Bernard Minier: “Kindertotenlied”

Auftakt zur Krimi-Symphonie

Bernard Minier: “Kindertotenlied” (Kriminalroman)

Kommissar Martin Servaz ist ein ungewöhnlicher Ermittler: Ihm sind Philosophie und klassische Musik lieber als Beschattungen und Verhöre. In seinem neuesten Fall wird er mit der eigenen Vergangenheit konfrontiert – und das gleich auf doppelte Weise.

Von Stella Feineis.

kindertotenliedZunächst ist es alles andere als ein gemütlicher Abend für den Kommissar. Er fühlt sich fehl am Platz in einer lauten, überfüllten Bar mit seinen Kollegen und einem Bier in der Hand, während auf dem Fernsehschirm Frankreich im ersten Spiel der WM 2010 auf Uruguay trifft.

Beginn mit Paukenschlag

Doch dann erhält Servaz einen unerwarteten Anruf, der ihn dazu bringt, sich trotz eines aufziehenden schweren Gewitters sofort auf dem Weg nach Marsac zu machen. In dem ruhigen Studienort, dem “Cambridge Südfrankreichs”, wo auch seine eigene Tochter zur Schule geht und er einst selbst studierte, ist ein Verbrechen geschehen. Und die Anruferin war keine geringere als seine Jugendliebe Marianne, zu der er seit Jahren keinen Kontakt hatte, da sie ihn mit seinem damals besten Freund betrogen hatte. Nun jedoch bittet sie ihn um Hilfe, weil ihr Sohn Hugo des Mordes beschuldigt wird: eine Lehrerin seiner Schule wurde in ihrer eigenen Badewanne ertränkt und Hugo am Tatort gefunden. Obwohl zunächst alles auf ihn deutet, ist die Mutter von der Unschuld ihres Sohnes überzeugt.

Interessante Komposition

Als Servaz am Tatort eintrifft und von ihm nur zu bekannter Musik empfangen wird, beginnt auch er zu ahnen, dass hinter diesem Fall weit mehr steckt. Die Tote hörte angeblich keine klassische Musik, doch Servaz wurde vor einigen Jahren bei seinen Ermittlungen mit einem Mann konfrontiert, der den Komponisten Gustav Mahler so sehr schätzte wie er selbst: dem Massenmörder Julian Hirtmann. Seit dieser aus einer psychiatrischen Anstalt entfliehen konnte, fehlt von ihm jede Spur. Sucht er jetzt Kontakt zu Servaz, den er als Seelenverwandten betrachtet? Bald ist der Kommissar gezwungen, an zwei Fronten zu ermitteln: einerseits sucht er den Mörder der Lehrerin und stösst dabei bald auf mysteriöse Geschehnisse in dem Internat, das auch seine Tochter besucht, andererseits wird er mit der eigenen Vergangenheit konfrontiert, sowohl auf privater als auch auf beruflicher Ebene.

Nur eine Ouvertüre?

Dass Minier den Fokus absichtlich und sehr gekonnt auf die Figuren setzt, ist unbestritten. Der Leser lernt eine Vielzahl von Personen kennen, die alle ihre eigene Motivation haben, Ermittlungen anzustellen, diese voranzutreiben oder zu blockieren. Der Umgang mit dieser Figurenfülle bereitet überraschend wenig Mühe, ganz im Gegensatz zur Auflösung. Zwar klärt der Kommissar wie erwartet den Mord auf, aber es stellt sich auch heraus, dass viele der Erkenntnisse und Entwicklungen – und sogar ein ganzer Erzählstrang des Romans – gar nichts damit zu tun hatten. Erst ganz am Ende des mit über 600 Seiten doch recht langen Buches zeichnet sich nämlich ein weiterer Fall ab, der eventuell mit dem soeben gelösten verknüpft ist. Der Leser wird mit vielen Fragen zurückgelassen, unter anderem der, ob es sich hier um einen eigenständigen Roman oder lediglich um die Vorgeschichte zu etwas Grösserem handelt.

Als in sich geschlossene Lektüre mag der Thriller vielleicht nicht ganz überzeugen, ist aber ein durchaus gelungener Auftakt für eine Serie und macht Lust auf weitere Begegnungen mit Kommissar Servaz. Da bleibt nur zu wünschen, dass die Fortsetzung die auf Grund des Aufbaus erzeugten hohen Erwartungen auch erfüllen kann.


Titel: Kindertotenlied
Autor: Bernard Minier
Verlag: Droemer
Seiten: 656
Richtpreis: 29.90 CHF

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