Nietzsche und die Postmoderne

Nietzsche und die Postmoderne

Philosophie und Kultur – ein Blick zurück

 

 

Die von der neueren französischen Diskurstheorie aufgeworfene Kritik an der wissenschaftlichen und primär philosophischen Denktradition, die Nietzsche initierte, eröffnet einen neuen Erfahrungsraum und richtet sich so gegen die zentralen Bezugskategorien wie Ursprung, Sinn und Subjekt. Was ändert sich aber nun konkret in der Philosophie und dem Denken und den Ansätzen in einer Zeit, der sämtliche übergreifenden Bezugssysteme abhanden gekommen zu sein scheinen? Ein Blick zurück.

 

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Von Christoph Andreas Schmassmann

Eigentlich wäre von einer philosophischen Tradition – wie sie die deutsche darstellt, eine immense oder wenn nicht kontrapunktische Reaktion, so doch die Rolle eines der zentralen Stichwortgeber zu erwarten gewesen, angesichts dem heftigen und alles umstürzenden Wandel in der Geistes- und Philosophiegeschichte, wie sie die zweite Hälfte des 20. Jahrhundert darstellte. Schliesslich war sie mit Nietzsche aus ihren Reihen initiert und in vielen Punkten schon vorweggenommen worden. Doch dem war nicht so! Die Reaktionen waren gelinde gesagt zaghaft – fanden eigentlich nicht statt. Neue Impulse auf die Fragen, wie man in einer postmodernen Zeit, in der die grossen Traditionen der Moral, der Philosophie und Religion mehr denn je ins Wanken gerieten, den letzten Fragen zu begegnen habe, blieb von dieser Seite her aus. (Es gab genau genommen nur drei ausgesprochen postmoderne Denker in den Reihen der deutschen Philosophen, welche mehrheitlich als Randfiguren marginalisiert wurden: Feyerabend, Marquard und Blumenberg.) Doch immerhin wurde Nietzsche in allen Belangen und in den übergreifenden Systemen der Philosophie und mitunter auch der Psychoanalyse zum zentralen Bezugs- und Angelpunkt. Er erzeugt in diesem Sinne einen Sog, in das alles Hineingezogen wird, was sich nicht den neuen Paradigmen eines in sich beweglichen Begriffssystems beugt – das heisst einer Philosophie, die letztlich weiss, dass sie niemals mehr als nur Worte sein kann – aber was für welche!

 

Zündschnüre

In diesem Zusammenhang ist zunächst Folgendes festzuhalten: Erstens setzt Nietzsche dem einheitlichen Subjekt der Transzendentalphilosophie das „Subjekt als Vielheit“ entgegen. Er erkennt die ständige Metamorphose der Bewusstseinszustände. Eine konstante Identität und Einheit muss letztlich als Fiktion erscheinen. In diesem Sinne kann etwas, das nur mit sich selbst identisch ist, sich nicht verändern, da somit die Grenzen zwischen Innen und Aussen festgeschrieben wären. Schliesslich gibt es (anstelle eines Dings an sich – einer fixen Substanz oder gar alles übergreifenden und durchdringenden Essenz) zweitens nur nicht-identische Relationalität, Perspektive und Pluralität: die Zeichen-Welt und „ewige Horizonte“. Die Welt besteht nach ihm aus einem Ensemble von vielen Einmischungen, Hineindichtungen und ihren Relationen, aus einer Reihe von Schnappschüssen, die der Welt überhaupt erst eine Referenzebene geben. Die Sprache als Welt der Symbolsimen büsst in diesem Zusammenhang ihre Möglichkeit ein, letzten Sinn zu stiften. So verwirft denn Nietzsche zudem drittens die Prämisse eines nicht verfälschenden sprachlichen Ausdrucks. Es gibt somit auch in diesem Sinne keine Tatsachen mehr, sondern nur Interpretationen.

 

Ent-Zündungen

Dem entspricht somit eine Dekonstruktion des klassischen Zeichenbegriffs und aller damit verbundenen Implikationen. Jegliche Bezugnahme auf Modelle der Sicherung einer Einheit und Ganzheit – wie es unter anderem Gott darstellt – erscheint mit einem Male obsolet. So legte denn gerade Nietzsche die Lunten die später von den Poststrukturalisten nur noch angezündet werden mussten. Denn dahinter steht die Voruassetzung, dass dem strukturalen Spiel (wie es Jacques Derrida entwrift) oder dem Signifikanten-Netz (wie es in der Philosophie des Psychoanalytikers Jacques Lacan anklingt) ein konstitutiver Mangel, eine ursprüngliche Abwesenheit zugrunde liegt und damit auch eine Öffnung bzw. Unabgeschlossenheit des Horizontes hin auf die Vielfalt des Lebens und seiner Entwürfe, die jede totalisierende Perspektive ihre Basis entzieht. Der Sprengstoff, den Nietzsche in die Gedankengebäude der Philosohie legte, ist in diesem Moment entzündet.

Explosionen

Mit der Aufwertung der Ausdrucksebene (der Sprache als dem eigentlichen Boden jeglicher Setzung) gegenüber der Inhaltsebene (als dem vermeintlch von ihr Bezeichneten) und mit der Behauptung, dass der dynamische Trieb zur Metaphernbildung, den Nietzsche als die Grundlage menschlichen Denkens und Sprechens auffasst, nimmt Nietzsche entscheidende Aspekte des vom Poststrukturalismus gesetzten Betonung der Zeichenwelten vorweg. Auch durch die Setzung starrer Begrifflichkeiten und Bedeutungen, wie sie die Philosophie bis anhin vollzogen hat, kann die Dynamik des Seins nicht unterbunden werden. Schliesslich wirken Nietzsches Thesen vom Subjekt als Vielheit bzw. seiner Demaskierung des Subjekts als einer sprachlichen Fiktion und Illusion nachhaltig auf die im Zuge der Postmoderne sich ausformenden Ästhetiken ein. Mit dem Nihilismus als der Umwertung aller Werte bringt Nietzsche den Zusammenbruch eben jener metaphysischen und christlichen Kraftfelder auf den Begriff, die in Anlehnung an François Lyotard als Metaerzählungen bezeichnet werden können, welche der europäischen Wirklichkeit über zwei Jahrtausende hin Kontur und Halt gegeben haben. Dieser Einsturz führt zu einer negativen, destruktiven Dialektik, deren radikale Ambivalenz durch keine bestimmte Negation und keine systematische Aufhebung – wie noch bei Hegel – gebändigt werden kann. So werden Ansprüche nach Wahrheit, der Suche nach dem eigentlichen Sinn und Sein, untergraben und obsolet und Relativität, multidimensionale Perspektiven deren relationale Gedankenspiele treten an deren Stelle.

Sinn-Implosionen

In einem solchen System spielt das Subjekt letzlich nunmehr die Rolle des von sich selbst Unterworfenen. Seine totalisierende Geste wirft es letztlich auf sich selbst zurück: Denn dies hat zur radikalen Konsequenz, dass das, was repräsentiert wird (vom den Signifikanten bzw. der Schrift), nunmehr das Subjekt selbst ist. Damit nimmt der Nietzsche und nach ihm der Poststrukturalismus eine radikale Inversion des klassischen Zeichenbegriffs vor: Sprache und ihre Struktur ist in diesem Sinne nicht mehr repräsentativ für irgendeine aussersubjektive Wirklichkeit, sondern nunmehr für das sprechende Ich selbst. Das einzige, was die Philosophie also bis anhin getan hat, ist ein narzistisches Plantschen und Wellenschlagen im Gewässer, in das sie sich letztlich selbst hineinstürzen wird. Dabei bilden die Textfragmente wie in einem Kaleidoskop stets neue, sich wandelnde Sinnstrukturen aus, in denen sich letztlich das Subjekt nurmehr selber zu spiegeln vermag. Eine allgemeingültige Aussage über die Welt zu treffen wird unmöglich oder zumindest nur in die strengen Anführungs- und Schluss-Zeichen der Relativität gesetzt. Die Vielfalt des Lebens kann sich so erneut Bahn brechen und sich endlich von einer Philosophie emanzipieren, die jene immer wieder unter ihr Joch der von ihr vorgezeichneten Kategorien brechen wollte. Denn wie es in diesem Zusammenhang so schön heisst: ohne Kategorien ist kein Urteil möglich – mit nun allerdings auch nicht, da ich dadurch das originäre Sein nach deren Massgabe vergewaltige, anstatt es in seinem einmaligen Aufblühen zu würdigen und den je einzigartigen Augenblick zu leben, sich entfalten zu lassen und in Ehrfurcht vor ihm mein letztlich atemloses Schweigen ihm gegenüber einzugestehen.

Literatur zum Thema:

Manfred Pabst. Bild – Sprache – Subjekt. Königshausen & Neumann. 2004.

 

Christoph Schmassmann

Hat Literatur und Philosophie an der Universität Basel und Theater an der Universität in Bern studiert - zur Zeit verfasst er regelmässig Beiträge für verschiedene Magazine und das Radio: Kultur, Architektur und Politik gehören zu seinen Schwerpunkten. Daneben verfolgt er eigene Kunstprojekte und konzipiert installative Performance Abende.

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