Ives Thuwis „Männer“ | Kaserne Basel

Rollenbilder – Fragezeichen

Foto | Copyright: Uwe Heinrich

Das Junge Theater Basel widmet sich in seiner neuesten Produktion den Fragen und Fragezeichen rund um das Thema Männer und Männlichkeit. Welches sind die Rollenbilder die sich heute dem vermeintlich starken Geschlecht zur Identifikation anbieten? Und wie werden diese bei der Formung und den Fragen zur eigenen Identität angenommen, erweitert oder verworfen.

Von Christoph Andreas Schmassmann.

Eines bleibt nach der Vorstellung gewiss: Fragezeichen bleiben mehrfach offen, als dass konkrete Antworten angeboten werden. Und so stellt denn auch die Inszenierung sich einer neuen Form, die bisher dem von Sprechtheater dominierten Jungen Theater Basel eher vernachlässigt wurde: dem Tanz- und Bewegungstheater und versucht damit einen bisher mehrheitlich ausgesparten Diskurs neu zu eröffnen oder zumindest thematisierbar zu machen.

Körperlichkeit
„Männlichkeit definiert sich auch heute noch ganz stark über den Körper,“ so stellt es einer der Spieler und Tänzer aus dem Ensemble dar. Und so ist dann auch das von Ives Thuwis zusammen mit dem Ensemble entwickelte Stück reich an vor Körperlichkeit strotzenden Bildern, die sehr nahe an unserem in Normen und Klischees verhafteten Alltag gestaltet sind. Aus diesem entnommen, bieten sie Anlass dafür, in konkret nach dem Tanz- und Bewegungstheater gestalteten Formen von Choreographien überzugehen, die so aber auch für den einfachen, in der Sprache des Tanztheaters wenig bewanderten Zuschauer lesbar werden. Gerade so wird einem quasi über energetisch über die Rampe hinaus bordende Bewegungsabläufe eines ganz klar vor Augen geführt: Wie in den synchronisierten Motionen und Emotionen der Choreographie ein ums andere mal schön und unvorhersehbar der einzelnen Tänzer ausbricht und so über die Form die Individualität der Spieler zutage tritt. Zwang der Norm und Gruppendruck hin oder her – es werden die einzelnen Typen plötzlich gerade über die Stereotypen, die sie vermeintlich vertreten, mehr und mehr als Individuen erkenn- und lesbar.

Ehrlichkeit über Körperlichkeit
Befragt nach dem konkreten Anlass, den Begriff des Jungen Theaters in Richtung des Tanz- und Bewegungstheaters zu erweitern, wie es Uwe Heinrich aus der Leitung und Dramaturgie darstellt, bringt man(n) aus dem Ensemble es nochmals schön auf den Punkt: „Den eigenen Körper nach dem Geschlecht zu befragen, ist um einiges ehrlicher als über Textmaterial.“ Ein Bild der Männer also, denen angesichts der sich in der Gesellschaft zirkulierenden und vor Männlichkeit strotzenden Stereotypen die Sprache ausgeht? Keineswegs! An die Grenzen des noch aushaltbaren getriebene und sogar über ihre eigentliche Leistungsfähigkeit hinausgehende Figuren brechen so nicht nur aus den Grenzen ihrer eigenen Körperlichkeit aus.

Foto | Copyright: Uwe Heinrich
Foto | Copyright: Uwe Heinrich

Gerade in ihrer Verletzbarkeit gewinnen sie so über die einzelnen Körper umso stärkere Konturen, treten quasi aus sich selbst hinaus, um so zu Textpassagen anzusetzen, die – am Rande der Erschöpfung gesprochen – vor allem eines sehr stark verdeutlichen: Gebt uns eine Sprache, eine Stütze, die uns hilft unsere Identität zurück zu gewinnen. Die ganze um das Geschlecht der Frau kreisende Genderdebatte hat es in diesem Sinne schon vorgemacht: Sprache kann helfen, bei der Schaffung von neuem Selbstverständnis im Bezug auf die nach wie vor in männlich und weiblich getrennten, gesellschaftlich und kulturell determinierten Rollenmuster und hat so auch den Körper als Träger des Geschlechts bis in seine Auflösung dekonstruiert. Auch das wird einem hier anhand der jugendlichen Torsos, in Momenten und Formen des Cross Gender mit einer brüsken Eindeutigkeit vor Augen geführt. Und das tatsächlich jenseits von literarischen oder dramatischen Vorgaben, die sich zur Thematik, wie sich Männlichkeit und das männliche Geschlecht heute definiert, offenbar gleich haufenweise hätte zusammentragen lassen, sondern mit Fundstücken und textuellen Objets trouvés aus dem einfachen und konkreten Alltag der jugendlichen Spieler.

Ehrlichkeit?
Haufenweise Textmaterial? Moment, das sei erst einmal zur Debatte gestellt und macht man schliesslich die Probe aufs Exempel, so findet sich beispielsweise in der Bibliothek gleich eine ganze Regalwand mit sogenannter Frauenliteratur – also Bücher, die das weibliche Geschlecht thematisieren. Und wo sind die Männer vertreten? Im Gegensatz zur Literatur, die von Männern verfasst wurde, ist da nur ein verschwindend kleines Regalbrett vorhanden, das Männlichkeit zum Thema macht und den Mann im Verhältnis der Geschlechter thematisiert. Dieses Ungleichgewicht erstaunt natürlich wenig angesichts der Souveränität und dem Selbstverständnis mit dem sich die Menschheit über Jahre in den über den Mann definierten Geschlechterrollen bewegt hat. Doch zeigt sich auf der anderen Seite eines sehr deutlich: dass sich neben der richtig und wichtigen Bewegung der letzten Jahrzehnten, in denen sich das weibliche Geschlecht (falls man das überhaupt noch als Richtwert oder Kategorie anführen darf) von einer von Männern dominierten Welt zu emanzipieren begann, geriet ihr Gegenpart nach und nach in ein Hintertreffen. Vieles und vielleicht zu Vieles blieb in dem alten Selbstverständnis und den bis dahin etablierten Rollenbildern verhaftet. Und umso brisanter scheinen denn auch Stücke und Debatten, die den Mann zum Gegenstand haben und so seine über die Jahre und Jahrzehnte  brüchig gewordene Souveränität thematisieren. Und wenn auch keine fertigen Lösungen angeboten werden können, so sind doch zumindest die ganzen Fragezeichen um die Identitäten der Geschlechter und ihr Verhältnis zueinander neu zu setzen und mit neuen Akzenten zu versehen.

Dauer: ca. 60 Min.

Weitere Vorstellungen: 2./3./4. 9./10./11./25./26. April  und 7./8./9./10. Mai

Choreographie: Ives Thuwis – De Leeuw
Kostüme: Ursula Leuenberger
Dramaturgie: Uwe Heinrich
Choreographie Assistenz: David Speiser
Licht: Heini Weber

Spieler und Tänzer: Malik Abdi, Anton Baecker, Jan Degen, Dominik Holzer, Alex Megert, Mattia Meier, Than Tu Ha

Im Netz
www.jungestheaterbasel.ch

 

Christoph Schmassmann

Hat Literatur und Philosophie an der Universität Basel und Theater an der Universität in Bern studiert - zur Zeit verfasst er regelmässig Beiträge für verschiedene Magazine und das Radio: Kultur, Architektur und Politik gehören zu seinen Schwerpunkten. Daneben verfolgt er eigene Kunstprojekte und konzipiert installative Performance Abende.

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