Grenze und Fragment

Grenze und Fragment

Eine ästhetische Idee, die Kultur in Bewegung zu versetzen


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Was ist ein Fragment? Als eine ästhetische Idee verstanden, die es ermöglicht eine neue Konzeption von Kultur zu skizzieren, will es in seiner Form gleichzeitig unvollendet und zerbrochen gedacht sein – doch im selben Zuge verweist es über seine Grenzen hinaus auf das Ganze und Vollkommene. Es gilt also einerseits sich von diesem teilweise zu verabschieden als auch das Phänomen der Grenze und der Grenzbereiche in den Blickpunkt zu rücken: was geschieht an diesen eigentümlichen Nicht-Orten, wo das Ganze in seine Teile aufbricht und der Teil zugleich als ein Ganzes gedacht werden muss? Ein Versuch.

 

Von Christoph Andreas Schmassmann

Es gilt im Zusammenhang mit dem Fragment als etwas, das in einem Bedeutungsspielraum zwischen unvollendet und zerbrochen oszilliert – seine Geschichte zunächst aufzurollen. Es soll also in einem ersten Schritt jener Ablösungsprozess rekonstruiert werden – von der letztlich kulturell sich stets neu ausdifferenzierenden Idee eines vollkommenen und ästhetischen Ganzen hin zu einem progressiv und nie endenden Prozess in dem sich Kultur vollzieht. Das Fragment gelangt in diesem Kontext zu seinem Stellenwert als versinnbildlichtes Grundmuster, an dem es sich in diesem Zusammenhang zu orientieren gilt.

 

Geschichte eines Diskurses

Die Form des Fragments gerät in den Brennpunkt gegen Ende des 18. Jahrhunderts als sich in den philosophischen Systemen von Hegel und Schelling das ästhetische Formideal als vollkommenes, harmonisches und naturgleiches Ganzes (als eine Versöhnung von Vernunft und Sinnlichkeit) zu höchstem Stellenwert gelangt, sich aber gleichzeitig in Diskrepanz zu den wirklichen Erscheinungsformen der zeitgenössischen Kunst – wie etwa der Romantik – verhält. Der Diskurs über das Fragment setzt ein. Die Vorgeschichte dieses Diskurses lässt sich in seinen Wurzeln zurückverfolgen von der Orientierung an der Antike bis hin zum rationalistischen Kunstverständnis in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Hegel postuliert in dieser Zeit das ästhetische Ideal eines vollkommenen und organischen Ganzen. Dieses wird ins Zentrum des ästhetischen Denkens gerückt, steht aber in ihrer Idee von Integration und Synthese im Widerspruch zu den historischen Verhältnissen von Dissoziation und Entzweiung. Was in diesem Sinne geeint gedacht wird bricht in Wahrheit auf und auseinander. Der Diskurs des Fragments ist so in einen Reflexionszusammenhang eingebunden, der diese Idee des Vollkommenen weiterhin verhandelt, nun aber im Blick auf eine von der Geschichte selbst betroffene, nicht-organische Kunst, die das Ideal des einheitlichen Ganzen nicht mehr erreicht bzw. darüber hinausgeht. So findet der Diskurs gleichsam im Schatten der Hegelschen Kunsttheorie statt: das geschichtslos zu denkende Vollkommene ist so mit der Idee des Fragments kontrastiert – welche Bewegung und Relativierung jenes geeinten und zeitlosen Ganzen impliziert.

 

Herleitung

In dieser Zeit versuchen Autoren wie der Fragment-Theoretiker Friedrich Schlegel, aber auch beispielsweise die klassischen Grössen wie Goethe oder Schiller, noch an der Realisierbarkeit von ästhetischer Ganzheit festzuhalten. Sie zeichnen sich durch die Idee aus, anhand des Fragments (das auf das Ganze zeigt und hinweist) zu vermitteln, was schliesslich zu grundlegenden Umdispositionen im kunst- und literaturtheoretischen Denken führt. Das Ganze und Vollkommene büsst in diesem Zusammenhang seinen Stellenwert ein. Nach einer gespenstischen Stille, in der jener Diskurs seltsam sistiert scheint, greifen Ernst Bloch und Walther Benjamin in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und im Anschluss an sie der deutsche Philosoph Adorno die Idee des Unvollendeten erneut auf. Deren ästhetische Konzepte skizzieren ein Denkmodell, das die Verbindlichkeit des ganzheitlichen ästhetischen Ideals noch nicht aufgibt, dieses aber mit der Vollendung der Geschichte zusammendenkt. Das Fragment gewinnt den Status einer verhinderten Ganzheit, auf deren Realisierung es zwar verweist – jedoch vor dem Hintergrund geschichtlicher Unvollendetheit.

 

Unendliche Sinnpotentiale

Schliesslich distanzieren sich die zentralen Vertreter des französischen (Post-)Strukturalismus – allen voran Michel Foucault und im Anschluss an ihn Jacques Derrida – endgültig von der normativen und utopischen, idealistischen Ganzheitsidee. Nietzsche hat es gegen Ende des 19. Jahrhunderts bereits vorskizziert: Es ist letztlich ein ästhetischer Überschuss im Kunstwerk verborgen, den man gegen die geschichtliche (wenn man so will aktuelle) Wirklichkeit zur Geltung bringen muss. Diesem Überschuss an Sinn gilt der Fokus. Denn unendlich viele Sinne sind im Kunstwerk angelegt angesichts des jeweils einmalig geschichtlich realisierten. Der Effekt des Ästhetischen entfaltet sich auf dem Wege einer Destruktion ästhetischer Ganzheit in der Freilegung des Fragments: das Ästhetische entfaltet sich als ein Prozess, indem jenes vermeintlich Ganze befähigt ist – dadurch dass es als unvollendet und Fragment begriffen wird – neue Kontexte zu zeugen. In stets wechselnde Zusammenhänge eingerückt erschafft es so stets neue Sinnpotentiale.

 

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Kunst – Philosophie – Leben

Das Fragment entfaltet sich also progressiv in den Realisationen seiner zukünftigen Möglichkeiten. Und dort gilt es anzusetzen: die Annäherung beispielsweise der Poesie an die Realität, welche sich in diesem Zusammenhang etabliert – ihr Anspruch das Leben in seiner unerbittlichen Konsequenz abzubilden – vollzieht sich als ein Prozess einer zunehmenden lebensweltlichen Profanisierung der poetischen Sprache, während gleichzeitig die Philosophie poetisch zu werden scheint. Hier erhält das Fragment nun erst seinen Stellenwert, denn je mehr die Poesie sich dem Leben, das in seine jeweiligen Unterscheidungen dissoziiert, annähert, desto mehr wird sie erst Kunst – während die Kunst sich reflexiv und mit einem Male philosophisch zeigt. Sie sind nicht mehr voneinander geschieden, sondern integrativer Bestandteil des jeweils anderen. In diesem Zuge werden gerade auch Theorie und Abstraktion, letztlich der philosophische Gedanke (das im ursprünglichen Sinn nicht poetische) ein zentrales Moment der Poesie. Die Trias (Poesie, Philosophie und Leben) gewinnt gerade an ihren Grenzen und Schneidepunkten neue Durchschlagskraft und so schöpfen die drei Bereiche voneinander neue Impulse. Umgekehrt wird so die Poesie gerade philosophisch und das Leben nie endender ästhetischer Prozess.

 

Das Phänomen der Grenze

In diesem Zusammenhang gilt es im Bewusstsein, dass Kategorien immer nur begrenzt Gültigkeit besitzen, auf das Phänomen der Grenze im Allgemeinen einzugehen. Denn die Geschichte des Fragments ist gleichzeitig eine Geschichte der Grenze und Grenzbereiche. Also gerade in den durch das Fragment eröffneten performativen Räumen (in dem hier vorskizzierten Problemhorizont, an dessen Grenzen der ästhetische Prozess einsetzt) kommt es zu vielfältigsten Impulsen und Prozessen. Grenzen stellen für jedes System in diesem Sinne höchst produktive Orte der Auseinandersetzung dar, an denen es sich gleichzeitig in seiner Relativität erfährt, wodurch das Verfahren der Dezentrierung zu neuer Wichtigkeit gelangt. Dieses ist als eine der wesentlichen Bewegungen dekonstruktivistischen Denkens (wie im Anschluss an Michel Foucault von Jacques Derrida entworfen) das zentrale Moment der dadurch etablierten Entwicklung. Denn das ästhetische Fragment  entfaltet sich nur in dem Masse in seiner Verwirklichung,  indem es an seinen Grenzen auch durchlässig ist, indem es zeigt, stets neu verweist und über sich hinausweist. Diese beiden Aspekte des destruierenden Aufbrechen des Ganzen in seine Teile sind hierbei zugleich konstruktiv zu verstehen: In ihrer trennenden, determinierenden Funktion sind Grenzen, indem sie ein- und ausschliessen, einerseits ein wesentliches Mittel der Orientierung. In ihrer Durchlässigkeit – indem sie aufbrechen und in ihrer Form fragmentarisieren – werden sie aber gerade in ihrer trennenden Funktion gleichzeitig zu einem Ort des Austausches: Der höchst kreative Prozess des Umdenkens,  der damit einhergeht, ist dabei zu betonen: dieser geht zusammen mit stets neu zu leistender Kontextualisierung und Integrierung, welche neue und bisher verborgene oder noch nicht realisierte Sinnräume erschaffen.

 

Das postmoderne Subjekt

Die Bedingungen des ästhetischen Denkens und des lebensweltichen Daseins verstanden als fragmentarischer Vollzug findet somit in der Dezentrietheit ihren Ausdruck  – einem Sein und Werden mit und an den Grenzen. Gleichzeitig kommt es auch zu einem Umdenken im Verhältnis, das der Mensch zu den Grenzen einnimmt: Die Grenze kann so gerade als ein Ort des Austauschs innerhalb des postmodernen Subjekts verstanden werden. Somit wird Differenz innerhalb anstatt ausserhalb des vielgestalteten und multidimensional zu denkenden Ichs situiert. Was wir als Grenze, als Differenz und Trennung oder Andersartigkeit wahrnehmen, ist letztlich unsere je eigene subjektive Setzung. Im Gegenzug erweist sich Identität als etwas, das sich dialogisch im Austausch mit den Diskursen (ausserhalb jenes opaken Selbst, deren Durchgangsstation es ist) konstituiert.  Somit geraten Grenzen des Innen und Aussen in Bewegung und erhalten in ihrer trennenden und determinierenden wie in der durchlässigen und somit produktiven Funktion neues Gewicht für wissenschaftliche Reflexionen, ästhetische Ideen – aber gerade auch für die ganz alltägliche Lebenswelt. Der Austausch zwischen den Kulturen, in welchen sich jenes aufgebrochene Selbst stets neu kontextualisiert, gerät somit in den Fokus.

Kulturen in Bewegung

Denn gerade Grenzen stellen vermehrt die Orte dar, denen die Aufmerksamkeit und die Auseinandersetzung gilt: Die analytischen Foki verlagern sich vom Zentrum zur Perpherie, von der Abgrenzung zur Streuung, vom Ganzen zum Fragment, von der Metropole zu ihren Rändern. Darin findet sich gleichzeitig die poststrukturalistische Idee verwirklicht, die Kultur in Bewegung zu versetzen, sowie deren Anspruch die Idee von festen Zentren und einheitlichem Ganzen durch Grenzgebiete und Zonen des Austausch und der fruchtbaren Streuung zu ersetzen. Das entspricht einem Umdenken von Identität und Kultur als konstruiertes und relationales System, das seine letztgültige Vollendung niemals erreicht, vielmehr diese in ihrem Vollzug stets erneut einbüsst. Diese zentralen Gedanken zur Grenze und den Grenzbereichen leiten denn in der Folge auch die anschliessenden kulturwissenschaftlichen Überlegungen zum Verhältnis von ästhetischem Fragment und kulturellem Ganzem – von den Teilen zu ihrer verzeitlicht verstandenen Verwirklichung, welche nie an ein letztgültiges Ende gelangt. Was sich letztlich vollzieht ist ein Wandern der Kulturen – ihre Überschneidung und Überlappung, die in ihrer Form vielschichtige, komplexe Hybride und Assoziationen bilden.

Das Ganze in Fragmenten

Gerade in diesem Zusammenhang gilt es die Idee des ästhetischen Ganzen und unseres ganzheitlichen Denkens noch einmal zu relativieren. Die Impulse und Prozesse, die zwischen den Kulturen stattfinden, sind letztlich das, was wir alle in unserem Verstehen und Begreifen der Welt erleben. Das dekonstruktivistische Denken, welches versucht die Kulturen und ihr Verhältnis in Bewegung zu versetzen, gelangt so zu neuer Wichtigkeit. Die beiden zentralen Aspekte der Grenzen und den durch sie etablierten performativen Sphären der Grenzbereiche sind hierbei zentral: In ihrer trennenden Funktion, indem sie ein- und ausschliessen im Sinne eines in sich geschlossenen und einheitlichen Ganzen, sind sie nicht nur ein Mittel der Orientierung – sie sind auch ganz entscheidend ein Ort, an dem sich Macht ausdrückt: sie sind quasi mit institutionalisierter Macht gesättigt. Doch in ihrer Durchlässigkeit werden Grenzen gleichzeitig zu Orten des Austausches: Der höchst kreative Prozess des Umdenkens bleibt zu unterstreichen, während Grenzen zu Schwellen und trennende Aspekte mit einem mal zu Brücken zwischen den Kulturen werden können. Das Fragment – das Bruchstück, das in seiner stets neuen ästhetischen Verwirklichung gerade auch Verzeitlichung, Progression und Bewegung impliziert – wird so als formgebendes Prinzip zum neuen Lebenskonzept und zum neuen Maßstab der Verhältnisse, in welche die Kulturen zueinander treten können. Ihre Grenzen brechen auf, fragmentarisieren und als nie vollendete und in sich bewegliche Fragmente verstanden – wird der fruchtbare Austausch zwischen den unterschiedlichen Kulturkreisen, welche sich stets neu entwerfen und wieder neu zu denken und zu begreifen sind, massgebend für ihre zukunftsträchtige Beziehung untereinander.

 

Christoph Schmassmann

Hat Literatur und Philosophie an der Universität Basel und Theater an der Universität in Bern studiert - zur Zeit verfasst er regelmässig Beiträge für verschiedene Magazine und das Radio: Kultur, Architektur und Politik gehören zu seinen Schwerpunkten. Daneben verfolgt er eigene Kunstprojekte und konzipiert installative Performance Abende.

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