Kafka lesen I

Kafka lesen I

Literatur und Philosophie

 

Wenn man Kafka liest, wird man den Eindruck nicht los, dass den Sinnverschleifungen des Textes ein ganz starkes und ihnen eigenes Moment innewohnt – dass in ihnen eine Kraft liegt, die als Zeichenwelt paradoxerweise etwas letzlich unfassbares zeigt oder besser vorführt, indem es das Fassbare aufsprengt, dessen Horizont übersteigt und in seinem ständigen Entzug erst sich zu zeigen beginnt. Und so lässt sich im Zusammenhang mit Philosophie und Kultur, welche hier beide als ein Zeichenprozess aufgefasst werden, auf die Literatur Franz Kafkas abheben.


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Von Christoph Andreas Schmassmann

Die Dekonstruktion, wie sie im Zusammenhang mit Kafkas Texten sich entfaltet, rechnet mit einer prinzipiellen Unabschliessbarkeit des Sinns. Sie hat einen Begriff von Kontext, in den sich der Text auflöst, welcher schlussendlich nie gesättigt werden kann. Und so lässt sich auch keine schematisch anwendbare Methode entwerfen, sondern es vollzieht sich eine gewissermassen subversive Annäherung an Texte. Es halten sich lukrative Sinnangebote mit einer vehementen Sinnverweigerung die Balance, die den Text von innen her in seinem potentiellen Bedeutungsüberschuss in die Verästelungen auflösen, die in diesem angelegt  sind, ihn aufsprengen und so in einem möglichen Verstehensprozess öffnen, ohne sich wieder zu einem einheitlichen Sinn zu schliessen oder zu bündeln. Dies kann anhand von Kafkas Parabeln auf den unterschiedlichsten Ebenen nachgezeichnet und entfaltet werden. Das Aufzeigen der letztlich paradoxen Struktur einer jeden absoluten Setzung im Verstehen wird aufgezeigt, indem der Text die ihm inhärenten Widersprüchlichkeiten aufdeckt und so sich quasi selber problematisiert. So setzt ein Prozess der sich ständig verschiebenden und sich wieder neu bündelnden Meta-Ebenen ein.

 

Von den Gleichnissen

Der Einstieg wird über den Zugang zu Sinneinheiten zu suchen sein, also dem Sinn als etwas in sich selbst geschlossenes und konzises. So können sich die Fluchtlinien von „Verstehen“ und „Sinn“ zunächst einmal etablieren, werden befragbar und beginnen sich schliesslich im Prozess des Verstehens in sich selber aufzulösen. So verschiebt sich der Fokus zugunsten einer dekonstruktivistischen Lektüre:  Sinn etabliert sich letztlich als ewig sich vollziehender und fortschreitender Prozess.

Von den Gleichnissen

Viele beklagen sich, dass die Worte der Weisen immer wieder nur Gleichnisse seien, aber unverwendbar im täglichen Leben und nur dieses allein haben wir. Wenn der Weise sagt: „Gehe hinüber“ wo meint er nicht, dass man auf die andere Strassenseite hinüber gehen solle, was man immerhin noch leisten könnte, wenn das Ergebnis des Weges wert wäre, sondern er meint irgendein Sagenhaftes Drüben, etwas was wir nicht kennen, was auch von ihm nicht näher zu bezeichnen ist und was uns also hier gar nichts helfen kann. Alle diese Gleichnisse wollen eigentlich nur sagen dass das Unfassbare unfassbar ist und das haben wir gewusst. Aber das womit wir uns eigentlich jeden Tag abmühn, sind andere Dinge.

Darauf sagte einer: Warum wehrt ihr euch? Würdet Ihr den Gleichnissen folgen, dann wärt ihr selbst Gleichnisse geworden und damit schon der täglichen Mühe frei.

Ein anderer sagte: Ich wette dass auch das ein Gleichnis ist.

Der erste sagte: Du hast gewonnen.

Der zweite sagte: Aber leider nur im Gleichnis.

Der erste sagte: Nein, in Wirklichkeit; im Gleichnis hast Du verloren.

Man stimmt zu oder lehnt ab – wechselt die Meta-Ebenen bis einem ganz schwindlig davon wird: gleichwohl ist man mit dem gespenstisch-kafkaesken Eindruck konfrontiert, gerade in diesem Moment in einem Gleichnis befangen zu sein. Ein Effekt der Verfremdung und der labyrinthischen Ausweglosigkeit entstehen an dem Punkt, an dem der kurze Dialog einsetzt, so dass ein ursprünglicher und naiver Sinn von Gleichnis in sein Gegenteil, die pure Unfassbarkeit pervertiert. Die anvisierte Tiefendimension verlängert sich ins Unendliche, während man mitunter in einem jähen Ruck auf die Oberfläche des Textes zurückgeworfen ist.

 

 

Vor dem Gesetz

Äusserungen die in diesem Zusammenhang zu finden sind – wie „Sich selbst interpretierende Texte“und „Der Sinn als Tätigkeit des Textes“ – sind nur ein Indiz dafür, dass hier mit den herkömmlichen Parametern wie Sinn und Verstehen Kafkas Literatur letztlich nicht beizukommen ist. Der Text macht etwas und vielleicht primär und zunächst ganz für sich selbst: er vollzieht so gesehen seine eigene Dekonstruktion, die den sich etablierenden Sinn und das Verstehen ganz und gar in den Text selbst auflöst.

Vor dem Gesetz

Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, dass er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, ob er also später werde eintreten dürfen. „Es ist möglich“, sagt der Türhüter, „jetzt aber nicht.“ Da das Tor zum Gesetz offen steht wie immer und der Türhüter beiseite tritt, bückt sich der Mann, um durch das Tor in das Innere zu sehn.

Die Erzählweise spielt letztlich in einem Schwebezustand zwischen den Welten und Zeiten einer nicht gekannten und nur schwer fassbaren Absurdität  zu, während die Zeit verstreicht und der Mann der Zugang verweigert wird – um schliesslich und letztlich am Ende seines Lebens auf eine letztlich entscheidende Frage abzuzielen.

„Alle streben nach dem Gesetz“, sagt der Mann, wieso kommt es dass in den vielen Jahren niemand ausser mir Einlass verlangt hat?“ Der Türhüter erkennt dass der Mann schon an seinem Ende ist, und, um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: „Hier konnte niemand ausser dir Einlass erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schliesse ihn.“

Gerade Texte wie unter anderem “Vor dem Gesetz”, die sich mit dem Mechanismus des Gesetzes spielen und um den Prozess  der Urteilsbildung kreisen, machen Kafka für die Dekonstruktion interessant: denn das Phänomen verliert im Erkenntnisprozess seine Einmaligkeit oder gerade seine Einmaligkeit kann nicht erkannt werden. So werfen Kafkas Texte den Leser mitten hinein in eine sich seit dem Beginn der Moderne entfaltende Kontroverse um Wahrheit und Erkenntnis.

 

Derridas Lektüre

„Wie Jean-François Lyotard beurteilen?“ beginnt Derrida in diesem Zusammenhang einen Vortrag. Er eröffnet somit den Fokus auf die Postmoderne einerseits – auf den Prozess des Urteilens  und das “Wie” der Methode andererseits. Diese Verschiebung weg vom Gegenstand hin zur Methode ist konstitutiv für den ganzen Text: Jedem Urteil voraus gehen gewisse, wenn auch noch so subtile Kategorien. Sie sind es aber auch die jedes Urteil determinieren.  Aus diesem Kontext stammt den auch die Erkenntnis, dass ohne Kategorien letzlich kein Urteilen möglich ist, mit Kategorien nun allerdings ebenfalls nicht. Und genau an diesem Punkt ist Kafka wertvoll der Rezeption anheim gestellt zu werden, der  darin die Auflösung der Essenzen – das Zusammenbrechen der Meta-Erzählungen, wie Lyotard es nennt – vorwegnimmt, gewissermassen aus seiner Zeit erspürt in den Linien, die sein Schreiben in diesem merkwürdigen Zwischenzustand (zwischen den Welten und Zeiten)  entwerfen. Dies gibt diesem Autor den Stellenwert, den er in der Literatur innehat. Und dahingehend öffnet sich auch der Ausblick: Kafka lesen als den, der die entscheidende Kontroverse vorwegnimmt, um letztlich das Ereignis von Sinn und Verstehen zu problematisieren, wie es sich in seiner eigenen Relativierung und Auflösung letztlich vollzieht.

 

Literatur zum Thema:

Franz Kafka. Die Erzählungen. Fischer Verlag 1996.

 

 

Christoph Schmassmann

Hat Literatur und Philosophie an der Universität Basel und Theater an der Universität in Bern studiert - zur Zeit verfasst er regelmässig Beiträge für verschiedene Magazine und das Radio: Kultur, Architektur und Politik gehören zu seinen Schwerpunkten. Daneben verfolgt er eigene Kunstprojekte und konzipiert installative Performance Abende.

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