Jørn Lier Horst: “Jagdhunde”

Ein Garant für schlaflose Nächte

Jørn Lier Horst: „Jagdhunde“ (Krimi)

Ein verschwundenes Mädchen und ein Hauptkommissar, der nicht ermitteln darf, weil er wegen des Verdachts auf Beweismanipulation vom Dienst suspendiert wurde. Wieder einmal hat Autor Jørn Lier Horst ein Szenario entworfen, das für die Beteiligten schier unerträglich ist. Für den Leser bedeutet das Hochspannung bis zur letzten Seite.

Von Fee Anabelle Riebeling.

670_rgb_58ddc85380_f6ec80baeaHauptkommissar William Wisting ging es schon mal besser: Nicht nur knarzt es in seiner Beziehung. Ihm wird auch vorgeworfen, vor 17 Jahren in einem Aufsehen erregenden Fall die entscheidenden Beweise manipuliert zu haben. Damals war die junge Cecilia Leide entführt und später ermordet aufgefunden worden. Bis der Vorwurf geklärt ist, ist er vom Dienst suspendiert.

Als wäre das für Wisting nicht schon schlimm genug, verschwindet mit Linnea Kaupang wieder ein junges Mädchen. Doch dem Hauptkommissar sind die Hände gebunden: Er darf nichts tun.

Auffällige Parallelen

Um sich abzulenken, aber auch um seine damalige Unschuld zu beweisen, macht er sich noch einmal an den alten Linde-Fall. Dafür muss er mitunter unorthodoxe Wege einschlagen. Er merkt schnell: Die Sache von damals stinkt tatsächlich. Doch nicht er hat sich etwas zu Schulde kommen lassen, sondern jemand anderes – jemand aus den Reihen der Polizei. Doch das muss er zunächst einmal beweisen.

Unterstützt wird Wisting dabei von wenigen Vertrauten – einem ehemaligen Kollegen und seiner Tochter Line, die als Kriminalreporterin bei der lokalen Tageszeitung ihre ganz eigene Herangehensweise hat. Zudem ist sie mit dem Verschwinden von Linnea Kaupang betraut. Zwar arbeiten Vater und Tochter weitestgehend autark und teilen einander nicht alles mit, doch schnell wird den beiden klar, dass es Parallelen zwischen den Fällen gibt. Aber wie sie zusammenhängen, bleibt dank der gekonnten Dramaturgie Jørn Lier Horsts bis zuletzt ein Rätsel.

Er weiss, wovon er schreibt

Zum Schluss sind nicht nur die Nerven der Protagonisten bis zum Äusserten gespannt. Auch dem Leser verlangt der Autor einiges ab. Denn der merkt schon im ersten Kapitel: Das Buch vor dem Ende aus der Hand zu legen, ist fast unmöglich. Schliesslich ist es für einmal nicht nur das Schicksal der klassischen Opfer, das einen bewegt, sondern auch die Ungerechtigkeit, die dem erfahrenen Ermittler wiederfährt. Und selbst Line gerät mehr als einmal in Not. Das bewegt selbst hartgenossene Krimifans. Wie Wisting und seine Mitstreiter können auch sie erst nach dem grossen Showdown wieder durchatmen.

Geschickt navigiert Jørn Lier Horst durch verschiedene Fälle, Zeiten, Gedanken und Lebenswelten – nüchtern, sachlich und gänzlich unaufgeregt. Den Überblick verliert er dabei nicht. Das wundert nicht. Schliesslich ist Horst im richtigen Leben Polizist. Daher kennt er sich bestens mit der Materie aus, über die er schreibt. Die Sorgen und Ängste der Beteiligten sind glaubwürdig, ebenso die Charaktere selbst und das Milieu, in dem sie sich bewegen. Und so ist „Jagdhunde“ von der ersten bis zur letzten Seite stimmig – und die Augenringe wert, die es dem Leser beschert.


Titel: Jagdhunde
Autor: Jørn Lier Horst
Übersetzer: Andreas Brunstermann
Verlag: Grafit
Seiten: 381
Richtpreis: CHF 17.90

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