Energie-Effizienz als bequeme Art zu sparen, prallt an der Realität ab.

Sparen für die Katz

Energie sparen ist im Grunde extrem einfach. Aber nützt es auch etwas, wenn ich es tue? Oder verbraucht einfach jemand anderes „meine“ gesparte Energie? Denn wenn ein Produkt mit weniger Energie- oder Ressourcenbedarf – also effizienter – hergestellt wird, kostet es weniger und wird darum häufiger gekauft. Daher wäre es besser, man würde das Angebot verknappen.

Effizient ist anders: Beleuchtung des Weihnachtshauses in Calle (D)
Das einzelne LED-Lämpchen mag effizent sein, aber wer dafür mehr davon brennen lässt, spart trotzdem nichts – im Gegenteil. (Weihnachtshaus in Calle (D), Quelle: Wikipedia)

A+++: Mein neuer Kühlschrank ist fantastisch. Er benötigt viel weniger Strom als der alte. Was will ich mehr? Als Nächstes kaufe ich noch eine sparsame Waschmaschine. Mit dem Kauf energieeffizienter Geräte spare ich dank tieferer Stromrechnung in Zukunft Geld und mache erst noch etwas für die Umwelt.

Doch halt: Diese Folgerung ist leider falsch. Was zunächst ganz plausibel klingt, hat leider einen Haken. Denn wer so kalkuliert, hat die Rechnung ohne den sogenannten „Rebound-Effekt“ gemacht. Und der funktioniert so:
Dank einer neuen Erfindung ist es möglich einen Energieträger effizienter zu nutzen – zum Beispiel fährt ein Auto 100 km mit nur noch vier statt fünf Litern Benzin – wir sparen also theoretisch 20%.

Doch nun zeigt sich in der Praxis der „Rebound“, übersetzt „Abprall“ oder „Rückstoss“. Aus verschiedenen Gründen (auf die gleich noch eingegangen wird) verbrauchen wir mehr Treibstoff als zunächst errechnet. Wenn es dumm geht, wird sogar mehr Energie verpufft als vorher.

Die Gründe, warum das so ist, sind vielfältig. Zum einen sind sie psychologischer Natur: Ich habe ein sparsame LED-Leuchte gekauft – also darf ich sie doch ruhig auch mal ein wenig länger brennen lassen, oder? Und weil sie so sparsam sind, kaufe ich noch ein paar weitere und beleuchte damit den Brunnen vor dem Haus – wie gewonnen, so zerronnen.

Geld gespart… und ausgegeben.
Auch das Finanzielle spielt eine Rolle: Wenn ich ein effizientes Gerät zu Hause habe, brauche ich ja nicht mehr so genau zu schauen, wie oft ich es einschalte und wie lange es läuft. Es ist ja beruhigend günstig, es zu benutzen. Sei es die neue Waschmaschine oder der neue Flachbildschirm.

In diesen Fällen wird die Energie also am gleichen Ort wieder verpufft, wo sie zuvor gespart wurde. Diese Art vom Rückschlag der Effizienz-Bemühungen nennen die Wissenschaftler „direkten Rebound“.

Nicht überraschend, dass es auch den „indirekten Rebound“ gibt: Hier setze ich das dank sparsamer Geräte nicht ausgegebene Geld für etwas anderes ein, das Energie benötigt. Wenn ich also weniger Sprit für mein Auto brauche, kann ich mir schon bald eine Flugreise leisten. Ein Beispiel, das zeigt, dass ich am Schluss leicht mehr Energie verbrauchen kann, als ich dank Energieeffizienz eingespart hatte. Ein Phänomen, dass den Namen „Backfire“ erhalten hat.

Also heisst es: Geld nicht ausgeben für Dinge, die Energie benötigen! Aber ich darf auch nicht Geld in Umlauf bringen, dass dann jemand anderes für Energiefresser ausgibt. Da ich das kaum verhindern kann, darf ich das gesparte Geld wohl gar nicht ausgeben. Stattdessen sollte ich weniger arbeiten. So habe ich gleich viel Geld aber mehr Freizeit zur Verfügung wie vor meiner Effizienzübung. Diese Genügsamkeit oder Suffizienz kommt natürlich nur für Menschen  in Frage, die schon ein wenig über dem Existenzminimum leben.

Genügsamkeit: wer macht mit?
Doch auch wenn diejenigen, die es sich leisten können, sich einschränken würden: Der Rebound kann auch so nicht verhindert werden. Selbst, wenn viele Menschen „suffizient“ oder zumindest etwas genügsamer leben und sich beim Konsum etwas einschränken.

Denn hier spielt der Preis-Effekt gemäss dem Gesetz von Angebot und Nachfrage im freien Markt: Wird weniger Energie oder Rohstoff verbraucht (zum Beispiel durch verbesserte Effizienz oder Suffizienz), hat es davon mehr auf dem Markt. Damit sinkt der Preis dafür. Dies wiederum veranlasst die übrigen, an finanziellen Vorteilen interessierten Konsumenten dazu, mehr von dieser Energie oder von diesem Rohstoff zu konsumieren. Auch hier sind alle Bemühungen vergebens.

Es müssten wenn schon Alle mitmachen, damit es keinen Rebound gäbe und der Energiebedarf tatsächlich sinken würde. Aber weder mit Zwang noch mit reiner Freiwilligkeit ist eine solche Energiewende umzusetzen. Unser ganzes Wirtschaftssystem ist auf stetiges Wachstum ausgerichtet. Verzicht auf „immer mehr“ oder Sparsamkeit sind darin gar nicht vorgesehen.

Das Öl muss im Boden bleiben!
Und selbst wenn sich eine Mehrheit in einem Land wie der Schweiz überzeugen liesse oder ganz Europa freiwillig mitmachen würde. Dafür würde dann der Rest der Welt umso mehr Öl und Gas verfeuern – alle Anstrengungen lösten sich in Rauch auf. Das heisst natürlich nicht, dass es den Armen dieser Welt verwehrt werden soll, auch ein anständiges Leben führen zu dürfen. Aber es zeigt, dass wir uns doppelt anstrengen müssen, um den Ressourcen-Verbrauch global zu reduzieren.

Und das ginge wohl nur mit harten gesetzlichen Vorschriften zum haushälterischen Umgang mit Ressourcen. Dringend wäre vor allem, dass möglichst viele fossile Energieträger im Boden blieben. Denn wenn sie erst einmal gefördert wurden, werden sie auch genutzt. Und dass man sie aus dem Boden holt, scheint auch in Zukunft viel wahrscheinlicher als eine freiwillige Selbstbeschränkung der Verschwendung von Öl, Kohle und Gas.

Stichwort: Stromeffizienz-Initiative

Die Eidgenössische Volksinitiative “Für eine sichere und wirtschaftliche Stromversorgung” (Stromeffizienz-Initiative) wurde von einem politisch breit abgestützten Komitee am 15. Mai 2013 eingereicht und anschliessend von der Bundeskanzlei für gültig befunden. Das Ziel der Initianten ist es, den Stromverbrauch bis 2035 auf dem Niveau von 2011 zu stabilisieren.

Könnte es gelingen, trotz des genannten Rebound-Effekts, dank Effizienz den Stromverbrauch zu senken? Möglicherweise schon, wenn gleichzeitig das Angebot gedrosselt wird, also weniger Strom produziert wird. Zudem sollte der Konsument finanziell stets gleich belastet werden, also vor und nach einer Effizienzsteigerung gleich viel im Portemonnaie haben. Der Preis für Elektrizität müsste demnach in dem Masse steigen, wie der Konsument dank Effizienz weniger verbraucht.

Solcherlei Forderungen stehen nicht im Initiativtext. Ob die Stromeffizienz-Initiative zum Erfolg wird, hängt daher von den gesetzlichen Bestimmungen ab, die nach einer allfälligen Annahme der Initiative ausgearbeitet und umgesetzt werden müssten.

Links

Rebound: Definition aus dem RP-Energielexikon

Mehrverbrauch trotz sparsamen LED: Schöne neue Lichterwelt (englisch)

Der Rebound-Effekt ist schon lange bekannt (Wikipedia)
“Unter Jevons’ Paradoxon versteht man in der Ökonomie eine Beobachtung von William Stanley Jevons, derzufolge technologischer Fortschritt, der die effizientere Nutzung eines Rohstoffes erlaubt, letztlich zu einer erhöhten Nutzung dieses Rohstoffes führt, anstatt sie zu senken. In einem erweiterten Sinn wird heute von Rebound-Effekt gesprochen.”

Stromeffizenz-Initiative





Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.