Wirklichkeitsräume – Möglichkeitsräume

Wirklichkeitsräume – Möglichkeitsräume

Zur Frage der Ethik in der Kunst


Kopenhagen

Das Folgende soll als der Versuch gelten das Verhältnis von ästhetischer und ethischer Erfahrung anhand von drei exemplarischen Kunstwerken auszuloten: einer Performance, einer Aufführung und einer Installation: Es zeigt sich, dass diese einerseits auf gewisse Kipp-Momente angelegt sind und abzielen, in denen die ästhetische Erfahrung in eine ethische umschlägt, andererseits sich den konkreten Rahmensetzungen entziehen, wie dies im Zusammenhang mit Voraussetzungen, Erwartungen und Haltungen, die an eine jeweilige Realität herangetragen werden, der Fall sein muss, um sich in und zu ihr verhalten zu können. Der Kippmoment wie der Schwebezustand sind für die drei in der Folge herangezogenen Beispiele in diesem Sinne konstitutiv.

Von Christoph Andreas Schmassmann

Es zeigt sich, dass sich die in den Wissenschaften um die 1990er Jahre herum etablierende performative Wende in den Künsten bereits um die zwanzig Jahre früher vollzogen hat. Es ist also angezeigt den Fokus zunächst auf den Begriff der Performativität zu eröffnen. Dieser in sich selbst bewegliche Begriff erweist sich hierbei als Schlüssel die beiden Felder der Ethik wie der Ästhetik in ein konkretes Verhältnis setzen zu können: der mit ihm implizierte konkrete Vollzug (von einem blossen Als-Ob hin zu dem konkreten So-Sein von Kunst) also weisen den Weg in die ethische Dimensionen der Ästhetik.

Ethik der Kunst

Zur Verzahnung der beiden Ebenen der Ethik und der Ästhetik muss zunächst auf das Verhältnis hingewiesen werden, wie es sich in der konkreten künstlerischen Praxis der Moderne ausdifferenziert: Seit sich Kunst als ein autonomer Raum als von der realen Lebenswelt getrennte Sphäre etabliert hat, sind die Handlungen, die in dieser Sphäre vollzogen werden, ethisch  grundsätzlich anders zu bewerten. Es stellt sich also die Frage, ob mit der Etablierung der Autonomie des Raumes der Kunst, diese überhaupt noch unter ethischen Gesichtspunkten betrachtet werden können. In der Folge arbeitet sich die Kunst an dieser Grenze ab – einem Limes quasi zwischen Raum der Kunst (und somit ästhetischer Erfahrung) und Wirklichkeitsraum (und somit nach ethischen Gesichtspunkten befragbare Erfahrung), wobei es unter anderem zu antizipierten Kippmomenten und Schwebezuständen kommt, worin die ästhetische in eine ethische Erfahrung umschlägt.

 

 

Möglichkeitsräume und Wirklichkeitsräume

Aus der Verschränkung von Kunst als einem Möglichkeitsraum und realer Lebenswelt als einem Wirklichkeitsraum ergibt sich folgendes Verhältnis: Durch die Verschiebung von der Repräsentation einer Wirklichkeit hin zu ihrer konkreten Präsenz (von einem blossen Als-Ob hin zu dem konkreten So-Sein) reicht Kunst in seiner performativen Kraft in das  Leben hinein. Unter gewissen Umständen kann somit Kunst durchaus gesellschaftliche wie politische Relevanz gewinnen, indem die ästhetische Erfahrung zu einer ethischen wird. In gewissem Sinne ist gerade die Kunst im Allgemeinen dazu prädestiniert, da sich in ihr ein Möglichkeitsraum eröffnet, der nicht (oder nicht in dem Masse wie das alltägliche Leben) durch gesellschaftliche Sanktionen bestimmt ist. Rahmensetzungen wie Raum der Kunst und reales Leben werden – wie die folgenden Beispiele zeigen – mitunter gerade unterlaufen, aufgebrochen oder verunmöglicht.

 

 

Abramovic: Lips of Thomas von 1975

Marina Abramovics einmalige Aufführung ihrer Selbstverletzungs-Performance Lips of Thomas fällt in den Zeitraum, in dem von der performativen Wende in den Künsten gesprochen wird. Sie führt damit gewissermassen auf diese Zäsur zu und antizipiert viele – in diesem Kontext – weiterführende Zusammenhänge, so etwa den Einbruch des Realen in die Sphären der Kunst. Wichtig ist hier die Konfrontation des Zuschauers, der zunächst in seiner Rahmensetzung und somit auch in seiner Wahrnehmung und emotionalen Einstellung von einer ästhetischen Erfahrung ausgeht. Mit dem radikalen Aufbrechen des Zeichen-Körpers in seinen phänomenalen und somit in seiner Einzigartigkeit erfahrbaren Leib wird der Zuschauer durch die unmittelbare Konfrontation mit Verletzung und Tortur der Künstlerin zu unmittelbarer Handlung bzw. einem Eingreifen provoziert. “Sie [die Zuschauer] eilten zu den Eisblöcken, ergriffen die Künstlerin, holten sie vom Kreuz und trugen sie hinweg. Damit setzten sie der Performance ein Ende.“

 

 

Jan Fabre: Die Macht der theatralischen Thorheiten von 1984

Ähnlich wird in Jan Fabres Inszenierung von Die Macht der theatralischen Thorheiten verfahren. Es bleib dem Zuschauer allerdings keine Möglichkeit überlassen in das Geschehen auf der Bühne in irgendeiner Weise einzugreifen. In einem Wechsel von einer enormen Dynamik im Kontrast zu geradezu erdrückender Statik (in der etwa die sich eben noch an die Grenzen der Erschöpfung getriebenen Darsteller an der Rampe einfinden, um zu rauchen) wird auch hier der Zuschauer in einem steten Wechsel von Ekstase und Apathie an die Grenzen des Ertragbaren geführt. „Theater ist nicht Gegenstand kontemplativer Betrachtung, sondern nimmt den Zuschauer mit. Und zwar auf eine Reise, die ihn verändern könnte. Das Reich des Scheins ist nicht abgesondert von der Lebenswelt, sondern ihr Bestandteil.“ Dieser Effekt stellt sich aufgrund eines Verfahrens ein, dass mit Serialität, Wiederholung und Symmetrie arbeitet und zu spielen beginnt und so „den Sinn für die körperlichen Unterschiede der Kraft, der Gestalt, der Bewegungsweisen (…)“ wach werden lässt. So zerbricht die physische Erschöpfung der Darsteller von innen her die Symmetrie und es bricht der individuelle Leib der Darsteller in seinem konkreten So-Sein aus dem nurmehr als Zeichen lesbaren Material des Körpers heraus.

 

 

 

Schlingensief: Ausländer raus! von 2000

An Schlingensiefs Installation lassen sich die Folgen der nachgezeichneten Entwicklungen verdeutlichen: die Möglichkeiten der Wirklichkeitsräume oder – aus anderem Blickwinkel – die Wirklichkeit der Möglichkeitsräume. Rahmensetzungen werden in diesem Sinne verunmöglicht, gewissermassen kunstvoll in der Schwebe gehalten. Ist es nun ein Kunstwerk, eine politische Aktion oder rechte Propaganda? Wahrscheinlich alles zugleich. Die Kippmomente, welche in den beiden ersten Beispielen herausgearbeitet wurden, vollziehen sich in einem ständigen morphing der Rahmensetzungen zwischen künstlerischem Akt (mit der ästhetischen Erfahrung) und politischer Aktion (in der ethische Parameter plötzlich anzusetzen verlangt sind). Letztlich läuft es auf einen steten Zwischenzustand heraus. „Es eröffnet sich der Raum zwischen den Gegensätzen, ihr Zwischen-Raum. Das Zwischen avanciert dergestalt zu einer bevorzugten Kategorie.“ Zwischen dem semiotischen Feld der Zeichen (in ihrem Als-Ob) und dem performativen Feld der konkreten Aktion (in ihrem konkreten So-Sein) wird die stabile Etablierung eines Rahmens verunmöglicht. Die Entscheidung, ob hier noch nach ethischen Gesichtspunkten zu urteilen ist, wird strikt und konsequent unterminiert und unterlaufen. Letztlich ist es ein Schaffen wie das von Christoph Schlingensief, das in seinem inhärenten Potential zur Provokation und Konfrontation dazu beiträgt, ethische Standards stets neu zu hinterfragen und neu zu denken – denkbar zu machen.

Schlüsse und Conclusionen

Letztlich zeigt sich vor dem hier erörterten Hintergrund folgende Verschränkung: ästhetische Erfahrungen, die sich als konkrete Ereignisse vollziehen, haben in jedem Moment die Dimension des ethischen in sich selbst inhärent. Neben ihrem Zeichencharakter in der Repräsentation haben sie immer auch Ereignischarakter in ihrer konkreten Präsenz des Körpers. Reale Lebenswelt als konkrete Basis und Ausgang verschränkt sich als Wirklichkeitsraum mit dem Möglichkeitsraum der Kunst, in dem ein Als-Ob spielt und immer mitschwingt. Das Spiel der Differenzen und Dichotomien (in ihrer Setzung eines Entweder-Oder) löst sich auf in ein stetes Zwischen eines Sowohl-Als-Auch. Gerade in dieser Bewegung der Begrifflichkeiten und Rahmensetzungen eröffnet sich dergestalt die Wirklichkeit des Möglichkeitsraumes der Kunst und die stets sich neu eröffnenden Möglichkeiten des Wirklichkeitsraumes der realen Lebenswelt.

 

Literatur zum Thema:

Erika Fischer-Lichte: Ästhetik des Performativen. Suhrkamp 2004.

 

Christoph Schmassmann

Hat Literatur und Philosophie an der Universität Basel und Theater an der Universität in Bern studiert - zur Zeit verfasst er regelmässig Beiträge für verschiedene Magazine und das Radio: Kultur, Architektur und Politik gehören zu seinen Schwerpunkten. Daneben verfolgt er eigene Kunstprojekte und konzipiert installative Performance Abende.

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