Wie gehen glückliche Reisende?

Wie gehen glückliche Reisende? Im Free Walk!


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„Städte lassen sich an ihrem Gang erkennen wie Menschen”, schreibt Robert Musil in Der Mann ohne Eigenschaften. Jeder Ort habe seinen charakteristischen Rhythmus, mit dem Menschenmengen, Strassenbahnen, Autoketten, Schallwellen, Abgaswolken durch seine Strassen pulsierten. Diesen Rhythmus in sich aufzunehmen – ist schöner Teil jeder Reiseerfahrung.

Von Clara A’Campo

Diese Erfahrungen sind Reisenden allerdings häufig nicht genug. Es reicht ihnen nicht, allein durch fremde Strassen zu spazieren. Sie lassen sich spazieren führen. Dazu erzählt ihnen ein Stadtkenner, oder eine Stadtkennerin, hübsche Details zu ausgewählten Punkten. Danach fühlen sie sich angefüllt mit Wissen und Eindrücken. Sie kehren heim, und haben viel gesehen. Es scheint nämlich schwierig zu sein, ohne Führung so geduldig und genau hin zu sehen, dass ein ähnliches Gefühl der Erfüllung sich einstellt.

 

Grosse Nachfrage

 

So zumindest liesse sich die grosse Nachfrage nach geführten Stadtrundgängen erklären. Denn es besteht grosse Nachfrage. Davon zeugt zum Beispiel die Geschichte von Free Walk Zurich. Dieser Verein bietet täglich kostenlose Zürichführungen in mehreren Sprachen an. Er kann sich über Trinkgelder finanzieren, da Tourismusströme aus aller Welt die Führungen in Anspruch nehmen. Ebenso wie Einheimische, die ihre Stadt besser kennen, oder ihre Sprachkenntnisse beim Rundgehen erweitern wollen. Die gut zwanzig Spaziergangsleitenden haben dabei ihre ganz eigenen Stile, und können sich der jeweiligen Gruppe von Spaziergehenden anpassen, da das Programm nur wenige Stationen vorgibt. Entwickelt hat sich das Ganze innert zwei Jahren aus einem Grüppchen von stadtinteressierten Freunden. Ermutigt von dieser Geschichte entstanden, oder erweiterten sich bereits bestehende, ähnliche Projekte in der ganzen Schweiz. Hier, wo die Konkurrenz zwischen solchen Unternehmungen sich noch in Grenzen hält. Denn anders sieht es bei Reisezielklassikern aus, wie zum Beispiel Prag: auf dessen berühmtestem Platz, dem Staroměstské náměstí, beginnen gleichzeitig ein Dutzend verschiedene Gratisspaziergänge. Es stellt sich die Frage, inwieweit allein die Wirksamkeit des Konzepts ‘Gratis’ diesen grossen Andrang erklärt. Welche anderen, kulturtheoretischen Begründungsversuche wären denkbar?

 

Spaziergang als Wissenschaft

Hierbei geben interessante Thesen der Spaziergangswissenschaft Aufschluss: Zum einen, so lautet die Lehrmeinung, entfremdeten uns moderne Verkehrsmittel und Architektur zunehmend von unserer Umwelt. Und zwar nicht nur für die Dauer des In-Etwas-Drin-Seins, sondern auch darüber hinaus. Zum anderen nähmen wir durch die hohe Mobilität, von uns selbst oder von uns Umgebendem, weniger, flüchtiger, ungenauer wahr. Ausserdem veränderten Hilfsmittel wie Google Maps auf dem Smartphone, oder Navigationssysteme im Auto, ganz entscheidend unsere Orientierungsgewohnheiten, machten sie uns vieles “zu einfach”.  Spaziergangsforschende interessieren sich dabei für Veränderungen der  Aufnahmefähigkeiten aller Sinne. Der Promenadologe Bertram Weisshaar kritisiert daher auch klassische touristische Rundgänge, die nur an ‘Sehenswürdigkeiten’ vorbei führen. Seine Spaziergänge würdigen auch andere (Sehens-)Würdigkeiten. Zudem beschränkt man sich in der Spaziergangswissenschaft nicht auf das Gehen, als urwüchsige Form der Bewegung, und spricht anderen Mobilitätsweisen ihre Ästhetik nicht ab.

 

Nähe und Distanz

Sehr interessant ist eben gerade das eigentümliche Verhältnis von Distanz und Nähe, dass im Innern eines Autos für die Fahrenden zu ihrer Umgebung herrscht: Bewegung in zwanzig Zentimetern Höhe über dem Erdboden, kein Kontakt mit der Umluft, nur wegen zwei Zentimetern Glas. Wenige Stunden der Wachzeit verbringen die Menschen in Industriestaaten im Freien. Sogar, um von Gebäude zu Gebäude zu gelangen, schliessen sie sich häufig in Vehikeln ein. Man selbst ist drinnen, die Natur ist draussen. Sich mit ihr verbunden zu fühlen, wird so sehr erschwert. In den Klischee-USA ist diese Entrückung des Menschen von der Natur bekanntlich besonders weit fortgeschritten. Fragt man die Menschen dort, welche Sprachen in ihrem Quartier gesprochen werden, so können sie antworten: „It’s hard to know what they speak … everyone’s inside a car.”

Auch bei uns, die wir durchaus noch unsere Trottoirs bevölkern, entgeht erstaunlich viel der Wahrnehmung. So können inzwischen viele Menschen zig Werbemelodien zuordnen, aber keine einzige Vogelstimme. Es gibt eben zu viel, was man wahrnehmen könnte. Nicht von ungefähr wurde der Begriff ‘Reizüberflutung’ aus der Psychologie so breit rezipiert. Und auch die gut gefüllten Kästen mit Wimmelbilderbüchern, in den Kinderabteilungen vieler Buchläden, sind in diesem Zusammenhang zu sehen. Wimmelbücher förden Orientierungskompetenzen im Vorlesealter, indem sie eine Vielzahl von Parallelgeschichten gleichzeitig erzählen. Deren Fortsetzungen müssen die Kinder im Bildleinchaos der jeweils nächsten Seiten selbst finden.

 

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From Here To There

Den Umgang mit dem täglichen Reizgewimmel über Bücher zu erlernen, erscheint in Augengesellschaften, wie wir eine sind, selbstverständlich. Bei uns ist der Sehsinn bisweilen schon fast Orientierungssinn. Dies illustriert ein schönes Projekt des Künstlers Nobutaka Aozaki. Es heisst From Here to There. Der Japaner lebte seit acht Jahren in New York, als er sich als Tourist ausgab. Er fragte Menschen in Manhattan nach dem Weg und bestand jeweils darauf, dass sie ihn aufzeichneten. Das ist in Japan Gang und Gäbe, in New York irritierte es die Leute. Im Laufe mehrerer Wochen sammelte er so eine Vielzahl kleiner Skizzen mit Strassenkreuzungen, markanten Gebäuden, Restaurants, etc.  als Orientierungspunkten.

Weil die Aufforderung lautete, den Weg zu zeichnen, sind diese Punkte immer etwas Sichtbares. Aber auch, wenn man um eine mündliche Wegbeschreibung bittet, wie es in der Schweiz üblich ist, kommen sehr selten Sätze wie: „Gehen Sie bis zu einem warmen Schwall von Parfumgeruch aller Marken, die sie sich vorstellen können, biegen sie links ab, laufen Sie weiter, bis ein starker Wind Ihnen ins Gesicht schlägt …” Man ist von den Stadtplänen, Navigationsgeräten und Google Maps die gezeichneten, zu lesenden, meist zweidimensionalen Karten gewohnt. Deshalb gleichen ihnen die mündlichen Karten.

 

Über- und unterforderte Sinne

Weil es aber so einfach ist, Tomtoms und Smartphones immer bei sich zu tragen, braucht man mündliche Wegbeschreibungen immer seltener. So kommt zu der Reizüberfoderung eine Orientierungsunterforderung. Also: Warum ist es schwierig geworden, beim ungeführten Spazieren das Gefühl vollumfänglicher  Zufriedenheit zu erlangen? Weil so viele Eindrücke auf Stadtbesuchende einstürzen, dass selbst Schrittgeschwindigkeit zu schnell ist, um mehr als einen Bruchteil davon zu würdigen. Weil bewusste Orientierung mittlerweile in solchem Masse über den Sehsinn funktioniert, dass andere Sinne dabei eintrocknen. Weil das omnipräsente Fensterglas den Zugang zur Natur erschwert hat. Weit entfernt ist man heute vom Zustand allsinnlicher Wachsamkeit eines Urzeitjägers. Wenn da jemand für einen selber einzelne Eindrücke herausfiltert, und dazu anhält, wenigstens diese wenigen genau und geduldig wahrzunehmen, dann bemerkt man eigentlich Unbemerkbares. Und  empfindet vielleicht auch nach Spaziergangsende noch eine Weile solch angenähert urzeitliche Sinnesschärfe. Ebenso, wenn dreidimensionale, mit allen Sinnen wahrnehmbare Punkte der Orientierung vorgegeben werden. Erfrischend anders wird sich dadurch für den Rest des Stadtaufenthalts die Wahrnehmung vollziehen. Nicht mehr Häuserkulissen oder Kirchenformen müssen notwendigerweise der Wiedererkennung eines Ortes dienen. Vielleicht sind es die abgeschliffenen Pflastersteine unter den Schuhen, die nun erinnern: Hier ist der Platz, in dessen rumpelige Oberfläche die Stadt über Monate glatte Wege hat fräsen lassen. Tja, und wenn dieser Führungsservice dann noch gratis ist – dann ist man natürlich im touristischen Himmel. Städte lassen sich an ihrem Gang erkennen – glückliche Reisende übrigens auch.

 

Im Netz:

http://www.freewalk.ch

Die Webseite zu allen Gratisstadtrundgängen der Schweiz.

 

http://www.zeit.de/2013/35/manhattan-stadtplan-kunst

Nobutaka Aozaki im Interview mit der ZEIT. Er erzählt von den Hintergründen seines Kunstprojekts, und verrät, wie wirklichkeitsnah sein Manhattaner Stadtplan aus Zeichnungen ist.

 

https://spaceflaneur.wordpress.com/2008/09/17/die-spaziergangswissenschaft-–-promenadologie-engl-strollology/

Noch nie von Spaziergangswissenschaft gehört? Hier ein hübscher Artikel über ihre Entstehung und Inhalte. Und natürlich darüber, wo man das studieren kann.

 

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