Vielfältiges Bildungsangebot

Neue Multidisziplinarität im Stundenplan

Das Gymnasium Oberwil wird im Sommer 2015 drei neue Schulfächer einführen: Globalisierung, Ethik und Politische Bildung. Der Trend zur Vervielfältigung des Unterrichtsangebots setzt sich hier fort. Ob die Schülerinnen und Schüler so am Ende ihrer Schulzeit tatsächlich mehr gelernt haben werden, ist allerdings fraglich.

Stundenplan mit neuen Fächern

Globale Ungleichheit, Eurozentrismus in der Ecopop-Initiative, Probleme der direkten Demokratie – sollte man mehr darüber wissen? Unbedingt! Einzige Frage: Wie dieses Wissen sich aneignen?
Das Gymnasium Oberwil im Kanton Baselland ist der Ansicht, dass dies auf jeden Fall auch in der Schule geschehen muss. Es soll aber nicht, wie bisher, in den Reststunden verschiedenster Fächer, von Geographie über Deutsch bis Geschichte, und verteilt über die gesamte Gymnasialzeit geschehen. Es soll auch nicht länger, wie viele Gymnasien das handhaben, nur im Rahmen eines Pflichtwahlfaches sein, wo in den letzten Schulsemestern sehr spezifische Sachverhalte während drei Wochenstunden behandelt werden. Alle Schüler und Schülerinnen sollen sich mit diesen wichtigen Themen im Laufe ihrer Schulzeit intensiv beschäftigen.

Deshalb steht neu im ersten Semester der elften Klasse eine Lektion Ethik auf dem Stundenplan, im zweiten Semester sind es zusätzlich je zwei Lektionen Globalisierung und Politische Bildung. Sie ersetzen während dieses Halbjahres den Geschichts- und Geographieunterricht, ausserdem wird das Pensum an Deutsch und Mathematik verringert. Mit solchen Ideen steht das Gymnasium Oberwil nicht allein. An vielen Schweizer Schulen wurden in den letzten Jahrzehnten neue, zuvor für die Universitäten und Fachhochschulen reservierte Disziplinen eingeführt. Wo genügend Geld vorhanden war, konnten, je nach Interesse der Lehrkräfte, Religionswissenschaften, Informatik, Kunstbetrachtung, oder Filmanalyse in die Liste der Frei- und Wahlfächer rücken. Auch erfreute sich der Schwerpunkt Philosophie-Psychologie-Pädagogik vielerorts grosser Beliebtheit. Ethik ist in einigen Kantonen an die Stelle des Religionsunterrichts getreten.

Parteien von links bis rechts fordern, dass angesichts der sinkenden Wahlbeteiligung Politik und Staatskunde an den Schulen stärker gewichtet wird. Bei einer repräsentativen Umfrage der Schweizerischen Gesellschaft für praktische Sozialforschung vom Mai 2014 war eine deutliche Mehrheit der Befragten für mehr politische Bildung an den Schulen. Somit ist das Gymnasium Oberwil mit seinen neuen Fächern am Puls der Zeit. Und als echte Besonderheit hebt es die Bedeutung der Globalisierung hervor.

An der Planung der neuen Fachkreationen beteiligt war auch der inzwischen sich im Ruhestand befindende Rektor Werner Baumann. Er sagte in seinen Begrüssungsreden für die Erstklässlerinnen und Erstklässler gerne: „Sie werden an dieser Schule viel lernen. Die Hälfte davon wird unnötig sein. Nur: jetzt können Sie noch nicht wissen, welche Hälfte.” Es ist eine sehr schöne und sehr wahre Aussage. Die Umgestaltung der Fachzuteilungen kann als Versuch gedeutet werden, das Verhältnis zwischen nötigem und unnötigem Anteil zu verbessern.

Einfache Grenzen
Die Idee hinter dieser Umgestaltung ist folgende: Wenn Lehrinhalte ausdrücklich benannt sind, und in wohlstrukturierter Blockform erscheinen, dann finden sie eher Eingang in den Langzeitspeicher der Schulbankgehirne. Allgemein bergen solche Umtitulierungen und -strukturierungen jedoch Gefahren, wenn die Lehrinhalte vorher bereits in anderen Unterrichtsfächern enthalten waren. Es droht die Anzahl gelehrter Meinungen und Gesichtspunkte, und damit der Lerngewinn, zu schrumpfen.
Zwar besteht in Zeiten des Internets und des Informationsüberflusses die Aufgabe der Schule zunehmend in der Selektion und Strukturierung des zu vermittelnden Wissens. Wichtig ist dennoch, dass die Schülerinnen und Schüler das Wählen und Gliedern nicht zu sehr ihren Lehrpersonen überlassen. Viel und Nachhaltiges lernt, wer das Wesentliche einer Unterrichtsstunde auf dem Notizblatt neu formiert. Wer danach fragt, was nicht angesprochen, was stärker, was schwächer gewichtet wurde. Wenn verschiedene Lehrpersonen dasselbe Thema in verschiedenen Zusammenhängen ansprechen, dann fordern die entstandenen Kontraste die Schülerschaft dazu auf, die Selektions- und Strukturierungsweisen der einzelnen Lehrkräfte zu hinterfragen. Auch belegen Experimente aus der Psychologie, und Erfahrungen aus dem Alltag, dass mehrmaliges Hören den Lerngewinn erhöht.

So kann der sehr vielschichtige Begriff der Globalisierung zum Beispiel aus wirtschaftlicher, ökologischer, kultureller oder politischer Sicht betrachtet werden. Im Idealfall wären alle Blickwinkel gleichberechtigt, damit die Zuhörenden eigene Prioritäten bilden müssten. Eine einzelne Lehrperson kann jedoch nie solche Ausgeglichenheit von Perspektiven bieten. Schliesslich legt jede durchlaufene Sozialisation das Setzen von Schwerpunkten nahe. Dem Idealzustand kann sich eine Schule annähern, wenn sie die Sprechzeit auf mehrere Personen und mehrere Semester verteilt. Das ist aber gerade nicht des Ziel der heutigen Schulpolitik.
Gemeinhin werden möglichst geringe Schnittmengen zwischen den Lehrplänen der einzelnen Fächer angestrebt. Die Schüler und Schülerinnen sollen nicht dasselbe immer und immer wieder hören. Sie sollen sich nicht langweilen. Dabei ist es sehr interessant, mit unterschiedlichen Darstellungen konfrontiert zu sein. Besonders bei Fragestellungen ohne endgültige Antworten kommt es darauf an, möglichst viele der möglichen Antworten zu berücksichtigen.

Wenn nun für den Bereich der Globalisierung eigene Schulstunden vorgesehen werden, dann mit der Aufforderung, dass alle bisherigen Lehrkräfte denjenigen das Feld räumen, die neu für die Globalisierung zuständig sind. So ist es bereits geschehen, als Chemie aus Physik und Medizin extrahiert wurde, oder Latein aus Philologie. Das Abgespaltene war jeweils im Vorherigen enthalten, nur wurde es zuvor nicht gesondert, sondern als Teil des grösseren Ganzen betrachtet. Jedes Mal wurden strikte Regeln aufgestellt, wer was erklärt, und wer nicht. So ging mit jedem neuen Fach ein Stück Vielseitigkeit verloren.

Domino des Lernens

Wenn man den hängen bleibenden Anteil des Schulstoffs erhöhen will, dann versprechen Wahl-und Gliederungsprozesse der Schule weniger Erfolg, als solche, die von den Schülerinnen und Schülern selbst gemacht sind. Die Schule darf für letzteres allerdings Anreize schaffen. Vortrags- und Aufsatzthemen, beispielsweise, die sich an den Schnittstellen mehrerer Fachrichtungen befinden, ermutigen die Lernenden, die in allerlei Klassenzimmern gehörten Teilaspekte zusammenzutragen und zusammenzufügen. Selbstständige Arbeiten im interdisziplinären Bereich fördern ebenfalls solches Zusammendenken.

Hilfreich wäre ausserdem, die Schüler und Schülerinnen vermehrt darauf hinzuweisen, was alles nicht auf dem Lehrplan steht. Ohne sie täglich mit der Kleinheit ihres Wissens zu deprimieren, ist es doch eindrücklich und bereichernd, ihnen aufzuzeigen, dass in Schweizer Schulen ganze Kontinente meist nur als Kolonialopfer den Geschichtsunterricht betreten, dass oft ausschliesslich die in arabischen Ziffern geschriebenen Zahlen vorkommen, dass sich der Sprachunterricht häufig mit der Betrachtung einer Momentaufnahme aus dem ewigen Sprachenleben begnügt. Säuberlich durchnummerierte Dossiers und Lehrbücher verbreiten eine Illusion der Vollständigkeit.

Damit deren Zerschlagung nicht niederschmetternd wirkt, könnte gleichzeitig betont werden, wie einfach es heutzutage ist, sich von dem fehlenden Wissen ein Stück abzuschneiden. Tatsächlich ist auch Werner Baumann dieser Meinung. In einem Interview mit der Basler Zeitung antwortete er auf die Frage, wir er Qualität an der Schule definiere: „Die Schule ist für mich keine reine Stoffvermittlungsanstalt. Der Unterricht muss auch anregen zu weiterem Lernen, Forschen und eigener Aktivität.” Mit Buchempfehlungen, Werbung für Ausstellungen und Filme, Knobelaufgaben, Gedankenexperimenten, Beobachtungsideen kann gegen die Vorstellung angekämpft werden, in der Freizeit sei nur die Beschäftigung mit Musik, Sport und Kulinarischem, und sicher nicht die Aneignung sonstigen Wissens, ein Quell der Freude.

Link: Gymnasium Oberwil

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