Roland Reichen: “Sundergrund”

Das Krutzhüttli – Generationen auf Schwemmland

Roland Reichen: „Sundergrund“ (Roman)

Figuren, denen wir nicht begegnen möchten, Orte, an denen wir nicht rasten wollen und eine Sprache, die das alles gezielt unterstreicht. Ort des Geschehens ein kleines Fleckchen im Schatten des Schreckhorns und der Name des Berges ist Programm.

Von Noemi Jenni.

SundergrundDer Rahmen des Romans ist das Leben von Fieder, Sohn von Schlufi und Enkel von Kleinjenni. Fieder wird geboren und sein Vater Schlufi hasst ihn. Der grobe Kerl mit den Krottaugen (Krötenaugen) und dem vogelnestartiger Haarkrampf hat das arme Mami geschwängert und ist nun sehr eifersüchtig auf seinen Nachkommen. Da er seine Gefühle nicht im Griff hat und immer wieder zuschlägt, wächst der Junge in Angst und Schrecken auf und versteckt sich immer beim Mami. Wenn er sich sehr fürchtet, beginnt er zu zittern und wird zu einem verhutzelten, verzitterten, zähneklappernden Schemen.

Doch das Mami muss in die Psychiatrie, bleibt dort und so sind der Fieder und sein kleiner Bruder Föhn dem Schlufi schutzlos ausgeliefert.

Es kommt für Fieder die Zeit, in der er sich für Mädchen interessiert und versucht die Fränä mit ausgeliehenen Videos zu beeindrucken – es funktioniert nicht, auch wenn er so zu den „Kuulen“ gehört. In der Berufslehre nimmt er zum ersten Mal Drogen und bleibt dabei – er wird zu einem „Drögu“. Bei der Arbeit in einer geschützten Stelle lernt er Jahre später die Judlä kennen. Das muss echte Liebe sein, denn die hat grosse „Püppi“ und schenkt ihm ein Freund-Set mit Plastikherz und feinem Schmöckiwasser. Judlä hat Mundfäule, aber die beiden ziehen zusammen und machen sich Gedanken übers Heiraten, wenn sie nicht gerade auf den Drogenstrich geht um Geld für Nachschub anzuschaffen.

Ein Zuhause im Milieu

Die Tragödie beginnt bereits beim Grossvater, dem Kleinjenni. Er baut im Grund unten im finstersten Loch vom ganzen Kirreltal auf dem Kirrelsteg im Schatten des Schreckhorns auf Schwemmland das Krutzhüttli. Die Familie ist schnell verschuldet und ernährt sich von Schnätz, Ziger und Masthärdöpfel. Der Kleinjenni ist sehr unausgeglichen und die Hand rutscht ihm ab und zu aus. Er hat zwei Söhne, den Schlufi und den geistig verlangsamten Sämi. Als Sämi im Fluss hinter dem Hüttli ertrinkt, ist der Kleinjenni so wütend, dass er den Schlufi aus dem Fenster wirft. Dieser verletzt sich bei dem Sturz schwer am Kopf und hat für immer „ein Näggi ab“. Er versteckt sich immer hinter Büschen und kommt so zu seiner Krötenhaltung – es bleibt ein Rätsel, wie er Fieders Mami kennengelernt hat.

Die Protagonisten gehören zu den ärmsten, abgeschobensten und schmudeligsten Figuren, die man sich vorstellen kann. Roland Reichen schickt uns auf einen „Sozial-Safari“; denn die Figuren sind menschliche Wracks, Untote, so etwas wie Zombies.

Schweizerdeutsch als Werkzeug

Reichens Sprache ist ein geschicktes Gemisch aus berndeutschen, meist „eingedeutschten“ Begriffen und Deutsch. Diese Kombination schafft eine einzigartige Atmosphäre. Für Schweizer Publikum mag die Sprache anfangs „heimelig“ wirken. Doch gerade eklige berndeutsche Ausdrücke, für welche es wohl kein deutsches Synonym mit gleicher Wirkung gibt, schaffen viele Ecken im Text und der Autor spielt mit den kehligen Klängen dieser Sprache aus den Bergen – denn die Geschichte spielt nicht nur am Fusse des Schreckhorns im Berner Oberland, sie klingt auch so. Die Sprache wirkt sonderbar in der heutigen Zeit und erinnert stark an Jeremias Gotthelf oder vielleicht auch Olga Meyer – nach anderen Jahrhunderten. Roland Reichen schreckt nicht davor zurück, englische Ausrücke einzudeutschen und zwar so, als würden sie von einem Berner ausgesprochen. All das klingt eigenartig, aber wenn man in dieses Buch eingetaucht ist, versteht der Leser schnell, dass die gruselige und harte Atmosphäre nur durch diese eigenwillige Sprache entstehen kann.

Grosszügigerweise und wir müssen sagen, auch notwendigerweise, „übersetzt“ der Autor einige berndeutsche Begriffe in den zahlreichen Fussnoten ins Deutsche.

Sundergrund ist ein Buch, bei dem wir immer denken, dass es ekliger und trauriger nicht kommen kann und dann setzt Roland Reichen trotzdem wieder eins oben drauf.


Titel: Sundergrund
Autor: Roland Reichen
Verlag: Edition taberna kritika
Seiten 168
Richtpreis: CHF 23.90

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