Wechselbeziehungen und Mischkulturen

Wechselbeziehungen und Mischkulturen

 

Transformationen einer globalisierten Gesellschaft

 

 

Sehen_Wechselbeziehungen und Mischkulturen

StrohGold – so der Titel einer neu angelaufenen Dauer-Ausstellung im Museum der Kulturen in Basel. Den Fragenkomplex um die Thematik der kulturellen Transformationen, den die beiden Kuratorinnen Franziska Jenni und Stephanie Lovasz ausgeleuchtet haben, zeigt die Verflechtung der Kulturen in unserer heutigen Gesellschaft auf.

 

Von Christoph Andreas Schmassmann

 

Was passiert, wenn zwei Kulturen aufeinander treffen? Wie beeinflussen sich die einzelnen Kulturräume untereinander? Und was lässt sich alles an Ausstellungsobjekten aus dem Museum der Kulturen zu genau diesem Wandel und diesen Wechselbeziehungen ablesen?

 

Wechselnde Perspektiven

Diesen Fragen nachzugehen verlangt nach verschiedenen Zugängen. Die Objekte geben in ihrer Authentizität an sich zunächst nichts preis – doch die Lesart und der Blickwinkel machen letztlich aus, was ein Objekt an Botschaften in sich trägt, und so lassen sich die einzelnen Ausstellungsstücke gerade dahingehend befragen, was sie über die Wechselbeziehungen zwischen Kulturen verraten. Viele Objekte sind beispielsweise mit mehreren Legenden versehen: „Perspektivenwechsel steht hierbei im Zentrum. Damit lässt sich unter anderem aufzeigen, wie ein und dasselbe Objekt – unter unterschiedlichen  Vorzeichen betrachtet – ganz  verschiedene Antworten geben kann.“ Und so ist auch der Titel, den die Ausstellung trägt, zu lesen: „Es ist ja ein Kunstwort, das vor allem eines signalisieren soll: dass es immer eine Frage der Betrachtung ist, ob etwas wertlos oder wertvoll erscheint und wie aus etwas vermeintlich Wertlosem sehr schnell etwas sehr Wertvolles werden kann – entweder für eine Person, für eine Gruppe oder auch für uns alle.“ Ein Titel also, der nicht nur die Objekte und ihre Beschaffenheit thematisiert, sondern auch und gerade ihren Wandel und die Möglichkeit, das bestehende umzuformen und zu verändern.

 

Kreatives Potential

Am Beispiel des PET-Materials, das die Ausstellung auch in der ganzen Gestaltung der Räume sehr stark prägt, lässt sich dann auch gut verdeutlichen, wie die ganzen Müllfluten, die sich aus den Verbraucher-Gesellschaften in die Dritte Welt ergiessen, gerade kreative Menschen dazu bringen, aus alten Materialien neue Gebrauchsgegenstände herzustellen. Aus Recycling wird Upcycling. Und dabei sind es nicht zuletzt auch Spiegelbilder, die sie diesen Gesellschaften hinwerfen, zu denen sie sich provoziert sehen: ein aus alten Sardinenbüchsen gefertigter Eiffelturm läuft in seiner Spitze zu einem Minarett zu. „Transformationen somit auf ganz unterschiedlichen Ebenen: zunächst auf der materiellen Ebene, aber dann auch die Transformation und das Wandern der Kulturen und dann schliesslich die letztlich wahrscheinlich provokativ zu nennende Umformung.“ – „Das ist natürlich eine nicht zu unterschätzende subversive Komponente, wenn diese europäische Architektur-Ikone in ein Symbol von islamischen Religions-Kulturen mündet.“ Die Ausstellungsobjekte spielen so mit dem Bekannten, das aus seinem herkömmlichen oder angestammten Kontext herausgelöst und mit neuen Elementen versehen wird. So fordern sie den Betrachter heraus, seinen eigenen kulturellen Hintergrund nach neuen Elementen zu befragen, selbst aktiv und kreativ zu werden. “Dass wir versuchen diese ganzen Verflechtungsgeschichten zu thematisieren – durch das Arrangement von Objekten im Raum, quasi die Möglichkeit zu geben, zusammenzubringen und Verbindungen herzustellen zwischen Kulturen, die vielleicht gerade in unseren Köpfen lange Zeit getrennt voneinander funktioniert haben. So kann man beispielsweise auch aufzeigen, wenn hier etwas passiert, dass das auch Auswirkungen anderswo hat.”

 

 

Öffnung nach Aussen

„Es war und ist uns ganz wichtig, dass – wenn wir eine Ausstellung zum Thema der kulturellen Transformation machen – wir immer auch wieder neue Impulse von aussen setzen.“ So werden denn auch zwei der drei Räume der Dauerausstellung in wechselndem Turnus von unterschiedlichen Künstlerinnen und Künstlern gestaltet. Zudem sind Werkstätten geplant, in denen der Besucher sich selber aktiv mit dem Themenkomplex der kulturellen Transformation auseinandersetzen kann. „Es werden so viele Themen angesprochen in der Ausstellung, dass man unter Umständen auch bei sich selber einmal nachfragen möchte, wo denn bei einem selber die Transformationsmomente sind – in meinem Leben und meinen Alltag.“ So trägt denn auch eine Station den Titel „Persönliche Verwandlungen“, in der es um die sogenannten rites de passage – also Übergangsriten im Leben geht: im Leben der Menschen der westlichen Zivilisationen, aber auch und gerade im Leben der Menschen in anderen Kulturen. So kann der Besucher auch in der Hinsicht aus seiner eigenen und ihm vertrauten Umgebung heraustreten und sie von aussen quasi noch einmal neu betrachten und befragen – sich selbst mit einem neuen, fragenden bis neugierigen Blick versehen und so (vielleicht) auch auf neue Antworten kommen.

 

Eindruck und Ausblick

Und so liegt denn auch das Fremde und der Umstand, dass uns etwas als andersartig erscheint, meistens in unserer eigenen Perspektive und Sichtweise. Und gerade die Zuschreibungen, zu denen wir in der Regel neigen anhand dieser blinden Flecken in uns, die man schliesslich nach aussen projiziert, sind letztlich unsere eigenen Wertungen und verraten mehr über uns selber denn über das Andere oder uns Fremde. So werden diese blinden Flecken sichtbar und können neu akzentuiert – mit neuen Vorzeichen versehen werden. Gerade das scheint eines der zentralen Anliegen der Ausstellung zu sein: wie kommt es letztlich dazu, dass Grenzen zu Schwellen werden, die nicht trennen – sondern verbinden? Was sind die Voraussetzungen die es braucht, dass wir selber uns vor den uns fremden und neuen Kulturen und ihrem Wandel nicht verschliessen? In unterschiedlichen Nuancen und Akzentsetzungen sieht man immer wieder diese Fragen aufblitzen und so wird denn die Ausstellung der Form nach zu einer Art Wegweiser in der Orientierung der Kulturen zueinander. Sie setzt diese in ein neues Verhältnis und kann – wenn man so will – auch richtungsweisend in Fragen des täglichen Zusammenlebens werden, indem sie die starren und in sich fixierten Weltbilder und die mit ihnen verknüpften Begrifflichkeiten, die wir allzu schnell dem Fremden oder Anderen zuschreiben, auflockert und umgestaltet. So macht sie diese neu denk- und verhandelbar.

 

Im Netz:

www.mkb.ch

 

Christoph Schmassmann

Hat Literatur und Philosophie an der Universität Basel und Theater an der Universität in Bern studiert - zur Zeit verfasst er regelmässig Beiträge für verschiedene Magazine und das Radio: Kultur, Architektur und Politik gehören zu seinen Schwerpunkten. Daneben verfolgt er eigene Kunstprojekte und konzipiert installative Performance Abende.

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