War Thunder (Gaijin Entertainment)

Alors on danse!

Spiele sind immer eine Lernerfahrung, denn jedes Spiel ist zunächst eine Blackbox aus unbekannten Regeln. Laufwege in Call of Duty, der ideale Eröffnungszug in StarCraft, all das will erst gelernt werden. Manchmal treibt das sekundäre Lernen dabei seltsame Blüten. PETER KLEMENT versteht zum Beispiel, dank War Thunder, Dirty Dancing.

War Thunder Titelbild

Bevor wir in medias res einsteigen, eine kleine Bitte: Der Artikel braucht einen gewissen Rahmen, das erfordert ein ganz gewisses YouTube-Video und Lautsprecher. Also, lehnen Sie sich zurück, setzen Sie die Kopfhörer auf oder schalten Sie die Lautsprecher ein, atmen Sie tief durch, konzentrieren Sie sich auf den Bildschirm und dann drücken Sie „Play“.

Die Bühne ist bereit. Zeit über das Tanzen zu reden. Der Trend in aktuellen Spielen geht zu immer mehr spektakulären Szenen. Dummerweise besteht der Beitrag der SpielerInnen meist darin rechtzeitig „X“ zu drücken, während die Spielfigur akrobatisch Bösewichter verdrischt oder sich aus brennenden Flugzeugen hechtet. Wenn aktuelle Titel nicht die Kontrolle entziehen, dann kochen sie Optionen auf eine handhabbare Menge ein und servieren sie in kleinen, verdaubaren Häppchen. Call of Duty hat eine Menge dieser „Press X to not die“-Momente und im Multiplayer-Modus jagt ein Tod den nächsten in angenehmen zwei bis vier Minuten-Häppchen. Nach vorne laufen, Feind entdecken, Gewehr ausrichten, feuern, wiederholen, wenn nicht tot. Reiz-Reaktions-Kost, schön ansehen, angereichert mit einem netten Belohnungssystem und dem Metaspiel, die Mütter anderer zu beleidigen.

Do you even Immelmann, bro?

In War Thunder gibt es mehr Knöpfe zu drücken als in handelsüblichen Shootern, dafür lässt einem das Spiel auch etwas mehr Reaktionszeit. Die recht offensichtliche Besonderheit des Free2Play-Titels ist, dass das Spielgefährt nicht anhalten kann. Flugzeuge, die versuchen in der Luft zu stoppen, trudeln recht unzeremoniell nach unten. War Thunder ist die Bewegung im dreidimensionalen Raum, in dem physikalische Gesetze gelten. Die beiden wichtigsten, simulierter Lufwiderstand und Schwerkraft, bereiten den Tanzboden für die unterschiedlichen Luftfahrzeuge. Die erste Erfahrungen in War Thunder sind schlimm und lassen Flashbacks tänzerischen Totalversagens aufkommen: Eine Hochzeit und plötzlich wird der Walzer gespielt, irgendein Depp legt Macarena auf, man steht am Rande der Meute in einem Club und plötzlich schieben Hände einen in Richtung Tanzfläche. Das steht man nun mit den beiden linken Füßen und denkt sich „Fuck“. Zehn peinliche Minuten hat man oder frau sich, von mitleidigen Blicken verfolgt, wieder von der Tanzfläche gerettet, gepeinigt von dem schlechten Gewissen sich vor der Tanzschule gedrückt und die Zeit lieber in Counter-Strike investiert zu haben. In War Thunder stürzt das eigene Flugzeug in einem Feuerball nach einem quälend langen Luftkampf vom Himmel, weil man das Discofoxäquivalent Immelmannmanöver zum richtigen Zeitpunkt verackt hat. Immelmann, der: Flugzeug hochziehen, einen halben Looping fliegen, mit einer Rolle die Pilotenkanzel wieder gen Himmel ausrichten. Easy. But do you even Immelmann, bro?

Immelmann

Nach der anfänglichen Verwirrung, zerlegen die Synapsen für die räumliche Vorstellung das Signalchaos nach und nach in verständliche Informationen. Langsam verwandeln sich die Flugzeughaufen, in denen sich mehrere Jäger bekämpfen, in Spähren und Angriffsvektoren zeigen sich auf. Genauso reicht irgendwann ein Blick auf einen feindlichen Jäger und schon ist klar, dass der Tanzpartner in diesem Augenblick die besseren Karten hat. Mit der Fähigkeit den Raum und die Akteuere darin zu analysieren, kommt das Erlernen der Königsdisziplin „Energy Fighting“. Flugzeuge haben zwei Formen von Energie: Ihre Geschwindigkeit und ihre Höhe. Das eine kann gegen das andere getauscht werden. Wer keine Geschwindigkeit und keine Höhe hat, kann nicht manövrieren und nicht fliehen, ist also mehr oder minder tot. Eine der wichtigsten Regeln des Spiels: Energie ist Leben, sammle so viel wie möglich davon.

Use the force!

Bei einem Luftkampf ist es wichtig, weniger Energie als der Gegner zu verbrauche, ohne dabei ein Ziel zu bieten. Doch dafür braucht es ein ganzes Arsenal an Tanzschritten und deren korrekte Verknüpfung – denn so ein Immelmann kostet ganz schön Energie. Ein Split-S, ein Immelmann andersrum, bringt dagegen viel davon und kostet nur wenig Höhe. Dazu kommen die Eigenschaften der Flugzeuge: Turn-and-Burn-Flieger zwingen ihre Gegner in den Kurvenkampf und lassen sie dort ihre Energie ausbluten. Boom-and-Zoom-Piloten stürzen sich aus einem Höhenvorteil auf ihre Gegner und nutzen den Schwung des Sturzfluges, um schnell aus dem Gefahrengebiet zu kommen.

Der Moment des Abschusses nach einem harten Luftkampf, in dem ein Manöver nach dem anderen gekontert wurde, nur um einen minimalen Energievorteil zu erhalten, ist großartig. Wo moderne Shooter nur den Moment des Aufeinanderprallens kennen, fängt bei War Thunder das Spiel, nachdem die beiden Kontrahrenten aneinander vorbei gedonnert sind, erst richtig an. Denn in der permanenten Vorwärtsbewegung des Spiels müssen die Manöver fließend miteinander verbunden und gleichzeitig mit denen des Gegners abgestimmt werden.

Einer der schönsten und kniffligsten Spielzügen ist es den Gegner in eine Energiefalle zu locken. Das eigene Flugzeug hat beispielsweise einen stärkeren Motor und bessere Steigeigenschaften, also prügelt der Verfolgte sein Gefährt in einen senkrechten Steigflug und verbrennt seine Energie gegen Höhe. Sein Gegner folgt und verliert dabei so viel Energie, dass sein Flugzeug überkippt und ins Trudeln kommt. Sobald das passiert, rollt der Verfolgte sein Flugzeug herum, nutzt die Sturzenergie, um wieder an Manövrierfähigkeit zu gewinnen und hat den ehemaligen Jäger als hilflose Beute im Visier, während im Hintergrund „I’ve had the time of my life“ aus den Boxen schallt.

Denn bei aller Korrektheit und exakt beschriebenen Manövern, letztlich bleibt War Thunder eben Dirty Dancing und meine F6F Hellcat gehört zu mir.

Veröffentlichungsdatum: Bereits erschienen

Originaltitel: War Thunder
Plattformen: Windows/PS4
Entwickler: Gaijin Entertainment
Veröffentlicht von: Gaijin Entertainment

Im Netz:

Offizielle Seite des Spiels

2 Gedanken zu „War Thunder (Gaijin Entertainment)

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