George Saunders: “Zehnter Dezember”

Short Stories

George Saunders: “Zehnter Dezember” (Kurzgeschichten)

Lange Zeit fristeten Kurzgeschichtensammlungen eher ein Schattendasein. Zu Unrecht, wie George Saunders beweist. Der ‘Meister der zeitgenössischen Kurzgeschichte’ und Bestsellerautor auf der Liste der New York Times braucht den Vergleich mit grossen Klassikern wie Poe und Hemingway nicht scheuen, schafft es jedoch auch, seinen Erzählungen einen modernen und einzigartigen Touch zu verleihen.

Von Stella Feineis.

zehnteroktoberIn 10 Kurzgeschichten lädt Saunders seine Leser ein, alltägliche Dinge und ungewöhnliche Situationen aus einer fremden Perspektive zu betrachten, und dabei unweigerlich auch sich selbst zu hinterfragen.

Teils modern, teils utopisch

Das grosse und omnipräsente Thema sind dabei stets Konflikte und Entscheidungen, mit denen sich Menschen konfrontiert sehen. So bemerkt in der ersten Geschichte ein Junge, wie ein Unbekannter die Tochter seiner Nachbarn entführen will. Soll er eingreifen oder soll er sich – wie ihm von seinen überbehütenden Eltern eingebläut wurde – lieber von jeder Gefahr fernhalten? In einer weiteren Erzählung kehrt ein US Soldat aus dem Krieg zurück und schafft es nicht mehr, in sein altes Leben zurückzufinden. Schritt für Schritt nähert er sich der Katastrophe, die seine Mitmenschen nicht sehen können oder wollen. Neben solchen ‘Alltäglichkeiten’ interessiert sich der Autor auch stark für die Frage, wohin unsere Gesellschaft sich entwickeln wird, und zeichnet dabei ein eher dunkles Bild von wissenschaftlichem Fortschritt und Entwicklungen, die das Leben angenehmer machen sollen, aber auf Kosten der Menschen und der Menschlichkeit gehen.

Immer menschlich

Überhaupt ist der Mensch, das Individuum, stets der Fokus der Erzählungen. Oft leben zwei Protagonisten in ihrer eigenen Welt, die dann plötzlich und ungeahnt mit einer anderen kollidiert. Saunders Botschaft ist hier stets, dass es an uns liegt, wie wir mit dieser Kollision umgehen, ob wir sie als Chance erleben oder als Trauma. In der titelgebenden letzten Geschichte trifft ein Junge, der eigentlich in ein Spiel und seine eigene Fantasiewelt vertieft ist, überraschend auf einen krebskranken Mann, der vorhat, sich umzubringen. Ein Treffen, das beider Leben für immer verändern wird. Wird es aber auch ein Leben retten? Und wäre eine Rettung überhaupt die richtige Entscheidung?

Saunders beweist eindrücklich, dass es nicht immer einen Roman braucht, um den Leser in eine andere Welt zu entführen und ihn zum Nachdenken anzuregen. Seine Kurzgeschichten sind daher jedem interessierten (und nachdenklichen) Leser wärmstens zu empfehlen.


Titel: Zehnter Dezember
Autor: George Saunders
Verlag: Luchterhand
Seiten: 272
Richtpreis: 29.90 CHF

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