akt: Die kurze Chronik eines Wechselbads der Gefühle

11. Juni 2013 – Los Angeles Convention Center: Applaus brandet auf, nachdem die letzten Töne auf Sonys Pressekonferenz verklungen sind. Die Playstation 4 wurde soeben erstmals offiziell der Weltöffentlichkeit präsentiert und Sony hat alle Register gezogen: Leistungsfähiger als die Konkurrenz, preiswerter als die Konkurrenz, schicker als die Konkurrenz, mit klarerem Spielefokus als die Konkurrenz und ganz ohne die damals angekündigten DRM-Gängelungen, mit denen Microsoft sich die Sympathien der potenziellen XBox-One-Käufer verscherzte. Zwar blieben die ganz großen Überraschungen bei den exklusiven Triple-A-Titeln aus, dafür konnten die Japaner zahlreiche Indie-Größen für die eigene Plattform gewinnen und mit viel Humor einiges an Profit aus dem beispiellosen PR-Desaster des Redmonder Mitbewerbers schlagen.

Die Vorzeichen standen also ausgesprochen gut für Sonys neueste Spielekonsole — und der beinahe zeitgleiche Launch in allen weltweit relevanten Kernabsatzmärkten tat sein Übriges, um die Spielergemeinde investitionsfreudig zu stimmen. Ein Regen an Vorbestellungen prasselte auf die großen Versandhändler nieder und selbst Branchenprimus Amazon musste bereits nach wenigen Wochen die Liefergarantie zum Erscheinungstag einschränken. Anderen Händlern erging es nicht besser, die großen Elektronikmärkte stoppten die Annahme von Vorbestellungen, erste Gerüchte über mögliche Produktionsengpässe machten die Runde. Die Euphorie in Spielerkreisen blieb allerdings ungebrochen und der Strom der Vorbestellungen riss nicht ab, sondern zog ob der drohenden Konsolenknappheit und der herannahenden Weihnachtsfeierlichkeiten nochmals kräftig an. Während Microsofts wenige Wochen zuvor erschienene XBox One in größeren Stückzahlen die Flure der Elektronikmärkte verstopfte, stand der Launch der PS4 unmittelbar bevor und langsam aber sicher wuchs das Unbehagen auch bei den panikresistenten Spielern: Der großangelegte US-Launch am 15. November, bei dem Hunderttausende leer ausgingen, ließ nichts Gutes für Europa erahnen. Interessierte, die sich erst jetzt zum Reigen der Vorbesteller gesellten wurden direkt auf den Februar vertröstet, alle die noch später kamen auf einen unbestimmten Zeitpunkt im Frühjahr oder Frühsommer 2014. Die allgemeine Vorfreude schlug bei vielen Spielern allmählich in Ernüchterung um.

In der Nacht vom 28. auf den 29. November zerschlugen sich dann vor dem Sony Center in Berlin auch die vorsichtigen Hoffnungen zahlreicher Verschwörungstheoretiker und Optimisten, die wenige Tage zuvor in diversen Online-Foren noch von bloßer Panikmache und künstlichem Hype durch bewußt suggerierte Konsolenknappheit seitens Sonys sprachen. Beflügelt von dem vollmundigen Versprechen der deutschen Sony-Presseabteilung, dass beim Berliner Launchevent kein Kaufinteressent leer ausgehen würde, strömten bereits ab den frühen Mittagsstunden gut fünftausend Menschen zum Berliner Flagshipstore des japanischen Elektronikkonzerns — mehr als die Hälfte ging nach langen Stunden des Wartens mit leeren Händen nach Hause. Ein ähnliches Bild bot sich am nächsten Morgen vor den wenigen Elektronikmärkten, die Konsolen zum freien Verkauf anboten: Dreihundert Wartende und mehr, die bei Ladenöffnung auf die zwanzig verfügbaren Konsolen einstürmten — Prellungen und Abschürfungen inklusive. Ein logistisch halbwegs gelingender Produkt-Launch sieht, selbst bei solch erschreckend gierigen Massen, definitiv anders aus.

Während die Preise für die Playstation 4 am Erscheinungstag auf den einschlägigen Online-Auktionsplattformen kurzfristig die 1000€-Marke knackten, erste Meldungen von massenhaft auftretenden Hardwaredefekten (“Blue Light of Death”) die Runde machten, sich über fünfhundert entsprechend abstrafende Amazon-Rezensionen auftürmten und selbst die hartgesottenen Sony-Jünger in den offiziellen Foren über eine monatelang (!) kaum erreichbare Support-Hotline und mehrwöchige Reperaturzeiten klagten, stapfte Sonys Presseteam munter von einem Fettnäpfchen zum nächsten: So feierte man parallel zu diesen Entwicklungen in einer Pressemitteilung lauthals den “erfolgreichsten Konsolenstart aller Zeiten”, beschenkte trotz ellenlanger Vorbestellerlisten Fußballnationalspieler Toni Kroos öffentlichkeitswirksam mit einer brandneuen PS4, sprach im Bezug auf die Harwaredefekte von “gewöhnlicher Serienstreuung”, einem äußerst zuverlässigen Produkt mit einer geringen “Ausfallquote von nur 0,4%” und schob bezüglich der Hotline noch im Januar das “allgemein gesteigerte Anruferaufkommen zu Weihnachten” vor. Selten fielen Marketingdarstellung und Realität derart offenkundig auseinander.

Und heute? Hat sich die Situation in den vergangenen zwölf Wochen nennenswert gebessert? Die Antwort fällt auch hier ernüchternd aus. So ist zwar Sonys Service-Hotline wieder regelmäßig erreichbar und der Konsolenaustausch im Garantiefall geht offenbar aufgrund realistisch kalkulierter Ausfallzahlen schneller vonstatten — aber auch wenn das Balsam für die Seele des defektgeplagten Spielers sein mag: Adäquater Service im Garantiefall ist und bleibt ein fester Bestandteil im Pflichtenheft eines jeden Konzerns. Anerkennung oder gar Lob wäre in diesem Falle fehl am Platz. Zudem sind die Lieferengpässe längst nicht behoben, die Vorbesteller-Listen nach wie vor lang und der Software-Nachschub jenseits einiger weniger PSN-Spielchen so gut wie nicht vorhanden. Kein Wunder, kann man doch als Publisher mit Sicherheit davon ausgehen, dass sich die Hardwarebasis in den nächsten drei Monaten garantiert verdoppelt — und der eigene Absatz idealerweise auch. Einziges Trostpflaster: Bei allerhand Resellern und privaten Verkäufern ist die Playstation 4 derzeit in Deutschland für rund 500€ zu haben und damit auch nicht teurer als Microsofts XBox One. Und wer die Kreditkarte zückt und im europäischen Ausland bestellt, hat sogar gute Chancen zeitnah eine neue PS4 zu UVP-Konditionen mit nur geringem Portoaufpreis in den Händen zu halten. Über Sonys beispielloses Launch-Versagen tröstet das freilich nicht hinweg — und man darf gespannt sein, ob Sony in den nächsten hundert Tagen wenigstens softwareseitig Wiedergutmachung leistet.


Ob die Hardware wenigstens technisch die vollmundigen Versprechungen seitens Sony einlösen kann, lest ihr morgen im 2. Akt unserer Launch-Nachlese.

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