Susan Staun: “Blutfrost”

Braucht diese Pathologin selbst einen Arzt?

Susan Staun: “Blutfrost” (Kriminalroman)

Krimis, in denen Gerichtsmedizinerinnen die Hauptrolle spielen, gibt es viele. Man denke nur an die erfolgreiche Kay-Scarpetta-Serie von Patricia Cornwell. Susanne Stauns dänische Variante hebt sich aber in mehreren Punkten deutlich von diesem Vorbild ab.

Von Stella Feineis.

blutfrostGerade hat sich Rechtmedizinerin Maria Krause von ihrem letzten Fall erholt, bei dem sie in einem Mordopfer ihre Tochter wiederzuerkennen glaubte und den Täter auf nicht gerade konventionelle Weise zur Strecke brachte, als sie sich erneut in seltsame Vorkommnisse verwickelt sieht.

Nicht alle Tassen im Schrank?

Man muss zu dieser Vorgeschichte hinzufügen, dass Maria Krause nie eine Tochter hatte, sondern nur eine Abtreibung vor mehreren Jahren, die sie bis heute verfolgt. Und das ist nicht die einzige ‘Leiche’ im Keller der Gerichtsmedizinerin. Ihre Beziehungen zum anderen Geschlecht schwanken zwischen seltsam und bizarr, ihre Wohnung ist seit Jahren mehr ein Gefängnis als ein Zuhause. Der einzige Halt in diesem Chaos scheint ihre beste Freundin Nkem zu sein, doch auch diese Stütze gerät ins Wanken, als die warmherzige Nigerianerin einen Mann kennenlernt und Maria sich gekränkt zurückzieht. Die Tatsache, dass Maria vor kurzem ihrem Zwillingsbruder Daniel über den Weg lief, der gerade aus den USA zurückgekehrt ist und nun in derselben Stadt als Arzt arbeitet, belastet sie noch zusätzlich. Ausgerechnet Daniel, der Maria die gemeinsame Kindheit mit sadistischen Spielchen zur Hölle machte und den sie eigentlich nie wieder sehen wollte.

Kindesmisshandlung und seltsame Emails

Und als wäre das nicht schon genug, wird Maria von der Polizei in einem Fall von mutmasslicher Kindesmisshandlung um Rat gefragt. Es sieht so aus, als hätten die eigenen Eltern ihr Baby mit Säure übergossen und dann stundenlang alleine gelassen, um es anschliessend ins Krankenhaus zu bringen und so zu tun, als machten sie sich grosse Sorgen. Und die Eltern sind niemand geringerer als Daniel und seine amerikanisch-dänische Ehefrau Eva. Zur gleichen Zeit erhält Maria seltsame Emails, die sie warnen, dass jemand, der ihr nahestehe, ein Kindermörder sei und wieder zuschlagen würde. Unterzeichnet sind die Emails nur mit ‘E’. Als ‘E’ dazu übergeht, aus seiner eigenen schrecklichen Kindheit zu erzählen und sich Verbindungen zum aktuellen Fall andeuten, versucht Maria fieberhaft herauszufinden, was sich hinter all diesen Verwicklungen verbirgt. Ist ihr eigener Bruder wirklich ein Mörder?

Münchhausen-by-Proxy

Zwei Dinge muss man Susan Staun zu Gute halten: zum einen hat sie mit Maria Krause eine Ermittlerin geschaffen, die zweifellos vollkommen anders ist. Zum anderen rückt sie hier ein ernstes Thema in den Mittelpunkt: Kindesmisshandlung durch die eigenen Eltern, genauer gesagt, das Münchhausen-by-Proxy Syndrom, bei dem ein Elternteil (häufig die Mutter) das Kind absichtlich verletzt und krankmacht. Das grosse Problem des Romans liegt jedoch ebenfalls hier: dadurch, dass die Hauptfigur selbst schwere psychische Probleme hat und in der Vergangenheit an Wahnvorstellungen litt, weiss der Leser nie so ganz, was wirklich ist und was eventuell nur Einbildung. In einem anderen Zusammenhang würde diese Erzählweise sicher zur Spannung beitragen, beim Umgang mit so einem ersten Thema wirkt sie aber eher fehl am Platz, da der Leser am Ende zu dem Schluss kommen könnte, Münchenhausen-by-Proxy existiere auch nur in der Vorstellung von gewissen Menschen. Zudem machen Marias viele Dämonen sie nicht menschlicher, sondern eher unnahbarer.

Das Buch sei jedem empfohlen, der einmal eine ganz andere Art von Ermittlerin erleben will. Wer sich allerdings eine vertrauenswürdige und sympathische Erzählerfigur wünscht, wird eher enttäuscht werden.


Titel: Blutfrost
Autorin: Susan Staun
Verlag: Tropen
Seiten: 300
Richtpreis: 26.90

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