Nicolas Mahler nach Robert Musil: “Der Mann ohne Eigenschaften”

Gigantischer Minimalismus

Nicolas Mahler nach Robert Musil: “Der Mann ohne Eigenschaften” (Graphic Novel)

Wie kann man sich einen „Mann ohne Eigenschaften“ vorstellen? Genau: wie eine Comicfigur von Nicolas Mahler. Der österreichische Meister des Minimalismus adaptiert einen der mächtigsten Romankolosse der deutschen Literatur – und das Resultat ist unverhofft stimmig!

Von Lisa Letnansky.

MahlerMusilNicolas Mahlers Figuren haben keine Augen, keine Ohren und meist auch keine Münder. Sie bestehen quasi aus einem Bauch und einer langen Nase – und aus viel Charakter. Der reduzierte Stil und durchgängige Minimalismus des 1969 geborenen österreichischen Zeichners scheint die perfekte Grundlage zu geben für einen „Mann ohne Eigenschaften“. Aber natürlich nur als Illustration, denn eine grafische Adaption des mehr als 2000 Seiten umfassenden Mammutwerks Musils ist doch überhaupt undenkbar, geschweige denn eine in nur 156, teils nur rudimentär genutzten Seiten!

Dass diese Annahme grösstenteils – wenn auch nicht gänzlich – falsch ist, zeigt die nun im Suhrkamp Verlag erschienene Bearbeitung des „Mannes ohne Eigenschaften“, die zwar als „Graphic Novel“ angekündigt wird, der diese Bezeichnung aber nur bedingt gerecht wird. Mahlers Adaption wirkt viel eher wie eine spielerische, bildhafte Annäherung an einen nicht zu bewältigenden Stoff, die gerade deshalb so überzeugt, da sie nur anzunähern und eben nicht zu bewältigen versucht.

Reduktion statt Ausschweifung

Da taumelt ein rundes Strichmännchen durch die Welten des frühen 20. Jahrhunderts, sucht seinen Platz und die Zukunft und findet doch weder sein Glück noch sich selbst. Musils ausuferndem Erzählstil setzt Mahler die Reduktion gegenüber, überraschenderweise mit ganz ähnlichem Effekt: beide Werke lassen viel Platz für eigene Reflexionen und Anknüpfungspunkte für weiterführende Überlegungen. Fast gänzlich ohne Worte schildert Mahler den Lauf der stets individuell empfundenen Zeit, wie sie manchmal rast (dann sieht man nur Teilbilder, als ob die Dinge zu schnell vorübergingen, um sie festzuhalten) und manchmal dahin kriecht (dann sieht man Ulrich sich beispielsweise aus seinem Sessel erheben und einem Boxsack einen Schlag verpassen, was sich jedoch über minimale Entwicklungsstufen quasi in Stop-Motion-Manier über zwölf Panels und zwei Seiten hinzieht).

An anderen Stellen führt Mahler die Umkehrung von der sprachlichen Fülle in die Reduktion gleichsam ad absurdum. Als wäre eine Straffung um mehr als 1800 Seiten nicht schon radikal genug, scheint die Überschrift des vierten Kapitels anzudeuten, dass Musils essayistische Abschweifungen über weite Strecken total ignorierbar seien: „Ein Kapitel, das jeder überschlagen kann, der von der Beschäftigung mit Gedanken keine besondere Meinung hat.“ Wer Musils Totschläger von einem Buch schon einmal zur Hand genommen hat, kennt die Versuchung, die Seiten umzublättern, bevor sie gelesen sind und zu versuchen herauszufinden, wann es denn mit der Handlung wieder weiter gehe – und fühlt sich ertappt. Doch Mahlers Kunstgriff erweist sich nicht nur als augenzwinkernde Anspielung auf unrühmliche Lesergewohnheiten, sondern auch als ideale Umsetzung der Vorlage. Musils Reflexionen eins zu eins zu illustrieren wäre ein unmögliches Unterfangen gewesen; die grünen, an Buchsbäume erinnernden und fortlaufend ihre Gestalt ändernden geometrischen Formen aber, die Mahler zur Verbildlichung verwendet, geben die Prozesshaftigkeit des Nachdenkens und Reflektierens kongenial wieder.

Die Weite des Panoptikums

Wer den „Mann ohne Eigenschaften“ schon lange auf seiner Leseliste hat, sich aber noch nie an ihn herangewagt hat und jetzt denkt, er könne die Widrigkeiten des Umfangs dadurch umgehen, sich anstatt Musils Buch einfach Mahlers Büchlein anzunehmen, muss an dieser Stelle aber leider enttäuscht werden. Die Comic-Version eignet sich zwar als ideale Ergänzung oder Wiederauffrischung der Originallektüre, jedoch kaum als deren Ersatz: ohne jegliche Vorkenntnisse kann den skizzenhaften Zeichnungen kaum gefolgt werden. Auch befriedigt die Lektüre vielmehr formale Gelüste als solche inhaltlicher Natur. Als adaptives Antispiel, als “Parallelaktion”, als kompromisslose Umsetzung der Verkehrung formaler Vorzeichen ist Mahlers Version mehr als gelungen; jedoch fehlt ihr naturgemäss die Weite des Panoptikums. Die detailreiche Beschreibung einer Zeit des Übergangs von der durch Aufklärung und Rationalität geprägten grossbürgerlichen Gesellschaft zur modernen Massengesellschaft, das zwiespältige Verhältnis des Menschen sowohl zur Monarchie als auch zum Fortschritt – all dies sucht der mit Musil unbekannte Leser bei Mahler natürlich vergebens.


Titel: Der Mann ohne Eigenschaften
Autor/Zeichner: Nicolas Mahler nach Robert Musil
Verlag: Suhrkamp
Seiten: 156
Richtpreis: CHF 27.50

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