Sprache & Gewalt – drittes Fraktal

Sprache & Gewalt – drittes Fraktal

Jacques Derrida & die Potenzen des Fragments

 

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Einer jeglichen Kategorisierung in der und durch die Sprache liegt mitunter ein gewaltsames Moment zugrunde, indem diese normt, abstrahiert, den originären Moment in den Zustand einer be-greifbaren Verallgemeinerbarkeit überführt. „Eine Sprache die sich ohne die geringste Gewalt hervorbrächte, würde nichts de-terminieren, nichts nennen und dem Anderen nichts bieten; sie wäre nicht Geschichte und zeigte nichts: in allen Bedeutungen des Wortes, zunächst aber in seiner griechischen Bedeutung, wäre es eine Rede ohne Satz,“ wobei Satz in seiner ganzen Blösse als Gestalt- und Gesetzgebung gelesen werden kann.


Von Christoph Andreas Schmassmann

Somit wird das Verstehen dahingehend eröffnet, dass sich eine Artikulation immer in einer Fest-Schreibung eines an sich und per se in Bewegung Befindlichen sich vollzieht. Was tut aber Sprache  im Akt der Artikulation? Sie wird erst durch diese Zirkulation des Seins in ihrer Gewalt eröffnet. Somit eröffnet sich der Blick auf die Form der Zirkulation der Begriffe im Sein mit und qua Sprache. Und dort kann man letztlich ansetzen, um das Sein in der Sprache zu artikulieren und um es in ihr zirkulieren zu lassen.

 

Die Bewegung der Sprache

Die oben anzitierte Stelle wird ergänzt durch folgende Passage die den Ausblick dahingehend eröffnet als was die eigentliche Bewegung der Sprache ist. Für die Kritik Derridas als zielführend erweist sich letzlich Heideggers Auffassung von der Sprache als  „lichtend-verbergende Ankunft des Seins selbst.“ Die Sprache erhellt und verbirgt zugleich und gleichzeitig. Das Sein ist nichtsdestoweniger das Einzige, das jeder Metapher widerstehen kann. In dieser Widerständigkeit bietet sie produktive Reibungsfläche, die Bedingung der Möglichkeit des Abzeichnens einer Spur ist. In diesem Vollzug des Durchbruchs kommt es zu einer Zersplitterung des Seins und der mit ihm verschränkten und ihm zirkulierenden Begrifflichkeiten, die in ihrer Widerständigkeit zu Fragmenten aufbrechen.

 

In Fragmenten

An dieser Stelle gilt es nun Derridas Denken zu umreissen, es mitunter fortzusetzen und es im Kontext der Fragmentarisierung (des Seins und der Sprache) zu lesen: „Gleichzeitig enthält ein schriftliches Zeichen die Kraft eines Bruches  mit seinem Kontext, das heisst mit der Gesamtheit die das Moment seiner Einschreibung organisieren. Diese Kraft des Bruches ist kein akzidentielles Prädikat, sondern die Struktur des Geschriebenen selbst.“ Die kunsttheoretische Idee des Fragments ändert sich grundlegend, als im Zuge des Poststrukturalismus jegliche Sinneinheit nicht mehr nur dann als Fragment gilt, wenn sie in Hinblick auf eine ihr unterstellte Ganzheit als strukturell unvollständig und disparat erkannt wird. Sie muss per se immer schon Fragment sein, da sie im Zuge der Differentialität, die in der Sprache spielt, nurmehr der Ausdruck einer Zerstückelung darstellt, die niemals unmittelbar und in diesem Sinne vollständig in Erscheinung treten kann. Insofern stellt das Fragment, auf der Spur der Wahrnehmung, die bevorzugte Kategorie dar, an deren Rändern bzw. Grenzen erst der eigentliche, mitunter ästhetische Prozess in Bewegung gerät.

 

Sich zeigender Entzug

Notwendig organisiert sich Sprache von Innen heraus deshalb immer als Fragment, unvollständig und zerbrochen, welches erst am Punkt der eigentlichen Aufspaltung wo sich zeigt, was sich in einem Vollzug des ständigen Entzugs fortsetzt, in ihrer Auffältelung des sich entziehenden Zeigens, zu ihrem eigentlichen Sein und Sinn gelangt: als sprachliche Einheiten verstanden, treten sie erst an diesem Punkt in das Spiel der Differentialität ein: „(…) das Wort Bündel scheint das geeignetste zu sein, um zu verdeutlichen, dass  die vorgeschlagene Zusammenfassungen den Charakter eines Einflechtens, eines Webens, eines Überkreuzens hat, welche die unterschiedlichen Linien des Sinns – oder die Kraftlinien – wieder auseinanderlaufen lässt, als sei sie bereit, andere hineinzuknüpfen.“ So wird nun in diesem Zuge die strukturalistische Grundeinsicht  von der Vielschichtigkeit und der Heterogenität der Struktur so weit vorangetrieben, bis die mögliche Identität und Einheit der Struktur nun selbst in Frage steht.

 

 

Sich entziehendes Zeigen

So stösst Derrida auf ein produktives und nicht beherrschbares Spiel von Differenzen, das sich jeder Bündelung und Eingrenzung in Sinneinheiten widersetzt. So verweist auch Foucault im Zuge seiner These vom Verschwinden des souveränen Subjekts auf vorgängige symbolische Ordnungen – Wissensformationen bzw. diskursive Macht-Wissen-Konzeptionen – in denen das differenzielle Spiel der Sprache nurmehr künstlich zu einem Abschluss gebracht werden kann. Somit wird die Annahme einer der Sprache zugrundeliegenden, geschlossenen Struktur, von der noch der Strukturalismus ausgegangen war,  aufgebrochen. Und dies vollzieht sich durch das Prinzip der reinen strukturalistischen Tätigkeit selbst, das sich als generative Bewegung der différance oder als diskurskonstitutives Vermögen der Sprache jedem eingrenzenden Zugriff entzieht. Die Gewalt der Sprache , das ihr selbst zugrundeliegende bahnbrechende Potential, offenbart sich hier nun gerade in ästhetischer Hinsicht

 

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Grenzbereiche und ästhetischer Prozess

Es gilt zunächst von Übertragungen und medialen Bruchstücken zu sprechen: Auf den Bruchlinien dieser Erfahrung gerät der eigentliche Prozess in Bewegung. Das Fraktal, in dem immer der Zufall spielt und sich fortsetzt, wird zur bevorzugten Form des Ausdrucks. Zum Verhältnis von Sprache als medialer Prozess und Realität gilt es zunächst Folgendes festzuhalten: Die Gegenüberstellung von Medien und Realität fordert ein und greift nur in einem multiplen Sinnsystem. Medien (auch und gerade Sprache) zeigen an solchen notwendigen Schnittstellen ihre Wirkung und gleichzeitig eröffnen sie Spielräume „für die eigentlichen Effekte des Schneidens“. Der Begriff des Mediums korreliert dergestalt mit dem der Spur resp. dem über Re- zu De-Konstruktion verlaufenden Moment in der Konstruktion von Welt, und es können somit Sprache und Sprechen als ästhetisches Handeln verstanden werden, wobei hier die ästhetische Erfahrung sich nicht primär auf eine Kunsterfahrung bezieht, sondern als ein Modus, Welt und sich selbst im Verhältnis zur Welt und zur Weltsicht anderer zu erfahren. Kulturelle Gegebenheiten, die Lebenswelt in all ihren Facetten, regt die Individuen an, in ihr mitzuschwingen, sich selbst zu erfahren. Eine ästhetische Aneignung der Welt erscheint in dieser Hinsicht besonders vielversprechend. Und so laden Bilder in gewissem Sinne ein zu Interpretationen, doch Spuren fordern sie heraus, laufen ihr unter Umständen konträr, erzeugen Reibungsfläche und (in gerade dieser Hinsicht produktive) Widerstände. Sie bleiben ohne Deutung, ohne Erklärung und Interpretation unerkannte, belanglose Beiläufigkeiten, leicht zu übersehen. Auf das oben eröffnete über Re- zu Dekonstruktion verlaufende Moment in der Konstruktion gilt es dabei das Blickfeld zu eröffnen.

 

Krea(k)tive Momente

So zeigt sich auch und gerade an den Schnittstellen, ihren eigenen Grenzen die Sprache selbst  in ihrem gewaltsamen Potential. Das heisst in den sich so sich entfaltenden Zwischenräumen eröffnen sich neue Sinnpotentiale, das Spiel der Differentialität setzt ein. Und es entfalten sich in den Zwischenräumen der Zeichen – zwischen den sie konstituierenden Regelwerken und Ordnungsprinzipien – produktive Sinnpotentiale, die einen (mitunter ästhetisch zu deutenden) Prozess in Gang setzen, in dem diese freigesetzt werden. So besteht in gewissem Sinne eine Notwendigkeit zur Übertragung in der fehlenden Unmittelbarkeit des Menschen zur Welt – anders formuliert: in der Vermitteltheit durch Medien, die (wie etwa das Sprechen selbst) nicht etwa einen gegebenen Inhalt einfach transportieren als vorher schon fertigen, sondern in ihrem Vollzug performativ herstellen und erzeugen, in diesem Sinne aktualisieren,  bleibt immer etwas offen, worin sich über die Schnittstelle produktive Spielräume eröffnen.

 

Literatur zum Thema:

Jacques Derrida. Die Schrift und die Differenz. Suhrkamp 1976.

Christoph Schmassmann

Hat Literatur und Philosophie an der Universität Basel und Theater an der Universität in Bern studiert - zur Zeit verfasst er regelmässig Beiträge für verschiedene Magazine und das Radio: Kultur, Architektur und Politik gehören zu seinen Schwerpunkten. Daneben verfolgt er eigene Kunstprojekte und konzipiert installative Performance Abende.

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