Was Frauen beschäftigt

Ein schöner Verstand

Immer wieder hört man, Menschen machten sich vor allem “für sich selbst” schön. Was ist dran an dieser Aussage? Und warum muss das schöne Geschlecht so viel mehr Aufwand betreiben, bis es schön genug ist?

von Clara A’Campo

Kosmetikerinnen in Ausbildung, USA 1946 Kosmetikerinnen-Ausbildung in den USA im Jahr 1946

“Es geht nicht darum, schön zu sein, es geht darum, sich schön zu fühlen.” – So, oder so ähnlich, antworten Frauen, wenn man sie danach fragt, warum sie abstruse Diäten einhalten oder Geld ausgeben für Kosmetikprodukte, die äusserlich nichts bewirken. Gefühlte Schönheit stärkt das Selbstbewusstsein, so ist es nämlich. Aber für ein Selbstbewusstsein sind zwingend auch Andere nötig, von denen das Selbst sich abgrenzen kann. Sie müssen nicht anwesend sein, diese Anderen, aber sie müssen Einzug gefunden haben in den Hinterkopf eines Selbst.

Die Soziologen Peter Berger und Thomas Luckmann schreiben in Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit: “Der Mensch wird, was seine signifikanten Anderen in ihn hineingelegt haben.” Jeder Mensch strebt somit ein Selbstbild an, das sich erst unter dem Einfluss anderer im “Gewissen”, im “Unbewussten”, in der “Selbstkontrollapparatur” eingenistet hat. Deshalb stellen sich jeden Morgen Millionen von Menschen, nach getaner Verschönerungsarbeit, vor ihre Spiegel. Und wenn sie die Vorstellung von Schönheit in ihrem Bild wiedererkennen, die ihre signifikanten Anderen in sie hineingelegt haben, dann applaudieren deren Repräsentanten.

Problematisch wird es, wenn zwar die Inkorporationen der Anderen ihren Beifall gespendet hatten, morgens, vor dem Spiegel, wenn aber die leibhaftigen Versionen der Anderen, später, im Büro, kein Zeichen der Schönheitsanerkennung auch nur aufblinken lassen. Wenn die neuen, subtilen Glanzlichter in den Haaren, zum Beispiel, von ihnen gar nicht bemerkt werden. Dann ist es praktisch, sich zu sagen, man habe ja von Anfang an die ganze Schönheitsmüh nur für sich selbst getan.

Wie kommt es nun, dass Frauen für denselben Fremdapplaus heute eine weit längere Liste an Verschönerungshandlungen abhaken müssen als Männer? Dass sie ihn, da er schneller ausbleiben kann, öfter durch Eigenapplaus ersetzen müssen? Tja, so ist das in Gesellschaften: Für Jugendliche gelten andere Normen als für Erwachsene, für Babys andere als für Kinder, für Models andere als für Normalsterbliche, und für Frauen andere als für Männer. Die Schönheitsziele der Geschlechter, unterschiedlich hoch gesteckt, prägen die “sex categories”, zuerst beschrieben von den Amerikanischen Sozialforschenden Candace West und Don Zimmerman in ihrem berühmten Text Doing Gender. Jeder Mensch muss (und möchte) erkennbar in die eine oder in die andere Geschlechtskategorie gehören, und richtet dementsprechend sein Äusseres her. Seit der Aufklärung müssen Frauen dabei, um als solche wahrgenommen zu werden, weit mehr Veränderungen an ihrem natürlichen Erscheinungsbild vornehmen. Immanuel Kant, der sich ausgiebig mit Unterschieden zwischen Männern und Frauen beschäftigte, prägte den Ausdruck des “schönen Geschlechts”. Er bezog sich dabei nicht eigentlich auf einen äusseren Unterschied, sondern postulierte zwei geschlechtspezifische Arten von Verstand. Die einen besässen den “schönen Verstand” (ähnlich dem einer Elster, die sich auf Glanz und Glitzerigkeiten stürzt). Die anderen hingegen durchschauten solche Oberflächlichkeiten, und suchten nach verborgenen Sinnen: “Das schöne Geschlecht hat eben so wohl einen Verstand als das männliche, nur es ist ein schöner Verstand, der unsrige soll ein tiefer Verstand sein, welches ein Ausdruck ist, der einerlei mit dem Erhabenen bedeutet.”Kant_Portrait
Deshalb behängen die einen sich noch immer mit Perlen, Bändern, Ringen, Blumen, während die anderen mit solcherlei Firlefanz sich nicht weiter aufhalten. An die Stelle des adelig Geborenen, dessen innere Schönheit durch seine äussere, und durch die Prachtentfaltung an seinem Hofe, verdeutlicht wurde, trat der liberalistische Leistungshuldiger, der Schönheit vor allem in der Natur entdecken konnte. Weil die Frauen sich damals, als der Zeitpunkt günstig gewesen wäre, nicht aufklären liessen, sind sie auch heute noch dazu verdammt, Zeit und Geld in etwas so Vergängliches wie die menschliche Schönheit zu investieren.

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