Max Frisch | Biedermann und die Brandstifter | Theater Basel

Drei Ebenen – und ein ungebremster Aufprall

Foto: Copyright | Christoph Schmassmann

Das Theater Basel gibt aus aktuellem Anlass Max Frischs berüchtigtes „Biedermann und die Brandstifter“. Volker Lösch lässt es denn auch richtig schön krachen und bietet dem Zuschauer sehr viel Reibungsfläche.

Von Christoph Andreas Schmassmann.

Zum letzten Mal anlässlich des 11. Septembers in der Spielzeit 2001/02 in den Spielplan genommen, gibt sich die Inszenierung auch dieses Mal betont politisch und gesellschaftskritisch, doch nun im Zusammenhang mit der landesweiten Abstimmung vom 9. Februar diesen Jahres. Moment! Heisst das nun, dass wir es anlässlich der Einwanderungsinitiative mit der Bekämpfung einer tatsächlichen Gefahr für das Land zu tun hatten? Doch wohl kaum – so wird es ja wohl kaum zu verstehen sein, aber irgendwie scheint es die Inszenierung so drehen zu wollen. Doch beginnen wir von vorne.

Drei Ebenen
Man findet sich als Zuschauer nun zunächst mit drei Ebenen konfrontiert: Dem Stücktext von Max Frisch wird im hinteren Bühnenraum eine Art Guckkastenbühne eingerichtet – hier kann man den nach und nach sich zuspitzenden Handlungsverlauf verfolgen, bei dem sich Biedermann anlässlich der Besetzung seines Hauses mehr als einmal mit langatmigen Pausen unterstrichen, die kontrastiv zu dem sonst auf Anschluss gesprochenen und noch zugespitzten Dialog gesetzt sind, das klare und unmissverständliche Nein verbietet. Stark überzeichnet und doch sehr poppig und in der ein oder anderen Nuance beinahe schon skandalträchtig inszeniert, trägt diese Ebene den Abend sehr stark mit und wäre es an und für sich schon alleine wert, erlebt zu werden.

Schliesslich wird das vordere Bühnendrittel von einem Chor in Anspruch genommen – Feuerwehrleuten, wenn man dem Programmtext Glauben schenken darf. Hier wird stark polemisiert und in den bekannten allzu bekannten Phrasen und ohne Kontext den doch allzu leeren Fakten, die Angst der Stammtischpolitiker aus dem Arsenal des rechten Flügels Gehör verschafft. Wer sich auf diese Position stellt, begibt sich doch sehr in die Gefahr, sich der Lächerlichkeit preis zu geben. Doch in vollem Ernst wird hier gegen die Überschwemmung des Landes im Zuge der zunehmenden Migration und die bedrohlich ansteigenden Zahlen der Einwanderungsstatistiken gehetzt. Das hier nicht von der gegenseitigen Fruchtbarwerdung der Kulturen gesprochen wird, scheint zunächst nicht zu stören. Klar, denn es soll hier wohl auch mehr kontrastiv gearbeitet werden und die Schweizer wählen seit er Abstimmung vor zwei Monaten allesamt SVP und vertrauen in puncto Bauchgefühl, durchwegs ihren niederen Instinkten, die nur allzu gerne auf Angstmache und Fremdenhass ansprechen.

Als letzte Ebene etabliert sich schliesslich der Chor der Nicht- oder Papierli-Schweizer Und man muss ehrlich zugeben: Das ist das Spannendste und, wenn man so will, Tiefgründigere, was der Abend insgesamt zu bieten hat. In den Aussagen und Statements dieser Stimmen wird der Normal-Bürger mit einem hübsch entzerrten Bild seiner selbst konfrontiert, denn wie es so schön heisst: „Wer keine fremden Sprachen spricht – weiss nichts von seiner eigenen.“ Und so ist der fremde Blick allemal geeigneter, sich den eigenen Spiegel vorzuhalten und es wird einem in diesen Aussagen einmal mehr klar, dass hier nicht von Leuten die Rede ist, die freiwillig ihr Land verlassen haben, um dem Schweizer Bürgertum das Leben schwer zu machen, sondern weil sie nicht anders konnten und zur Ausreise mehr oder weniger gezwungen waren. So ist dann das griffigste Statement von dem auf den Stühlen der ersten Reihe stehenden Chor eines ganz klar zu entnehmen: Manchmal, wenn der Fremdenhass wieder einmal überbordet, wünscht man dem Schweizer allzu gern einmal dasselbe aufgezwungene Schicksal – und mit einem Mal ist Ruhe im krachenden Gebälk des sich mokierenden Bürgertums. Denn wie immer man es auch dreht: Freiwillig tut sich die Schweizer Ausländerpolitik niemand an.

Vermengung der Ebenen
An sich taugt Frischs Stück sehr gut, die eingekreiste und anvisierte Problematik zu besprechen oder sie diskutierbar zu machen. Wenn aber die drei Ebenen in Löschs Inszenierung auch sehr lose montiert sind und nur geringfügig die eine durch die andere motiviert scheint, dann krachen sie dafür umso ungebremster und rückhaltloser in der Interpretation des Zuschauers aufeinander: Wie soll er das Ganze nun auf eine Aussage hin bündeln? Von Frischs Dialogen einmal abgesehen: Wer ist hier Brandstifter und wer der biedere Hausvater? Legen die Migranten Feuer unterm Dach des wohlhabenden Schweizer Landes – und erschleichen sich nach und nach die ganze Hand, während man sich selbst aus Höflichkeit das Nein verbietet? Zu platt! Oder ist es gar der gegen Ausländer hetzende Chor der Feuerwehrleute, die hier als Brandstifter identifiziert werden sollen und in einem Land, das Toleranz und Nächstenliebe sich gross auf die Fahnen und in die Verfassung schreibt, Wasser predigen und Benzin ausschütten? Naheliegend wäre das zumindest in einer der Schluss-Szenen, in die der Abend gipfelt: Die Feuerwehrleute drängen die Migranten zusammen übergiessen sie mit Benzin und zünden sie an. Doch scheint auch das nicht die Aussage des Stückes sein zu können – wurde doch eben noch der mit einem mal mit klaren Neins aufwartende Biedermann in dem Chor identifiziert.

Oder ist das Frischs Stücktext der Biedermann, der sich gegen frevelhafte Zuschneidungen seitens der Regie zu wenig sperrt – ja doch, so wird es nach einigen Sackgassen doch lesbar: Die Inszenierung will wahrscheinlich selber als polemisierender Brandstifter gelten, dem ich mich als Zuschauer mit einem klaren Nein verweigern soll, es aus Höflichkeit aber nicht tue. Es scheint letztlich Sinn zu machen und Theater doch mit einem mal ein ganzes Stück selbstreflexiver als man es auch schon gewohnt war. Nichtsdestotrotz bleibt man nach dem Abend einem Gefühl der Verwirrung preisgegeben, wenn man weiss oder zumindest weiterhin daran glaubt, was Theater alles kann und darf und sollte: Zumindest seinen gesellschaftskritischen Hammer nicht über den Köpfen eines schuldlosen Publikums kreisen lassen und ihm drohen es noch mit einem Wust an Wirrsinn zu erschlagen, sondern mehr gewisse nicht von der Hand zu weisende Problematiken diskutierbar machen und mit den Nuancen, das Frisch Stück bieten würde, arbeiten. Beispielsweise mit dem Umstand, dass hier für alle Seiten klare Neins zu setzen mit einem Mal unmöglich scheint.

Besprechung der Aufführung vom 13. April 2014.
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten
Weitere Vorstellungen: 22.4. und 9.5. / 29.5. / 30.5.

Besetzung
Biedermann:David Berger
Babette: Cathrin Störmer
Schmitz: Andrea Bettini
Eisenring: Jan Viethen
Anna: Claudia Jahn
Polizist: Julian Anatol Schneider

Chor der Feuerwehrleute (Studierende der Hochschule der Künste Bern):
Nadja Rui, Paulina Quintero, Gian Leander Bättig, Julian Till Koechlin, Jonas Rhonheimer, Julian Anatol Schneider

Chor der AusländerInnen, PapierlischwyzerInnen, MigrantInnen, Einwanderer, Second@s, NichtschweizerInnen, etc.:
Dalila Dahmane, Ana Lucia Landazuri, Désirée Ly, Monica Marks, Thusanthy Sinniah, Agota Skorski, Ben Berroudja, Tornicke Bluashvili, Valentin Köhler, Erosi Margiani, Anselm Müllerschön, Simon Tesfahiwot, Alonzo Yarbrough, Melahat Yapici

Regie: Volker Lösch
Bühne: Sarah Roßberg
Kostüme: Teresa Grosser
Dramaturgie: Christoph Lepschy
Mitarbeit Dramaturgie: Sina Stingelin
Chorleitung: Bernd Freytag
Licht: Roland Edrich
Sounddesign: Amadis Brugnoni
Illustration: Giovanna Bolliger

Im Netz
www.theater-basel.ch

Christoph Schmassmann

Hat Literatur und Philosophie an der Universität Basel und Theater an der Universität in Bern studiert - zur Zeit verfasst er regelmässig Beiträge für verschiedene Magazine und das Radio: Kultur, Architektur und Politik gehören zu seinen Schwerpunkten. Daneben verfolgt er eigene Kunstprojekte und konzipiert installative Performance Abende.

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