Frage an Becketts Stücke

Frage an Becketts Stücke

(K)eine Antwort


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Wenn man sich fragt, welche Bedeutungen man Becketts Stücken einräumen kann in einem Diskurs, der uns bis heute anhält uns selbst und unser Verhältnis, in das wir zur Welt treten, neu zu denken – so kann man Beckett dann auch als den sehen, der den Existentialismus mit seinen Setzungen endgültig verabschiedete, und seine Stücke werden als Zeugnisse des Postexistentialismus gesehen, die die Linien und Spuren zu einer neuen postmodernen Konzeption von Subjektivität vorzeichnen, die sich den Parametern wie Identität einer Einheit und Ganzheit zu entledigen scheint und diese endgültig hinter sich lässt, um dem Subjekt der Vielheiten – den Identitäten als Patchwork und einer bis anhin nicht geahnten Sinnfreiheit den Weg zu ebnen.

 

Von Christoph Andreas Schmassmann

So liefern sie zunächst auf der Oberfläche ein Beispiel, wie es letztlich bei einer Auflösung des Ichs angesichts einer alles überziehenden und durchflutenden Sinnlosigkeit bleibt, das  nun unrettbar verloren ist. Er gibt keine Antwort darauf, wie die Ideen einer Vorstellung des Subjekts noch zu retten ist. Er belässt es bei der Stellung der Frage, die – einmal gestellt – sich ins Bewusstsein schleicht und von dort jeglichen Sinn und alle Ordnungssysteme als Bedingung für jegliche Subjektivität zersetzt.

 

Der Verzicht auf Sinn

Das absurde Theater Becketts vermittelt Ungewissheit, vielmehr die Erfahrung davon, indem die Stillung eines in Literatur anzunehmenden Sinns willkürlich vorenthalten wird. Eine Qualität des Entbehrens stellt sich ein. An diesem Umstand lässt sich beispielsweise auch verdeutlichen, warum die Theaterstücke eines Camus, die auf der Philosophie der Absurdität beruhen, nicht als absurdes Theater bezeichnet werden. Wenn sie auch existentiell absurde Lagen behandeln, so tun sie dies im Medium einer diskursiv logisch nicht widersprüchlichen Sprache und mit kohärenter Handlung. Das Theater Becketts spricht hingegen nicht über Absurdität, sondern stellt sie dar: Theater bedient sich so gesehen der Handlung und der Sprache in einem Modus der Nachahmung von Welt und dem Verhältnis zwischen den Welten seiner Figuren. Theater wäre ohne dramatischen, zwischenmenschlichen Konflikt nicht denkbar. Durch das stetige Zurückgeworfen-Sein auf sich selbst geht das absurde Theater Becketts nun nicht nur graduell einen Schritt weiter, sondern bricht zu etwas wesentlich anderem durch.

 

Inkohärenz der Sprache

Was von der Sprache noch übrig bleibt ist das reine Als-Ob eines Dialogs. Ein solches Als-Ob des Tuns und der Sprache stellt eine Ursituation des Spiels dar. Im Spiel tritt man aus der alltäglichen Wirklichkeit aus, man verlässt diese, in einer gegenseitigen Abmachung, die jederzeit wieder aufgehoben werden kann, wodurch man auf das Feld der primären Wirklichkeit zurückkehrt. Bei den Figuren des absurden Theaters hingegen ist nun die gespenstische Lage eingetreten, dass sie nicht mehr aus einer gesicherten Wirklichkeit heraustreten und diese wieder zurückkehren können. Die zunächst anzunehmende Wirklichkeit ist durch das häufige Wechseln der Ebenen im Als-Ob selbst zu einer Wirklichkeitsebene des Als-Ob oder einfach kontingent geworden. Dadurch entsteht der Eindruck einer totalen Irrelevanz des Gesagten, einer Un-Wirklichkeit, die mit einer verlässlichen Nachahmung oder von Mitteilung über Wirklichkeit nichts mehr gemeinsam hat. In diesem Gebrauch von Sprache spiegelt sich die ganze Tragweite des verloren gegangenen Subjekts wieder – das nurmehr mit Sprachspielen aufwartet gegen einen Kampf in und um seine eigene Realität.

 

Inkohärenz der Handlung

Da die Sprache selbst ihrer Intentionalität beraubt ist, kann sie nicht mehr zu einem Konstrukt von Intentionen beitragen, wobei Handlung primär als Geflecht von Intentionen verstanden werden muss, durch die sich das Subjekt zur Welt verhält. Ist dieses Verhältnis gestört, kommt keine Handlung im Sinne einer linearen Zubereitung, Polarisierung und Aussparung einer eigentlich komplexeren Wirklichkeit mehr zustande. Durch das Bewusstsein davon, dass sich die Wirklichkeit so sprachlich nicht erfassen lässt, wird jegliche Handlung im Sinne einer zu verwirklichenden Intention verunmöglicht. Was sich einstellt, sind tausend Schein-Welten ohne Grund noch Zentrum und Wirklichkeit pervertiert zu dem, was wir schlussendlich in Form von Handlung (und Sprache) nur nach den Bedingungen des menschlichen Verstandes unter  Kategorien wie Zeit, Raum, Kausalität und Finalität ordnen oder vielleicht besser zwingen. Der Konstruktionscharakter jeglicher subjektiven Setzung wird offenbar und ihr die Voraussetzung als letzte Essenz menschlichen Handelns und Sprechen entzogen. Dieses bleibt letztlich unter diesen Voraussetzungen unrettbar.

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Zirkuläre Identitäten

Das Fehlen von Kausalität und Finalität, das Serienhafte, das sich in endlosen Kreisbewegungen niederschlägt- darin offenbart sich auch die Zirkularität jeglicher Identität, welche das Subjekt als beständige Einheit zu setzen versucht, wodurch dieses somit nivelliert und eingeebnet wird. Das Subjekt, das mit sich selbst identisch ist, das sich schliesslich in den immer gleichen Zirkeln um sich selbst dreht, verliert sein Zentrum, vollzieht eine Bewegung der Dezentrierung nach aussen und ein Verlieren in sich und seiner selbst gegen innen. Statt Progression in die Fülle findet sich Zirkulation in der Leere, in der sich die Setzung von Subjekt wie Welt gleichermassen gegenseitig aufheben. Die einzige wirkliche Progression ist paradoxerweise die Erkenntnis der Absurdität, auf die es letztlich ankommt, die jegliche einheitliche Setzung des Subjekts zur Welt verneint – ein Sinn bzw. ein Ordnungssystem, über das es sich einheitlich konstituieren kann, erschliesst sich ihm nicht mehr, bleibt ihm verweigert. Sie fallen auseinander werden inkohärent, zerstreut – es kommt zum Leerlauf ohne Progression, ohne Bewegung bis zum absoluten Stillstand in einer letztlich finalen Scheinwelt.

 

 

Auswege

Neben dem Nihilismus Nietzsches bildet die Psychoanalyse, wie sie Freud und Lacan mit unterschiedlichen Akzenten entwickelt haben, einen weiteren fundamentalen Bezugspunkt von Becketts literarischer Tätigkeit. Als wichtig in dem hier behandelten Zusammenhang erscheint dabei, dass das psychoanalytische Modell der menschlichen Psyche eine Schwächung und Entmächtigung des bewussten Subjekts zugunsten des Unbewussten mit sich bringt. Letzteres darf jedoch nicht als brodelnde Masse inartkulierter Kräfte missverstanden werden. Der entscheidende Punkt hierbei ist Freuds Auffassung des Unbewussten als das intellektuell ebenbürtige Gegenüber des bewussten Ich als dessen möglicher Gesprächspartner. Damit öffnet sich die Perspektive, in der das Unbewusste als sprachlich organisiert aufgefasst werden kann und so bei der dezentrierenden Bewegung des Subjekts sich die beiden Pole des Bewussten und Unbewussten in einem Kräftefeld gegenüberstehen.

 

Grenzgänge

Die Dekonstruktion des Subjektbegriffs bei Beckett, der den bisher bestehenden Begriff von Subjektivität der Moderne radikal in Frage stellt – es aber schliesslich auch bei dieser belässt und den Rezipienten in der Leere dieser unbeantworteten Frage zurücklässt – widerspiegelt ein zentrale Entwicklung. Die Bastion des Subjekts, das nun nicht mehr als Grundlage des Wissens aufgefasst werden kann, sondern als Ort der Täuschung und als Durchgangsstation eines Bewusstseinsstroms, fällt. Es erweist sich als etwas, dass so nicht vorausgesetzt werden kann, dass es (ähnlich wie bei Roland Barthes) nicht theoretisch erfasst, sondern nur künstlerisch inszeniert werden kann und muss. Diese Inszenierung des Subjekts als etwas dessen Status als Handelndes untergraben wird verweist letztlich darauf, dass Beckett gerade dem einen Umstand gerecht wird: dass man da, wo man Statik und Identität quasi vermutete, vielmehr Bewegung und Wandel wahrnimmt. Und so bewegt man auch von der seit der Aufklärung etablierten Vorstellung weiter zu einer Vorstellung von sich in permanentem Wandel befindenden Identität und hin zu einer Einheit in der Vielfalt. Kaleidoskopmässig verlaufende Brüche und Verweise öffnen sich, zwischen denen sich das letztlich in seiner Dezentriertheit entmachtete Ich einnistet und aufspannt in vielerlei schillernden, polymorphen Prismen sich brechend, mehr schemenhaft in das Spiel in und durch die Sprache eingewoben als tatsächlich präsent. Vielmehr entsteht es erst über den Akt, den es durch sich selbst vollzieht  – wo voreinst nur inartikulierte Ströme eines vielgestalteten Bewusstseins waren, im Erscheinen sich entziehend in ein Netz von inartikulierbaren Zuständen und Seinsweisen jenseits des Sag- oder Denkbaren, vielmehr erlebt und in sich selbst bewegt, progressiv sich entfaltend.

 

Literatur zum Thema:

Samuel Beckett. Warten auf Godot. Suhrkamp 1953.

Samuel Beckett. Endspiel. Suhrkamp 1957.

Samuel Beckett. Das letzte Band. Suhrkamp 1960.

Samuel Beckett. Glückliche Tage. Suhrkamp 1962.

Samuel Beckett. Nicht Ich. Suhrkamp 1974.

 

Christoph Schmassmann

Hat Literatur und Philosophie an der Universität Basel und Theater an der Universität in Bern studiert - zur Zeit verfasst er regelmässig Beiträge für verschiedene Magazine und das Radio: Kultur, Architektur und Politik gehören zu seinen Schwerpunkten. Daneben verfolgt er eigene Kunstprojekte und konzipiert installative Performance Abende.

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