Sprache & Gewalt – erstes Fraktal

Sprache und Gewalt – erstes Fraktal

Michel Foucault & die (An)Ordnung des Diskurses

 

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Es gilt zunächst die Begrifflichkeit des Diskurses auf einer Meta-Ebene zu verorten, die gleichzeitig das Sprechen in all seinen Ausprägungen formt und bestimmt. Foucault bekundet eingangs seiner Inaugural-Vorlesung seine Schwierigkeiten – und vielleicht kann man auch von Aversionen oder Angst reden – den  Diskurs zu eröffnen, mit dem Sprechen zu beginnen: Er spricht von einer „Unruhe, in die gefährliche Ordnung des Diskurses einzutreten.“

 

Von Christoph Andreas Schmassmann

Woher kommt Foucaults Angst? Was ist das gefährliche an der Metaebene, die er betritt – d.h. nicht mehr innerhalb des Diskurses, der die herrschende Ordnung bestimmt, zu sprechen sondern über ihn? Es gilt an dieser Stelle ein wenig auszuholen resp. vorzugreifen und einen Auszug aus Foucaults “Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses” anzuführen. Sinngemäss führt hier Foucault selbst die Begründung seines Innehaltens an: Macht produziert in seinem Sinne Wissen; Macht und Wissen implizieren einander gegenseitig in direkter Weise. Es gibt kein Machtgefüge ohne eine korrelative Konstitution eines Wissensfeldes, noch ein Wissen, das nicht gleichzeitig Macht ausübt und für dieses konstitutiv ist.

Ereignis und Realtiät

Darauf hebt Foucault zu sprechen an und eröffnet den Rahmen, in dem sich sein Sprechen bewegt: „Ich setze voraus, dass in jeder Gesellschaft die Produktion des Diskurses zugleich kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert wird – und zwar durch gewisse Prozeduren, deren Aufgabe es ist, die Kräfte und die Gefahren des Diskurses zu bändigen, sein unberechenbar Ereignishaftes zu bannen, seine schwere bedrohliche Materialität zu umgehen.“ Zum Begriff des Ereignisses gilt es zunächst festzuhalten, dass dieses wirklichkeitskonstituierend und selbstreferentiell ist. Das heisst, es bedeutet primär, was es vollzieht und repräsentiert nicht eine anderswo gegebene Wirklichkeit, sondern stellt die Wirklichkeit, die es vollzieht, allererst her. Die ambivalente Bedeutung besteht einerseits darin, dass sich in ihm – verstanden als einer Bestärkung bzw. Festigung der Konvention, die damit in ihrer Permanenz einen Anschein des Natürlichen gewinnt – der Ausdruck der Macht und gleichzeitig deren Verschleierung vollziehen. Andererseits stellt sich deren subversive Komponente durch ihre Eröffnung der Kontingenz und die Erfahrung seiner letztlichen Unverfügbarkeit heraus. Dieser Aspekt ist nun zentral: performative Kräfte (das Ereignishafte des Diskurses, von dem Foucault spricht) spielen in jeglichem Kontext, der sich mit Zeichen-Prozessen in den Zwischenräumen eröffnet.

 

Prozeduren der Ausschliessung

Primär geht es Foucault zunächst um verschiedene Prozeduren der Ausschliessung: Zusammenfassend lässt sich Folgendes festhalten: „Drei grosse Ausschliessungssysteme treffen den Diskurs: Das verbotene Wort; die Ausgrenzung des Wahnsinns; der Wille zur Wahrheit.“ Sie betreffen den Diskurs im Zusammenspiel mit der Macht und dem Begehren. Es gibt zunächst viele Prozeduren, der Kontrolle und der Einschränkung des Diskurses. Die von Foucault bis dahin betrachteten wirken gewissermassen von Aussen und funktionieren als Ausschliessungssysteme und Grenzziehungen, mit denen sich immer auch Grenzbereiche etablieren, in denen sich ein Sinnraum eröffnet, der äusserst produktiv ist: Zum Phänomen der Grenze und Grenzbereiche gilt es zunächst Folgendes festzuhalten: Grenzen stellen für jedes System (wissenschaftlich, kulturell, gesellschaftlich, künstlerisch, sprachlich) höchst produktive Orte der Auseinandersetzung dar, an denen es zu Impulsen und Auslösung von Prozessen kommt, an denen es sich gleichzeitig in seiner Relativität erfährt, wodurch das Verfahren der Dezentrierung (als einer wesentlichen Bewegung dekonstruktivistischen Denkens) zu neuer Wichtigkeit gelangt. Jegliche Grenze hält nur in dem Masse zusammen, in dem sie auch durchlässig ist. Diese beiden Aspekte der Grenze sind zentral: in ihrer trennenden Funktion, indem sie ein- und ausschliesst, ist sie einerseits ein wesentliches Mittel der Orientierung. In ihrer Durchlässigkeit werden Grenzen gleichzeitig zu Orten des Austausches: der höchst kreative Prozess des Umdenkens (der (Re-)Kontextualisierung und (Re-)Integrierung), der damit einhergeht, ist dabei zu betonen.

 

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Grenzbereiche

Man sieht sich somit zu Grenzen in ein neues Verhältnis gesetzt. Die Bedingungen des menschlichen Lebens finden in der Dezentriertheit ihren Ausdruck, einem Leben mit und an den Grenzen. Gleichzeitig kommt es auch zu einem Umdenken im Verhältnis, das der Mensch zu den Grenzen einnimmt: die Grenze kann als ein Ort des Austauschs innerhalb des postmodernen Subjekts verstanden werden. Somit wird Differenz  innerhalb anstatt ausserhalb des Selbst situiert. Im Gegenzug erweist sich Identität als etwas, das sich dialogisch im Austausch mit den Diskursen (ausserhalb des Subjekts) konstituiert. In diesem Zuge geraten Grenzen des Innen und Aussen in Bewegung und erhalten in ihrer trennenden (determinierenden) wie durchlässigen (produktiven) Funktion neues Gewicht für Wissenschaft, Kunst und Leben und stellen vermehrt die Orte dar, denen die Aufmerksamkeit und die Auseinandersetzung gilt. Die analytischen Foki verlagern sich vom Zentrum zur Perpherie, von der Abgrenzung zur Streuung, vom Ganzen zum Fragment, von der Metropole zu den Grenzbereichen. Darin findet sich gleichzeitig die poststrukturalistische Idee verwirklicht, die Kultur in Bewegung zu versetzen, sowie deren Anspruch, die Idee von festen Zentren und einheitlichem Ganzen durch Grenzgebiete und Zonen des Austauschs zu ersetzen was einem Umdenken von Identität und Kultur als konstruiert und relational entspricht.

 

Disziplinen

Um den Bogen zurück zu Foucault zu schlagen, gilt es einen Übergang zu einer zweiten Form von Prozeduren, das Auftreten der Diskurse zu regeln, festzuhalten, an dem sich nun die eigentlichen Potentiale der Diskurse eröffnen. Foucault  spricht von internen Prozeduren, Prozeduren die als Klassifikations-, Anordnungs- und Verteilungsprinzipien wirken. Es geht darum, eine ganz entscheidende Dimension des Diskurses zu bändigen: Die des Ereignisses und des Zufalls. So wird das Prinzip der Einschränkung, das sich in jeder Disziplin birgt, relativ und beweglich – es erlaubt zu konstruieren, aber nach ganz bestimmten Spielregeln: „Zur Disziplin gehört die Möglichkeit endlos neue Sätze zu formulieren.“ An diesem Punkt gilt es nun anzusetzen. Von Innen heraus gerät nun der Prozess in Bewegung: es dekonstruiert sich das Konzept des Diskurses selbst. In der Bewegung der Dezentrierung klingt an was sich in diesem Prozess vollzieht. Die Ausschliessung-Systeme und die internen Prozeduren zur Regelung des Auftretens der Diskurse lösen sich auf in ein Netz von ineinander verschränkten Prozeduren und die Grenzziehungen von einem Innen und einem Aussen des Diskurses geraten an dieser Stelle nun in Bewegung.

 

Krea(k)tive Momente

All diese Systeme haben nun – wie sich zeigt –  eine höchst produktive Komponente. Aus und mit und gerade auch zwischen ihnen konstituieren sich neue Wissensfelder und Sinnräume, die es erlauben neues Wissen zu generieren. Wichtig wird an dieser Stelle das Prinzip der Diskontinuität: Diskurse treten nie einheitlich auf, sondern als sich überschneidende, uneinheitliche Serien, die in ihrer Verflechtung und Verschränkung positiv für einander produktiv werden können. An ihren Grenzbereichen eröffnen sich Impulse und Prozesse, in ihrer Überschneidung sind die Diskurse füreinander produktiv! So kann in einem gewissen Sinne davon gesprochen werden, dass die Analyse des Diskurses, wie Foucault sie verfolgt und vollzieht, gerade nicht die Universalität eines Sinns offenbart, sondern ein Spiel zwischen Knappheit (internen und externen Kontrollgrenzen des Diskurses) und Affirmation (einer diskurskonstituierenden Kraft) aufzeigt! So setzt sich schliesslich auch innerhalb und zwischen den Grenzen der Diskurse, für die gerade die Setzung und Ziehung, mitunter die Etablierung von Grenzbereichen, aber gleichzeitig immer auch Entgrenzungen konstitutiv sind, Energien frei, die für eine stete Umschichtung und Neu-Ordnung von Wissen und dessen Neu- und Umorientierung sorgen.

 

Literatur zum Thema:

Michel Foucault. Die Ordnung des Diskurses. Suhrkamp 1991.

 

 

Christoph Schmassmann

Hat Literatur und Philosophie an der Universität Basel und Theater an der Universität in Bern studiert - zur Zeit verfasst er regelmässig Beiträge für verschiedene Magazine und das Radio: Kultur, Architektur und Politik gehören zu seinen Schwerpunkten. Daneben verfolgt er eigene Kunstprojekte und konzipiert installative Performance Abende.

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