Life is Strange (SquareEnix)

Abenteuer auf Sundance-Art

Life is Strange (SquareEnix)

Zeitsprünge, Teenager-Dramen, Twin Peaks und mittendrin eine schüchterne Fotografin. Das Adventure Life is Strange mutet wie ein Sundance-Film an, bei dem der Spieler der Hauptrolle übernimmt. Und SEBASTIAN GEIGER will mehr davon.

Life is Strange (SquareEnix)
Life is Strange (SquareEnix)

„Das hier ist kein Computerspiel oder Anime! Niemand hat solche Fähigkeiten, Max!“ So ironisch das Statement der besten Freundin von Life is Strange-Heldin Max Caufield sein mag – für den Spieler fasst es die Spielerfahrung des Adventure-Games der französischen Entwickler Dontnod perfekt zusammen. Die Welt, in der Max lebt, ist eben kein Fantasy-Land, in dem ein Auserwählter die Welt retten muss. Arcadia Bay ist amerikanische Provinz und Max ein schüchternes Hipster-Mädchen mit einer Vorliebe für analoge Kameras. Und ausnahmsweise geht es eben nicht darum, die ganze Welt zu retten – sondern die Kindheitsfreundin, die gleich zu Beginn des Spiels erschossen wird.

Nostalgie ist das Wort, das die Entwickler von Dontnod immer wieder in ihren Making off Videos verwenden, wenn sie die Atmosphäre von Life is Strange beschreiben. Der Spieler soll nicht in einem riesigen Hollywood-Film die Hauptrolle spielen, sondern in einem Independent-Film voller Gitarrenfolk-Songs, schräger Charaktere und Polaroid-Kameras.

Life is Strange (SquareEnix)
Life is Strange (SquareEnix)

Natürlich gibt es schnell einen ganz konkreten Vergleich, den man schon nach ein paar Minuten mit Life is Strange ziehen kann: Die Spiele von Telltale-Games, die den Adventure-Markt derzeit beherrschen. Und Telltale könnte sich bei Life is Strange einiges abschauen. Das Abenteuer von Max entfaltet sich langsam, damit der Spieler genug Zeit hat, alle Charaktere und Orte kennenzulernen, die ihm in den nächsten fünf Episoden begegnen. Die Entwickler bedienen sich dabei bewusst einer TV-Serien-Struktur. Episode 1 ist Exposé, Einführung und Vorbereitung auf das, was noch kommt. Charaktere, die später vielleicht wichtig werden, werden in einem Nebensatz erwähnt und wenn Max mitten im Spiel einen Flyer eines Diners sieht und meint, dass sie demnächst unbedingt mal wieder Burger Essen gehen muss, ist klar, dass man diesen Ort wohl irgendwann zu Gesicht bekommt.

Alan Wakes Fotografentochter

Aber Stop: Ein kreativer Mensch, der in einer amerikanischen Kleinstand wohnt und in ein Mysterium verstrickt wird, das ihn in seiner innersten Persönlichkeit erschüttert. War da nicht…

… richtig, Life is Strange könnte tatsächlich das Spiel sein, dass die Macher von Alan Wake kreieren wollten, so unterschiedlich die beiden Spiele vom Genre auch sind. Dort ist es ein Schriftsteller, der sich gegen eine dunkle Macht zur Wehr setzen muss, in Life is Strange eine junge Fotografin, die düstere Visionen hat. Beide Spiele verströmen Atmosphäre aus jeder Pore: Alan Wake das einer Stephen King-Geschichte, Life is Strange die von Twin Peaks, wenn es ein Teenager-Drama wäre. Beide verfügen über hervorragende Synchronsprecher und einen tollen Soundtrack – Life ist Strange hat aber eindeutig das passendere Spielprinzip. Denn im Gegensatz zu ihrem Schriftsteller-Leidensgenossen hat Max in ihrem Adventure-Game alle Zeit der Welt. Im wahrsten Sinn des Wortes. Mittels Zeitsprung kann der Spieler sogar weitreichende Entscheidungen rückgängig machen, Rätsel lösen oder neue Dialogoptionen bekommen. Zweites wichtiges Utensil im Leben von Max: Ihre klapprige Analog-Kamera. Mit ihr und den Fotomöglichkeiten, die der Spieler hat, offenbart sich auch, wie viel Liebe zum Detail die Entwickler von Life is Strange in ihr Spiel gesteckt haben.

Life is Strange (SquareEnix)
Life is Strange (SquareEnix)

Life is Strange und Alan Wake haben aber noch eine Gemeinsamkeit: Perfekt sind sie beide nicht. Bei Alan Wake waren es Action-Sequenzen, die das Spiel verwässert haben, Life is Strange leidet unter Charaktermodellen, die nicht lippensynchron sprechen, und einigen doch arg klischeehafen Momenten. Das Besondere an Max Caufields Abenteuer ist aber, dass man darüber leicht hinwegsehen kann. Denn auch, wenn einige von ihren Campus-Bekannten  fast aus einem Buch über College-Klischees entsprungen zu sein scheinen — spätestens, wenn sich die Obertussi der Klasse als mindestens genauso großer Fotonerd entpuppt wie unser Hauptcharakter, ist alles verziehen.

Adventure, bittersüß

Es ist sehr passend, dass Life is Strange im Herbst spielt. Genau wie diese Jahreszeit ist das Spiel warmherzig, bittersüß und voller goldener Momente. Gut, man muss Adventure-Games mögen. Und man muss die Kröte schlucken, dass Life is Strange ein Episodenspiel ist und damit ein Großteil der Geschichte noch nicht erzählt. Und dass die Gefahr besteht, dass die Entwickler von Dontnod in den nächsten Episoden die wundervolle Atmosphäre, die sie gerade aufgebaut haben, wieder zum Teufel jagen. Vom ersten Eindruck aus gesprochen ist aber klar: Wer Life is Strange nicht zumindest anspielt, könnte eines der schönsten Spiele dieses Jahres verpassen.


Veröffentlichungsdatum: Bereits erschienen.

Originaltitel: Life is Strange
Plattformen: PS4, PS3, Xbox One, Xbox 360, PC
Genre: Adventure
Entwickler:  Dontnod
Veröffentlicht von: SquareEnix

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