Bruno Latours Kollektive

Bruno Latours Kollektive

Implikationen der Dingkultur

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„Die Menschen sind nicht mehr unter sich“ schreibt der Soziologe und Wissenschaftsforscher Bruno Latour in seinem Buch „Die Hoffnung der Pandora“. Im Kern dieses Satzes liegt eine Provokation Latours, die sich gegen die modernen Handlungstheorien richtet. Diese gehen davon aus, dass Handlungen als motivierte und intentionale Aktionen in all ihren Ausprägungen letztlich nur dem Menschen zugeschrieben werden können, mit Hilfe derer dieser seine Interessen und Motive im Kontext eines intersubjektiven Netzes auszuhandeln vermag. Doch Latour begreift darüber hinaus die Dinge in ihrer eigenen Dinghaftigkeit in einem Zusammenhang, welcher nicht mehr in einfachen Subjekt-Objekt-Relationen aufgeht. Die konkrete Beziehung zwischen Subjekt und Objekt  wird in diesem Fall – unabhängig von den ihnen kulturell festgelegten Funktionen – durch eine den Dingen eigene Präsenz und ihre nicht restlos gefügige Materialität mit-strukturiert. Und so kann ihnen eine spezifische Agency oder Handlungsmacht im Gefüge einer Gesellschaft zugesprochen werden.

Von Christoph Andreas Schmassmann

Aber was sind nun Dinge genau? Die Auseinandersetzung mit ihm zeigt sich schon im ersten Schritt problematisch. Welcher Begriff von einem Ding soll hier zunächst etabliert werden? Einerseits scheint man  auf den ersten Blick eine ziemlich genaue Vorstellung davon zu haben, was ein Ding und die von ihnen gebildeten Ensembles darstellen, doch befragt man sich, was diese Vorstellung genauer beinhaltet, oder auf was ich referiere, wenn ich mit dem Wort Ding umgehe, werden die Grenzen schnell unscharf und der Begriff fächert sich auf und ein riesiges Bedeutungsfeld öffnet sich. Nahezu alles scheint sich damit bezeichnen zu lassen und es besteht die Gefahr, dass sich der Begriff in seiner multiplen Verwendung aufzulösen beginnt. Dadurch dass er in einer inflationären Weise alles bezeichnen kann, bezeichnet er letzten Endes auch wieder nichts. Doch eines scheint gesichert: dass wir damit ein Objekt meinen (in welcher Ausprägung auch immer es sich ausformt), das wir klar von uns und unserem Status als handelnde Subjekte unterscheiden und ausgrenzen.

 

 

Dingbegriff

Doch vielleicht hilft es in einem ersten Schritt sich zu vergegenwärtigen, dass Dinge nicht nur einfach zum blossen Gebrauch bestimmt zu sein scheinen. Sie bedeuten auch als Objekt begriffen in einer ganz zentralen Weise. Sie sind und fungieren dadurch als Zeichen, die es zu lesen gilt. Und so wird beispielsweise unter dem interdisziplinären Begriff der materiellen Kultur eine Auseinandersetzung mit den Dingen verstanden, die den Fokus bzw. den Akzent verstärkt auf bedeutungsgenerierende Funktionen innerhalb umfassender kultureller Prozesse legt. Sie fokussiert die konkrete Materialität und Form von Dingen als ein Effekt, aus dem Bedeutung entsteht und geschöpft werden kann. Somit erhält das Ding eine Mittlerfunktion für die Beziehung zwischen den Akteuren und den übergreifenden kulturellen Bedeutungsnetzen. Doch verdanken sie ihr Dasein dennoch immer einem intentionalen Akt: sie werden vom Menschen gemacht in einem schöpferischen Vorgehen und sind dazu bestimmt, eine konkrete Funktion zu erfüllen. Sie beginnen in diesem Zusammenhang ihre Bedeutung zu entfalten, doch – und das ist zunächst zentral – sie werden dadurch auch aus den Handlungstheorien ausgeklammert. Es sind einfache Gegenstände des Ge- und Verbrauchs, die uns umgeben, mit denen wir umgehen, welche aber auch – wie noch zu zeigen sein wird – auch in einer der Realität gerecht werdenden Praxis einer Handlung nicht zu umgehen sind. Notwendig sind sie hierzu nicht nur zufälliger Stoff, sondern bedingen diese in einer nicht unerheblichen Weise.

Eine andere Handlungstheorie

Im Verständnis der Moderne und des von ihr vertretenen Humanismus’,  ist es zunächst ausschliesslich der Mensch, der handelt und in diesem Sinne zu einer Handlung mächtig erscheint. Handlung ist ein Humanprivileg, das innerhalb des intersubjektiven Netzes der Gesellschaft eine Auseinandersetzung ermöglicht. Die Rolle, welche die Dinge in diesem Prozess spielen, wird auf reines Zuhanden-Sein reduziert. Zur Gesellschaft gehören nur solche Entitäten, die bewusst, intentional und multioptional handeln können, die als Subjekte adressierbar und Personen sind, also Menschen. Was nicht über eine Personalität verfügt, hat nicht an dieser Gesellschaft im modernen Sinne Teil. Das bedeutet es für den Menschen „unter sich“ zu sein. Dies wird nun gerade von Latour bestritten. Die Verschränkung mit nicht-menschlichen Entitäten spielt in jede Handlung hinein. Auch die Dinge sind auf gesellschaftlicher Ebene, wenn schon nicht Akteure so doch Aktanten. Die moderne Konzeption von Gesellschaft greift insofern zu kurz, als dass jede Handlung eine komplexe Assoziation oder Hybrid von menschlichen und nicht-menschlichen Entitäten darstellt.

Latour will indessen nicht sagen, Dinge hätten Bewusstsein und Intentionen, wenn er sie in den Kreis der Handlungen und der Gesellschaft aufnehmen will. Er sagt auch nicht, sie wären Subjekte mit Sprache. Er destabilisiert nur unser anthropozentrisches Verständnis von Handlung, die wir, weil wir Ich zu uns sagen können, kategorial uns zuschlagen. Handlungen sind komplexe Assoziationen vieler Faktoren, die er als Aktanten bezeichnet, weil sie in den Ablauf, den wir Handlung nennen, eingewoben sind. Sie stellen einen Zusammenschluss von Ding und Mensch im Handlungsakt dar, indem sich das Ich auf seine Objekte ausdehnt, so dass Selbst und Ding zu einer Einheit werden. Diese  Einheit nennt Latour Kollektiv. Diese Wechselseitigkeit oder Verflechtung ist es gerade, die den Erfolg einer Handlung darstellt.

Eine andere Erkenntnistheorie

Es muss als nächstes festgehalten werden, dass in Latours Sinne die Form, in der Dinge in wissenschaftlichen Experimenten zur Darstellung kommen, mit dem Dasein der Dinge zusammenhängt. Sicher ist: Wir wollen etwas von und mit den Dingen – die Dinge wollen nichts mit uns. Doch diese ontologische Gleichgültigkeit der Dinge heisst gerade nicht, dass sie reaktionslos wären. Experimente sind die Formen, in denen die untersuchten Dinge Zugang zu den Dimensionen erhalten, in welchen sie für den Mensch artikulierbar werden. Und sie zeigen gerade in diesem Zusammenahng eigentümliche Widerständigkeiten, die zu immer neuen Versuchen, Revisionen und Darstellungen zwingen. Innerhalb der Labore werden spezifische materielle Milieus geschaffen, die eine eigentümliche Balance zwischen Stabilität und Offenheit halten. Experimente sind insofern Anordnungen, in denen sich auf kontrollierte Weise menschliche Interventionen und Interessen mit den stummen Resonanzen der Dinge überkreuzen und zu historischen Gleichgewichten führen. Diese nennen wir Erkenntnisse, welche aber nicht als zeitlos gedacht und verstanden werden dürfen. Sie sind dem Wandel der Zeit und Zeiten ebenso ausgesetzt wie das historische Gefüge einer Gesellschaft.

So sind die experimentellen Felder auch performative Räume des Unvorhersagbaren, Ungeplanten, die dem Zufall Raum geben und Sphären des Ludischen eröffnen. Alle zu einem Experiment erforderlichen Apparate sind für nichts anderes erfunden als dafür, die Dinge sich artikulieren zu lassen, und zwar so, dass wir sie begreifen. Dinge sprechen nicht, aber sie zeigen sich. Dieses Zeigen ist nicht an den Menschen adressiert. Die ursprüngliche Fremdheit zu überbrücken, einen Austausch und Verkehr zwischen Menschen und Dingen zu ermöglichen, ist der Sinn des Experiments. In einem metaphorischen Sinn kann man deswegen sagen, dass Experimente die Form sind, in der Dinge zur Sprache kommen.

 

Aufbrechende Gegensätze

In Latours Sinne gilt es das moderne Zwei-Kammersystem von Naturwissenschaften und Politik, die in ihrer je eigenen Zuständigkeit und ihren Kompetenzen sich gegenseitig ausschliessen, aufzubrechen. So ist die eine Seite zuständig für die Belange der Erkenntnis und lediglich für die Seite der Polititk sind die Handlungstheorien in all ihren Dimensionen wie auch den Fragen der Ethik von Interesse. Die eine Seite widmet sich den geschichtslos gedachten, objektiven Tatsachen der Natur und der Technik, die von der Zuständigkeit der Politik unberührt bleiben, während es diese auf der anderen Seite mit der Organisation von geschichtlichen Interessen und Handlungen der Subjekte zu tun hat, die sich der Kompetenz der Naturwissenschaften entzieht. Die Objekte werden als Dinge der Natur in der Form eines passiven Fundus des Wissens gesetzt. In diesem Fundus warten die geschichtslosen Tatsachen auf ihren Auftritt in der Szene objektiver Wissenschaft, um fortan zum unveränderlichen Ensemble positiven Wissens zu gehören. Genau umgekehrt verhält es sich auf der Seite des Subjekts. Es bleibt ohne jegliche Referenz auf seine eigene Natur oder die Natur der Dinge und vergesellschaftet sich auf dem Boden kontingenter Geschichtlichkeit. Dabei verkennt – so Latour – die Moderne auf der Ebene der Gesellschaft völlig das Verhältnis zum Nicht-Menschlichen, das als stumpfes, sprachloses und passives Anderes keine Repräsentation findet.

Eine Kritik der Moderne

Der genannte begriffliche Antagonismus, der den ideologischen Überbau der Moderne bestimmt und unsere Wahrnehmung wie unser Verständnis von Wahrheit prägt und leitet, ist für Latour somit letztlich ein Mythos, den Europa von sich selbst entwickelt hat, und der in vielfältigen Ausprägungen seinen Ausdruck findet: Als Bruch oder wechselseitige Loslösung entweder von Natur oder Gesellschaft, als Eroberung der einen durch die andere Seite oder umgekehrt als Spiegelung, in der die eine Seite der anderen ihr Bild zurückwirft, als Kräfteverhältnis zwischen menschlicher Macht und Naturmacht oder als dialektische Vermittlung der Gegensätze. Die Pole, in denen sich die geistigen Operationen abspielen, bleiben stets getrennt, und die Verflechtung, die auf praktischer Ebene immer Realität geblieben ist, findet nicht statt. Dies geht auch mit der strikten Trennung von Subjekt und Objekt einher. Dieses Verhältnis bleibt von dieser strengen Grenzscheide bestimmt und bleiben in zwei Sphären getrennte Kategorien.

In diesem Kontext gewinnt nun auch ein weiterer Leitsatz aus Bruno Latours Schriften Spannung:  „Wir sind nie modern gewesen“. Die Moderne geht historisch auf die Zeit der Aufklärung zurück und  unterscheidet sich von den vormodernen oder nicht-modernen Gesellschaften, wenn sie im Zuge des Humanismus unter anderem die strikte Trennung von materiellen Ensembles und menschlichen Subjekten postuliert. Diese wird von Latour als  unzulänglich  verworfen, da sie der Wirklichkeit und dem Leben der Menschen, das in einem engen Wechselverhältnis zu den Dingen steht,  nicht gerecht wird. Sie lässt sich in keinem Falle halten. Die Moderne greift innerhalb ihres eigenen Systems nicht nur zu kurz sondern daran vorbei, da sie auf ideologischer Ebene ein Selbstverständnis prägt, das in krassem Widerspruch zur Praxis der Moderne steht.  Was modern sein bedeutet, war in Wirklichkeit nie der Fall und wird auf historischer Ebene insofern als phantasmagorisches Zwischenspiel abgetan. In der strikten Gegenüberstellung von Natur und Gesellschaft, Objekt und Subjekt, Körperding und Geist verfehlt sie, was andere (vormoderne) Kulturen in ihrem Verhältnis zu den nicht-menschlichen Dingen auszeichnete: Eine Entsprechung auf kategorialer wie praktischer Ebene, die dem Umstand, dass es nicht wir allein sind, die an der Gesellschaft teil haben, in all seinen Ausprägungen auch gerecht wird. Die Vergemeinschaftung von Menschen und Dingen, die in der Gesellschaft vollzogen wird, muss deshalb zwar in diesem Sinne nicht wieder hergestellt werden, da sie immer war, doch der ideologische Diskurs muss ihr auf wissenschaftlicher wie politischer Ebene wieder Rechnung tragen.

Kurzschluss und Ausblick

In dieser Hinsicht verfehlt die übliche Trennung von Natur (um die sich ein eigenes Netz von wissenschaftlichen Praktiken ausgebildet hat) und Kultur (welche in ihrer Form und Ausprägung ein eigenes Gebiet für sich beansprucht) letztlich die Tatsachen. Der gegenseitigen Verschränkung und der Vernetzung von beidem auf der Ebene von Handlung und Erkenntnis – wie Latour es entworfen und nachskizziert hat – ist gerade auch in Fragen der Ökologie, der Gesellschaft und unserer Umwelt verstärkt Rechnung zu tragen. Diese müssen noch einmal völlig neu gestellt werden. Die uns geläufige Splittung in zeitlos gedachte Natur-Dinge und einen Bereich der Kultur und Gesellschaft greift nicht nur nicht mehr, sondern führt in ihrem Ausmass offensichtlich wie notwendig zu Problemen, mit denen sich unsere Umwelt als die Umgebung der Objekte wie auch der Mensch in seinem Status als Subjekt als ein Teil von ihr konfrontiert sieht. Die von Latour entworfene Vorstellung und sein Wille, alles in die gesellschaftlich-politische Diskussion mit hinein zu nehmen und teilhaben zu lassen, legt davon Zeugnis ab und soll hier an letzter Stelle noch einmal unterstrichen werden: denn nur ein solcher Ansatz wird der aktuellen politischen wie ökologischen Lage und den Fragen und Problemstellungen eines globalen Zeitalters noch – oder muss man sagen wieder – gerecht.

Literatur zum Thema:

 

Bruno Latour. Die Hoffnung der Pandora. Untersuchungen zur Wirklichkeit der Wissenschaften. Suhrkamp 2002.

Bruno Latour. Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie. Suhrkamp 2008.

Bruno Latour. Das Parlament der Dinge. Für eine politische Ökologie. Suhrkamp 2009.

 

 

 

Im Netz:

 

http://www.bruno-latour.fr/sites/default/files/downloads/96-MTP-DING.pdf

 

http://www.cicero.de/salon/bruno-latour-von-der-realpolitik-zur-dingpolitik/45028

 

 

Christoph Schmassmann

Hat Literatur und Philosophie an der Universität Basel und Theater an der Universität in Bern studiert - zur Zeit verfasst er regelmässig Beiträge für verschiedene Magazine und das Radio: Kultur, Architektur und Politik gehören zu seinen Schwerpunkten. Daneben verfolgt er eigene Kunstprojekte und konzipiert installative Performance Abende.

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