Ulla-Lena Lundberg: “Eis”

Eine Hommage an das Eis

Ulla-Lena Lundberg: “Eis” (Roman)

Eine junge Pastorfamilie zieht mit Hab und Gut auf eine kleine Inselgruppe zwischen Finnland und Schweden. Behutsam erzählt Ulla-Lena Lundberg die berührende Geschichte über das Leben von ihnen, die Faszination und gleichzeitige Ehrfurcht von Eis.

Von Luzia Zollinger.

EisWas nehmen Sie auf eine einsame Insel mit? Eine Frage, die in Fragerunden immer mal wieder auftaucht. Wer sich für ein Buch entscheiden würde, bei dem stünde “Eis” bestimmt oben auf der Liste.

Sprachliche Farbtupfer

Ulla-Lena Lundberg erzählt die Geschichte der jungen Pastorfamilie Kummel, die sich Mitte der Vierzigerjahre auf einer kleinen Inselgruppe zwischen Finnland und Schweden niederlässt. Die Bewohner von Örar schliessen Petter, Mona und die Tochter Sanna sofort in ihre Herzen. Der Beginn einer wunderbaren, berührenden und faszinierenden Geschichte über Liebe, Naturgewalten und Zusammenleben auf abgelegenen Inseln.

Lundbergs ruhige Sprache lässt das Eis zwischen den Lesern und dem Buch schnell schmelzen. Es ist eine Hommage an das Eis. Nur wer selber einmal erlebt hat, wie es sich anfühlt, auf einer dicken Eisschicht zu stehen, das Grollen der darunterliegenden Wellen zu hören und das furchteinflössende Vibrieren zu spüren, kann so feinfühlig und präzise über gefrorenes Wasser schreiben. Eis ist viel mehr als kalt und durchsichtig oder mit Schnee überzogen. Alle Farbnuancen treten zum Vorschein. So sind die blauen Stellen, die es mancherorts zu sehen gibt, nicht überall im gleichen Blau-Ton. Die finnlandschwedische Autorin spielt denn auch mit den verschiedenen Farben und koloriert die einzelnen Szenen mal kräftig, mal zart.

Gefahr von allen Seiten

Die Inselbewohner sind froh, wenn das Wasser zwischen den einzelnen Nachbarinseln  gefriert. Denn erst dann eröffnet einem das Leben soziale Kontakte. Die Leute besuchen sich gegenseitig auf den Inseln und Stimmen klirren über das Eis: “Seitdem das Meer zugefroren ist, haben sich unsere Grenzen hundertfach ausgedehnt, wir haben Bewegungsfreiheit und spiegelblank gebohnerten Boden, soweit das Auge reicht.” Kaum ist das Eis weg, geht es “So schnell, dass man ausser Atem kommt und sich wünscht, lieber noch in der belebenden Isolation des Winters zu sitzen, die einem Musse liess, seine Gedanken zu Ende zu denken und den morgigen Tag zu planen. Jetzt reisst einen der Frühling mit sich und treibt einen an.” Gleichzeitig darf man aber auch nie ausser Acht lassen, dass unter dem Eis eine eisige Kälte zum Vorschein tritt und das Überqueren tödlich enden kann. Die Gefahr lauert nicht nur auf dem Eis, sondern auch im Konfirmandenunterricht, in dem junge Inselbewohnerinnen sitzen und sie den Pastor heimlich anhimmeln.

“Eis” wurde mit Finnlands wichtigstem Literaturpreis, dem Finlandia-Preis, ausgezeichnet. Es ist der erste Roman von Ulla-Lena Lundberg, der auf Deutsch erscheint. Man wünscht sich sehnlichst, dass es nicht der letzte gewesen ist.


Titel: Eis
Autorin: Ulla-Lena Lundberg
Übersetzer: Karl-Ludwig Wetzig
Verlag: mare
Seiten: 528
Richtpreis: CHF 34.50

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