„Der Goalie bin ig“ von Sabine Boss

Kaum glänzende Lichter in Schummertal

 

dr goali bin ig

Die vierfach mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichnete Verfilmung des Erfolgsromans „Der Goalie bin ig“ ist, trotz dem brillanten Hauptdarsteller Marcus Signer und einem ebenso famosen Nebenrollen-Cast, leider kein Glanzlicht.

Von Christoph Aebi.

Diese Stimme. Tief, dunkel, rauchig. Man könnte sie aus Hunderten anderer Stimmen heraushören. „Aagfange hets eigetlech vüu früecher. Aber i chönnt jetz ou grad so guet behoupte, es heig a däm einten Oben aagfange, es paar Täg nachdäm, dasi vo Witz bi zrügg cho. Schummertau. Novämber. Und ig es Härz so schwär, wi nen aute, nasse Bodelumpe.“ Diese Stimme, die zu Bildern von Schuhen, die auf nassem Asphalt mit einem Stein spielen, ertönt, gehört dem Berner Schauspieler Marcus Signer. Bereits vor drei Jahren, in der Low-Budget-Produktion „Mary & Johnny“, gab er den Sprecher und allwissenden Ich-Erzähler. Nun, in der von Sabine Boss realisierten Verfilmung des 2010 erschienenen Erfolgsromans „Der Goalie bin ig“ des aus Langenthal stammenden Schriftstellers Pedro Lenz ist Signer zum ersten Mal in einer Hauptrolle zu sehen. Als Ernst Sigrist, den seit seiner Kindheit alle nur Goalie nennen.

Grämmlidealer auf Eso-Trip

Der Mittdreissiger kehrt nach einem Jahr Gefängnis in Witzwil in seine Heimatstadt Schummertal – ein passend gewähltes Pseudonym für die 80-er-Jahre-Tristesse der im Oberaargau gelegenen Schweizer Durchschnittsstadt Langenthal – zurück. Seinem besten Freund Ueli (ein fiebriger Pascal Ulli) hatte er einst den Gefallen getan, nach Pontarlier zu fahren, um bei einem Franzosen (Pedro Lenz, der hier in einen schwarzen Ledermantel gehüllt einen kleinen Gastauftritt hat) ein Päckchen abzuholen. Kaum zurück in Schummertal, tauchte die Polizei auf und fand im Paket reinsten Sugar. Goalie hielt in allen Verhören dicht, verriet seinen besten Freund nicht. Dafür hat er nun 5000 Franken zugute, womit er ein neues Leben, ohne Drogen und krumme Geschäfte, dafür mit geregelter Arbeit beginnen möchte. Noch ohne Geld im Sack, trifft er im verrauchten „Maison“ nicht nur auf den grantigen Gastwirt Pesche (Michael Neuenschwander), sondern auch auf die Serviceangestellte Regula (Sonja Riesen), die ihn – so Goalies Eindruck – „angers aus süsch, mit chli meh Sehnsucht i den Ougen“ anschaut und das Kafi Fertig nicht tippt. Sogleich ist es um Goalie geschehen. Doch Regula ist offiziell mit dem Langweiler Budi (Christian Liniger) zusammen, dessen grösste Obsessionen seine Modellflugzeuge und fürchterliche Hardrockmusik à la „Screaming in the Night“ von Krokus sind.

Ganz kann Goalie seine Drogen-Vergangenheit nicht abschütteln, trifft er doch in der Kleinstadt immer wieder auf alte Bekannte. So auch auf den punkigen Grämmlidealer Stofer (Thomas U. Hostettler), der mittlerweile gehörig auf dem Eso-Trip ist und Goalie vorschwafelt, er solle zu seinem Karma schauen, ihm sei von der Materie ziemlich viel aufgetragen worden. „Aber d’ Materie cha nume denen öppis uflade, wos möge träge. Und wennd es guets Karma hesch, de spüuts ke Roue, was früecher isch gsi. De isch aues zäme glöscht. De zöut nume no der Wäg, wo di vo jetz aa i dini Mitti füert“. Nach dem Genuss einiger Bierchen erzählt Eso-Stofer zudem, er habe von einem Onkel ein Haus in Spanien geerbt. Als Regula in Goalies Wohnung flüchtet, nachdem sie von Budi verprügelt worden ist, entschliesst sich Goalie, mit Regula in Stofers Haus nach Spanien zu fahren. Dort holt den gutgläubigen und gutmütigen Goalie seine Vergangenheit definitiv ein und er merkt, dass er als Sündenbock hinhalten musste und seine vermeintlichen Freunde ihn schamlos hintergangen und verraten haben.

Laferi und Plouderi vor dem Herrn

Zwar nicht hintergangen und verraten, zumindest aber etwas ratlos fühlt man sich auch nach dem Visionieren des Films. So sehr man den im Oberaargauer Dialekt gehaltenen Spoken-Word-Roman von Pedro Lenz liebte, so sehr möchte man auch den Film lieben. Die Drehbuchautoren Sabine Boss, Jasmine Hoch und Pedro Lenz gaben sich denn auch alle Mühe, den seitenlangen Monologen von Goalie, diesem Laferi und Plouderi vor dem Herrn, der sich seine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft immer wieder erzählend neu zusammenfabuliert, eine für den Film adaptierte Erzählstruktur zu geben. Doch interessanterweise funktionieren genau diejenigen Szenen im Film am besten, die quasi 1:1 aus dem Buch übertragen wurden. Szenen, in denen Marcus Signer die inneren Monologe von Goalie in seiner unnachahmlichen Art zum besten gibt. Szenen wie die Anfangssequenz, die einen unglaublichen Sog entwickeln und einen in die triste Provinzkaff-Welt hineinziehen. Was neu hinzugedichtet wurde  – beispielsweise eine Szene, die erklären soll, wieso Goalie nach einem angeblich im „Maison“ entdeckten Sugar-Depot Hausverbot erhält – wirkt eher überflüssig. Wenigstens widerstanden die Drehbuchautoren der Versuchung, der Verfilmung des Romans ein Happy-End zu verpassen.

Goali 2

Ein glückliches Händchen bewiesen Regisseurin Sabine Boss („Ernstfall in Havanna“) sowie die Produzenten mit dem Hauptdarsteller Marcus Signer (der für seine Darstellung zu Recht den Schweizer Filmpreis 2014 erhielt), Pascal Ulli als fiebrigem, an Gelbsucht leidendem Junkie Ueli sowie mit dem weiteren, bis in die kleinsten Rollen brillant besetzten Casting (neben Michael Neuenschwander, Christian Liniger, Thomas U. Hostettler auch Samuel Schwarz als Goalies Chef, Andreas Matti als Komissar Gross und Heidi Maria Glössner als nörgelnde Nichtraucherin). Ein Nebenrollen-Casting, das notabene in den schludrig zusammengestellten Presseunterlagen (bei einigen Abschnitten hat man das Gefühl, die deutsche Rechtschreibung beinhalte keine Kommas) keine Erwähnung findet. Einzige darstellerische Enttäuschung im Film ist Sonja Riesen, die als Film-Regula eigenartig blass und holzschnittartig bleibt. Zu keiner Zeit kann man nachvollziehen, wieso Goalie so für Regula brennt. Im besten Fall kann ihr der für die Region typische, etwas herbe Oberaargauer Charme attestiert werden (der Autor dieser Zeilen stammt aus der Gegend und weiss also, wovon er spricht).

Sepiafarbene Rückblenden und Überdosis Slide-Gitarre

Etwas schludrig sind teilweise auch die Auswahl der Locations und der Filmmusik. Als Film-Spanien muss Italien herhalten und wenn Goalie sich mit Regula im Schoren Langenthal zum Schlittschuhlaufen verabredet, so kann der Rezensent, der als Teenager seine Runden im Schoren drehte, schnell feststellen, dass die Open-Air-Eisbahn irgendwo stehen mag, aber nicht mit der Eishalle Schoren verglichen werden kann. Obwohl die Filmemacher verlauten liessen, in Langenthal an Originalschauplätzen gedreht zu haben. Einigermassen befremdlich auch, wenn neben der zum 80-er-Jahre-Dekor passenden musikalischen Untermalung (so etwa „Screaming in the Night“ von Krokus, „Muhamar“ von Touch el Arab oder „Film 2“ von Grauzone) plötzlich das erst 2009 veröffentlichte „En el ultimo trago“ der spanischen Flamenco-Jazz-Sensation Buika ertönt. Zudem kann man auch als Slide-Gitarren-Liebhaber eine Überdosis Slide-Gitarre bekommen(Original-Filmmusik von Peter von Siebenthal und Richard Köchli, als „Beste Filmmusik“ mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichnet). Nicht nötig gewesen wäre ebenfalls, filmische Rückblicke in Goalies Kindheit – Achtung: Zeitsprung! – in sepiafarbene Bilder zu tauchen und eine Basler (!) Regionalbank in einem im bernischen Oberaargau spielenden Film als „Presenting Sponsor“ prominent auftreten zu lassen.

Eine Tragikomödie, also eine Art Gratwanderung zwischen Tragödie und Komödie, wollte Sabine Boss mit der Verfilmung von „Der Goalie bin ig“ schaffen. Nur geht der Film trotz des famosen Hauptdarstellers eigenartigerweise kaum zu Herzen, von einer tieftraurigen Szene einmal abgesehen, in welcher Goalie den Verrat seiner vermeintlichen Freunde realisiert und die durch „Clap Hands“ des grossartigen Tom Waits musikalisch untermalt wird. (Da Tom Waits für die Verwendung seiner Musik in Filmen die Einwilligung nur persönlich und nach Visionierung des Films gibt, haben die Filmemacher übrigens die betreffende Szene englisch untertitelt und Tom Waits geschickt.) Als Komödie ist er wiederum zu wenig lustig, sieht man vom Züri West-Titelsong ab, der dem Film einen anderen Schluss verpasst und ironisch kommentiert: „Das wär ä schöne Schluss gsi mues me säge/Vilich eine für nes angers Mau/Im nächschte Fium oder im nächschte Läbe“. Kein Glanzlicht ist dieser Film also, eher ein periodisches Aufflackern im schummrigen Schummertal.

Originaltitel: Der Goalie bin ig (Schweiz 2014)
Regie: Sabine Boss
Darsteller: Marcus Signer, Sonja Riesen, Pascal Ulli, etc.
Genre: Tragikomödie
Dauer: 88 Minuten
CH-Verleih: Ascot Elite Entertainment Group

Im Netz
www.goaliefilm.ch

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