19. Literaturfestival Leukerbad

19. Internationales Literaturfestival Leukerbad  4. bis 6. Juli 2014

Glanzlichter aus den blinden Flecken
der literarischen Weltkarte

Walliser Alpentherme

Das stimmige und qualitativ hochstehende Programm des 19. Internationalen Literaturfestivals Leukerbad war ein Eldorado für entdeckungsfreudige Bücherwürmer. Unter den insgesamt 30 eingeladenen Autoren und Autorinnen glänzten vor allem jene, die sich im Exil literarisch mit ihrer Herkunft auseinandersetzen.

Von Christoph Aebi.

„In Brandenburg ist nachts noch weniger los als in Leukerbad, wenn gerade kein Literaturfestival ist“, sagte Saša Stanišić,

der frisch gebackene Leipziger-Buchmesse-Preisträger, gut gelaunt während seiner ersten Lesung im Garten eines Leukerbader Viersternehotels. Stanišić trug am Festival Passagen seines furiosen zweiten Romans „Vor dem Fest“ vor. Dieser ist im imaginären brandenburgischen Fürstenfelde während der Nacht vor dem alljährlichen Annenfest situiert. Eine allwissende Wir-Erzähler-Instanz, die eine Art kollektives Dorfbewusstsein vermittelt, begleitet in dieser Nacht unter anderem einen Rassenhühner züchtenden Ex-Briefträger sowie einen ehemaligen Oberstleutnant der NVA auf ihren Wegen.

Das Aufklappsofa als Wiege der Fabulierlust

Biographisch am nächsten in diesem Dorfkosmos – in dem die Alten vereinsamen und die Jungen entweder gar keine Pläne schmieden, oder dann den Plan, wegzugehen – sei ihm jedoch Frau Kranz, erklärte Saša Stanišić. Diese bald 90-jährige Malerin durchquerte in den Wirren des Zweiten Weltkrieges auf dem Weg aus dem Banat nach Fürstenfelde ganz Europa und verewigt seitdem ausschliesslich ihr Dorf auf Leinwänden. Auch bei Stanišić gab es diesen Bruch in seiner Biografie, wie er anlässlich des in Leukerbad „Literarisches Hors d’Oeuvre“ genannten Gesprächs mit der Journalistin und Autorin Elke Schmitter erzählte. Der 1978 geborene Stanišić wuchs im ostbosnischen, unmittelbar an der Grenze zu Serbien gelegenen Višegrad als Sohn eines bosnischen Serben und einer bosnischen Muslimin auf. Nachdem 1992 die ersten Kampfhandlungen vorbei waren, warnte ein befreundeter Polizist die Familie, dass der Krieg nun erst beginne und Muslime besser flüchten sollten. „Wir haben sofort die Sachen gepackt und sind am nächsten Tag losgefahren“, sagte Stanišić. Via Serbien und Ungarn flüchtete der damals 14-Jährige mit seinen Eltern zu einem Onkel nach Heidelberg.

Sasa Stanisic
Saša Stanišić liest im Garten des Hotels Regina Terme. © Jonas Ludwig Walter

Im von Elke Schmitter einfühlsam geführten Gespräch verriet Stanišić zudem, dass er seine unbändige Fabulierlust, die er in „Vor dem Fest“ eindrücklich unter Beweis stellt, dem Töten von Ameisen in seiner Kindheit und einem Aufklappsofa seiner Eltern zu verdanken habe. „In den Kasten dieses Aufklappsofas, der normalerweise Bettwäsche und Laken beinhaltet, haben meine Eltern Bücher reingeworfen. In diesen Büchern lag ich und habe gelesen. Hätte ich nicht bereits in früher Kindheit erfahren, was es heisst, diese Macht über Ameisen und später über die Figuren in einem Buch zu haben und hätte ich als Kind nicht soviel gelesen, wäre ich nicht hier.“ Zudem hätten ihn seine Eltern aufgefordert, Dinge aufzuschreiben, die er in der Schule und beim Spielen erlebt habe. „Aus diesem ständigen Nachgefragtwerden ist das Interesse für die Welt entstanden und hat zu einem Wortreichtum bereits in früher Kindheit geführt“. Trotzdem kam er, nachdem er zwei Jahre lang für „Vor dem Fest“ in seiner Gedankenwelt  ein „gesichtsloses, regionsloses und geschichtsloses Dorf mit zwei Seen, flacher Landschaft und Wald“ kreiert hatte, nicht mehr weiter. „Es war unmöglich, ein Dorf mit Figuren zu erschaffen, wenn man sie nicht lokal verortet. Mir gingen die Ideen aus“. Als Stanišić einer Freundin davon erzählte, meinte sie, dieses Dorf gebe es schon – und führte ihn nach Fürstenwerder in die Nordwestuckermark. „Als ich diese Seen sah, ganz zärtlich um das Dorf herum, habe ich gedacht: Das ist mein Dorf!“ Durch Entdeckungen in den Dorfarchiven und Gesprächen mit den Leuten habe er die Uckermark immer mehr in sich hineingesaugt und das Buch habe somit endlich das Fleisch am Knochen erhalten, meinte Stanišić abschliessend.

Blicke und Blickwechsel

Ebenfalls ein Dorfpanorama, und zwar eines in 12 Runden, entfaltet der Schweizer Autor Jens Steiner in seinem kürzlich mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichneten Werk „Carambole“. Darin verharrt ein namentlich nicht näher präzisiertes Dorf zwei Wochen vor den grossen Sommerferien in einer Art Stillstand. Bewegung findet allenfalls in den Köpfen der Protagonisten statt. Steiner erklärte zu Beginn der auf der Alpina-Terrasse symptomatisch mit den Glocken der Dorfkirche eingeläuteten Lesung, sein zweiter Roman sei ein „Buch der Blicke, Blickwechsel und heimlichen Beobachtungen“. Der Autor zoomt dabei ganz nahe an die Figuren heran, wie etwa den im Rollstuhl sitzenden Protagonisten, der durch die Okulare dreier Fernrohre guckend für andere unsichtbar die kleine Welt vor seinem Balkon und somit das Dorfleben überwacht.

Urs Mannhart liest auf der Alpina Terrasse. © Jonas Ludwig Walter
Urs Mannhart liest auf der Alpina Terrasse. © Jonas Ludwig Walter

Ganz nah an seine Protagonisten führt uns auch der im bernischen Rohrbach aufgewachsene Autor Urs Mannhart, ein klarer Anwärter für den diesjährigen Schweizer Buchpreis. Für seine detailgetreuen Schilderungen in seinem dritten, fast 700 Seiten umfassenden Opus „Bergsteigen im Flachland“ nutzt Mannhart seine Erfahrungen als freier Journalist und Reporter aus osteuropäischen Ländern und verknüpft virtuos in 87 Kapiteln die Schicksale eines ganzen Arsenals an Figuren zum Zeitpunkt des Kosovo-Krieges Ende der Neunzigerjahre. Darunter ein rumänischer Mathematiklehrer, der als Erdbeerpflücker in Spanien und Wäscherei-Mitarbeiter auf einer norwegischen Bohrinsel ein Vielfaches seines rumänischen Gehalts verdient sowie ein serbischer Scharfschütze und ein kosovarischer Freiheitskämpfer. Allen ist gemeinsam, dass ihnen das Rüstzeug fehlt, um an einem bestimmten Ort wirklich Fuss zu fassen und sie Fähigkeiten haben, welche nicht gefragt sind oder ignoriert werden. Bindeglied all dieser Protagonisten ist der unter schrumpfenden Honoraren leidende freischaffende Reporter Thomas Steinhövel, der dem Autor zudem Gelegenheit für satirische Seitenhiebe auf die real existierende Schweizer Medienlandschaft bietet. Trotzdem ist Mannharts grosser Europa-Roman über Migration und Flucht nichts für zartbesaitete Gemüter. Seine Nachbarin habe kürzlich, als er abends draussen im Garten stand, mit ihm geschimpft und ihm gedroht, wenn sie kommende Nacht wieder nicht schlafen könne, komme sie rüber und wecke ihn, erzählte Mannhart während seiner Lesung. Die Nachbarin hatte in der Nacht zuvor eine der detailreich im Buch beschriebenen Folterszenen gelesen.

Die unkontrollierbaren Strömungen der Trauer

Gail Jones (rechts) und ihre deutsche Stimme Ulrike Arnold in der Walliser Alpentherme. © Jonas Ludwig Walter
Gail Jones (rechts) und ihre deutsche Stimme Ulrike Arnold in der Walliser Alpentherme. © Jonas Ludwig Walter

Ein fragmentarisches Erzählen wie es in Mannharts Roman der Fall ist, war das Merkmal vieler der in Leukerbad vorgestellten Bücher. So lässt die Australierin Gail Jones in „Ein Samstag in Sydney“ fünf Personen, vier Erwachsene und ein mysteriöses Kind, im gleichen Moment mit der S-Bahn im Hafen der Stadt eintreffen. Allen ist gemeinsam, dass sie mit einem Trauma fertig werden müssen. Ellie will nach zwanzig Jahren ihren ehemaligen Schulkameraden und ersten Freund James wieder sehen, der seinen Kummer mit Xanax herunterzuwürgen pflegt. Die irische Journalistin Catherine ist nach Sydney geflohen, um der Trauer über den Tod ihres Bruders zu entfliehen. Pei Xing schliesslich ist eine Überlebende der chinesischen Kulturrevolution und wird ihre damalige Gefängniswärterin wieder treffen. Namensgebend für die englische Originalversion des Buches ist das Gedicht „Five Bells“, mit dem der aus einer deutschen Einwandererfamilie stammende Dichter Kenneth Slesser in den dreissiger Jahren den Ertrinkungstod eines Freundes im Hafen von Sydney verarbeitete. Gail Jones erklärte, sie habe einen Roman über die unkontrollierbaren Strömungen der Trauer schreiben wollen. Über die Art und Weise, wie einen die Trauer zu einem Zeitpunkt einholen kann, an dem wir meinen, bereits darüber hinweg zu sein. Die mit feiner Stimme vorgetragene Lesung, assistiert von der Schauspielerin Ulrike Arnold für die deutschen Passagen, gehörte auf jeden Fall zu den Höhepunkten des diesjährigen Festivals. Und Jones konstatierte gleich zu Beginn ihrer Lesung, die Veranstalter hätten sogar australisches Wetter für sie arrangiert. So warm war es im Innenbad der Alpentherme, in dem die Abendveranstaltungen stattfanden und man meinte, immer noch ein leichter Chlorgeruch des tags zuvor abgelassenen Wassers in der Nase zu verspüren.

Die Brutalität der afrikanischen Militärregimes

Eine gute Nase und ein gutes Gespür für aktuelle literarische Strömungen zeigten die Festivalorganisatoren, indem sie in diesem Jahr einen Schwerpunkt auf Autoren und Autorinnen setzten, die aus Ländern stammen, welche immer noch als blinde Flecken auf der literarischen Landkarte gelten. Darunter zwei afrikanische Autorinnen, die gezwungen waren, in ihrer Kindheit ihre Heimatländer zu verlassen und sich diesen nun wieder literarisch annähern. Die in London lebende Somalierin Nadifa Mohamed lässt in „Der Garten der verlorenen Seelen“ im nordsomalischen Hargeisa drei Frauen aus drei verschiedenen Generationen kurz vor Ausbruch des Bürgerkrieges Ende der Achtzigerjahre aufeinandertreffen: Kawsar – eine um ihren Mann und ihre Tochter trauernde Witwe –, Filsan – eine junge Soldatin aus Mogadischu, die in den Norden des Landes abkommandiert wurde, um die Rebellen des National Freedom Movement zu bekämpfen – sowie die neunjährige, in einem Waisenhaus lebende Deqo. Alle werden zu einer Parade abkommandiert, um ausländischen Würdenträgern zu zeigen, wie beliebt das Militärregime von Siad Barre sei und um diesem ein menschliches Antlitz zu geben. Doch der Glanz der Unabhängigkeit Somalias war auch zu jener Zeit schon längstens verschwunden.

Maaza Mengiste am Autorenabend auf der Torrent. © Jonas Ludwig Walter
Maaza Mengiste am Autorenabend auf der Torrent. © Jonas Ludwig Walter

Ebenfalls an ein Militärregime, und zwar an jenes im Nachbarland Äthiopien, erinnert die nun in New York beheimatete Maaza Mengiste mit ihrem erschütternden Roman „Unter den Augen des Löwen“. Am Beispiel einer politisch und emotional zerrissenen Familie beschreibt Mengiste die blutigen Umbrüche im Äthiopien der 70er-Jahre, vom Sturz des Kaisers Haile Selassie 1974, mit dem ein 3000 Jahre altes Königreich sein Ende fand, bis zur darauffolgenden Schreckensherrschaft des kommunistischen Mengistu-Militärregimes, das sich bis zum Ende der Sowjetunion halten konnte. Enteignungen und öffentliche Hinrichtungen von Oppositionellen waren an der Tagesordnung. Während viele Menschen an der Willkür des Regimes zerbrachen und immer noch unter den psychosozialen Folgen leiden, lebt das ehemalige Staatsoberhaupt Mengistu Haile Mariam heute unbehelligt in Simbabwe. Mit ihrem Erstlingswerk setzt Mengiste den mehreren hunderttausend Opfern der Diktatur ein eindrückliches Denkmal.

Eine Portion Sonne als einziger Lichtblick

Einen Trip durch die Hölle erleben auch die Protagonistinnen in „Ein Jahr im Paradies“, dem ersten auf Deutsch erschienenen Roman der aus der Republik Moldau stammenden, mittlerweile nach Rumänien emigrierten Autorin Liliana Corobca. Das zynisch „Paradies“ betitelte Lokal im ehemaligen Jugoslawien zur Zeit des Krieges ist in Wahrheit ein Bordell, in dem regelmässig „ein bisschen Ware“ geliefert wird, ohne nach aussen Spuren zu hinterlassen. Angelockt wurden die Frauen durch das Versprechen, als Pflegerin oder in einer Fabrik arbeiten zu können, um sich damit dringend benötigtes Geld, beispielsweise für ein Studium, zu verdienen. Im „Paradies“ angekommen wird den Frauen, wenn sie nicht zur Arbeit bereit sind, gedroht, sie in Einzeiteile weiterzuverkaufen: Eine Anspielung auf den florierenden Organhandel. Eingesperrt in der Hölle, bleibt den Frauen als einziger Lichtblick, sich regelmässig an eine Fensterluke stellen und damit „eine Portion Sonne“ abholen zu können oder auf einen Freier zu warten, der ihnen eine Heirat verspricht und sie dem Bordellbesitzer abkauft. Gross recherchieren habe sie für ihren Roman nicht müssen, sagte Corobca. Frauenhandel und Prostitution gehörten in armen südosteuropäischen Ländern wie der Republik Moldau einfach zur Alltagserfahrung.

Ein Kind als Hoffnung auf eine magische Kur

Wie eine aus bitterer Armut kommende Frau zu einer Art Nationalheiligen Brasiliens wurde, erzählten der amerikanische Journalist, Übersetzer und Biograph Benjamin Moser sowie die Schweizer Autorin Katharina Faber an ihrem „Abend für Clarice“, einer höchst gelungenen Hommage an die 1977 verstorbene brasilianische Autorin Clarice Lispector. Für Benjamin Moser, Autor der kürzlich erschienenen Lispector-Biographie ist Clarice „die grösste brasilianische Autorin des 20. Jahrhunderts“. Nicht Bewunderung empfinde er für Lispector, sondern wahre Liebe. Katharina Faber, die Lispectors Bücher während ihres Medizinstudiums durch einen brasilianisch-jüdischen Freund, der wegen der Militärdiktatur nach Zürich gekommen war, kennengelernt hatte, beeindruckte bereits bei der ersten Lektüre, „wie unglaublich direkt und nahe die Geschichten von Clarice Lispector bei den Leuten waren. Es ist mehr als Verehrung, die ich für Clarice empfinde, es ist Liebe, eine Obsession“.

Katharina Faber liest in der Walliser Alpentherme. © Jonas Ludwig Walter
Katharina Faber liest in der Walliser Alpentherme. © Jonas Ludwig Walter

Mit Bildern, Ausschnitten aus Lispectors Werk sowie aus dem einzigen Fernsehinterview mit der Autorin machten Benjamin Moser und Katharina Faber die unglaubliche Biografie von Clarice Lispector schier plastisch erfahrbar: Ein Aufstieg vom armen Flüchtlingskind zur Jusstudentin in Rio de Janeiro, Diplomatengattin und gefeierten Kolumnistin und Schriftstellerin. Geboren wurde Lispector 1920 im einstigen russisch-jüdischen Ansiedlungsrayon in der Westukraine. Dort, wo nach dem Ersten Weltkrieg, als die Deutschen gingen und die Sowjetunion übernahm, 250’000 Juden von den Soldateska umgebracht wurden. Lispectors Grossvater wurde ermordet, ihre Mutter brutal vergewaltigt und dabei mit Syphilis angesteckt. Die Mutter erlag dem Glauben, mit einer Schwangerschaft könne man die Krankheit heilen. Doch das Kind als magische Kur für die Mutter versagte. Die Familie flüchtete, als Clarice 14 Monate alt war, nach Brasilien, wo die Mutter, nachdem die Krankheit Gehirn und Nervensystem angegriffen hatte, qualvoll verstarb. Gemäss Katharina Faber werden 90% der Kinder von so schwer erkrankten Müttern entweder tot oder mit ganz schweren Schäden geboren. Die Geburt von Clarice Lispector war somit ein doppeltes Wunder, das jedoch niemand geniessen konnte, weil man auf ein falsches Wunder gehofft hatte. Alleinerziehend musste ihr Vater in Brasilien als Lumpensammler arbeiten, um die Familie zu ernähren. Die harte Arbeit des Vaters ermöglichte es Clarice schliesslich, in die Schule zu gehen und zur ersten weiblichen Anwältin und Journalistin Brasiliens zu werden. Der Vater verstarb, als Clarices erstes (und soeben neu wieder in deutscher Sprache aufgelegtes) Buch „Nahe dem wilden Herzen“ veröffentlicht wurde, an den Folgen eines medizinischen Fehlers.

Das Triple-Leben der Botschaftergattin

An der juristischen Fakultät lernte Clarice Lispector ihren Mann Maury kennen, den sie als Botschaftergattin unter anderem nach Bern, Neapel und Washington begleitete. Doch dass die elegante Frau aus der Hölle kam, wusste damals niemand. So hatte sich in Clarice seit der Kindheit ein Gefühl der durchdringenden Fremdheit festgesetzt, das sich noch vergrösserte, während sie als Botschaftergattin mit der internationalen Bourgeoisie verkehrte. „Gleichzeitig schrieb sie die unglaublichsten Bücher. Das ist kein Doppelleben mehr, eher schon ein Triple-Leben“, sagte Katharina Faber. „Vor diesem Leben hatte sie Angst, schon bevor es begann. Bereits im Alter von 23 Jahren schrieb sie, wie ihre Ehe enden wird. Dass nämlich die zwei Personen, die in ihr wohnen – die umgängliche, heitere, lebenslustige und die schwierige, gefährliche – nicht einen Menschen heiraten und mit ihm bleiben können“. Nach ihrer Scheidung verdiente Lispector ihr Geld vorwiegend als Journalistin, indem sie Schönheitskolumnen für Frauenzeitschriften verfasste – und schrieb gleichzeitig unglaublich profunde, philosophische Bücher. Für Katharina Faber ist „diese Breite und die Bereitschaft, auch mal in die Niederungen des Lebens hinabzusteigen, das grosse Wunder“.

Nachdem Clarice Lispector 1966 im Alter von 46 Jahren mit einer brennenden Zigarette eingeschlafen war und in einem Feuer stark verwundet wurde, wurde sie über Nacht von einer schönen Frau zu einer alten Dame, die nur mit Mühe umherlaufen konnte. Zudem bestrafte sie die damals in Brasilien herrschende Militärdiktatur auf die perfideste Art und Weise dafür, dass sie während des „Marsches der 100’000“ 1968 gegen das Regime und dessen Praktiken, Menschen verschwinden und töten zu lassen, protestiert hatte. Die Machthaber sorgten dafür, dass sie keine Kolumnen mehr schreiben konnte und ihr alle Tätigkeiten, mit denen sie Geld verdient hatte, weggenommen wurden. Es blieb ihr nur die Schriftstellerei, mit der sie jedoch zu Lebzeiten nie viel Geld verdient hatte. „Ich bin keine Berufsautorin. Ich schreibe nur aus Liebhaberei“, sagte sie am 1. Februar 1977 in ihrem einzigen Fernsehinterview, das Benjamin Moser und Katharina Faber in Leukerbad in Auszügen zeigten. Es zeigt die Autorin ein paar Monate vor ihrem Tod, gezeichnet von einer Krebskrankheit, schwer atmend, langsam sprechend, den geschwollenen Bauch und die verkrüppelte Hand versteckend.

Die Stimme aus dem Grab

„Je mehr ihre äusserliche Schönheit schwand, desto brillanter wurde ihre Prosa“, sagte ihr Biograf Benjamin Moser in Leukerbad. Ein brasilianischer Kritiker schwärmte kurz vor ihrem Tod sogar, sie habe die brasilianische Literatur aus einer depressiven Lethargie herausgeholt und auf eine Stufe der universalen Perfektion hervorgehoben. Dem pflichtet auch Katharina Faber bei: „Je kaputter und kränker Clarice Lispector wurde, je angegriffener und isolierter sie war, desto schöner wurde ihre Prosa. Sie, die nur schrieb, wenn es dringlich war – und deshalb haben alle Bücher von ihr etwas, das wirklich gesagt werden muss – ist in den letzten Lebensjahren zur literarischen Hochform aufgelaufen“. Höhepunkt des literarischen Schaffens ist die kurz vor ihrem Tod vollendete Erzählung „Die Stunde des Sterns“ über ein ungebildetes, einfaches, armes Mädchen, dem sich alle überlegen fühlen. Es ist eine erzählerische Annäherung an eine sprachlose Existenz, zugleich urkomisch als auch tieftraurig, und zeigt anhand der fiktiven Figur Macabéa die offenen Wunden Brasiliens, das tiefe Bildungsniveau und das Abgeschnittensein eines grossen Teils der Bevölkerung von der sogenannten bourgeoisen Oberschicht. „Clarice Lispector hat sich mit diesen armen Menschen absolut identifiziert. Ihre Literatur unterscheidet sich deshalb grundlegend von anderen Autoren, die als Angehörige einer höheren Schicht über die Armen schrieben“, sagt Benjamin Moser.

Die Identifikation mit ihrer Hauptfigur in „Die Stunde des Sterns“ war so intensiv, dass Clarice Lispector kurz nach Vollendung der Erzählung zum Schluss des Fernsehinterviews sagte: „Ich glaube, wenn ich nicht schreibe, bin ich tot. Also, jetzt bin ich gestorben. Ich spreche aus meinem Grab“. Dass sie zumindest am Abgrund des Grabes stand, wusste Lispector zum Zeitpunkt des Interviews. Zwei Wochen nach Publikation ihres letzten Buches verstarb sie. Es ist das Verdienst von Benjamin Moser und Katharina Faber – sowie der Festivalleitung, die Moser und Faber eine Plattform für ihren Abend bot – dass der Geist Clarice Lispectors, die in Brasilien auch jetzt noch fast kultisch verehrt wird, während jeder Minute des fast zweistündigen Abends äusserst präsent war. Es war eine wahre Sternstunde des Festivals, gestaltet von zwei Autoren, deren Begeisterung für eine andere Autorin so packend war, dass sie auf das Festivalpublikum überschwappte.

Dieses war an den drei Festivaltagen in Scharen erschienen: Auch ohne sogenannte Star-Autoren – wie im letzten Jahr Salman Rushdie –konnten die Organisatoren den letztjährigen Rekord von 3200 Eintritten halten. Kein Wunder: Nicht nur das stimmige und qualitativ hochstehende Programm, das für entdeckungsfreudige Literaturbegeisterte ein wahres Eldorado war, lockte viele Literaturfreunde an. Während an den Literaturtagen in Solothurn ein Gewusel mit endlosen Schlangen herrscht, kann man in Leukerbad problemlos entschleunigen, zur Ruhe finden und somit die Sinne öffnen für die Macht und Schönheit der Literatur.


Im Netz:

www.literaturfestival.ch

Das 20. Internationale Literaturfestival Leukerbad wird vom 3. bis 5. Juli 2015 stattfinden.

Das für das Festival in deutscher Sprache untertitelte Fernsehinterview mit Clarice Lispector kann über folgenden Youtube-Link angeschaut werden:

http://www.youtube.com/watch?v=IzDcro1LDVU

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