Das Schaubüro: “whatever comes #2: Heimweh!” | Schlachthaus Bern

Entrückt in Raum und Zeit

Copyright/Fotograf/in: Rob Lewis und Valentina Suter
Copyright/Fotograf/in: Rob Lewis und Valentina Suter

Was haben ein gestrandeter Walfisch, ein einsamer Astronaut und ein kämpferischer Eidgenosse gemeinsam? Sie alle treten als heimwehgeplagte Protagonisten im neuen Stück “whatever comes #2: Heimweh!” des Theaters das Schaubüro auf. Den Zuschauer erwartet eine sequenzielle Inszenierung aus lauten und leisen Tönen.

Von Angelika Imhof.

Das Theaterkonzeptions- und -produktionsbüro das Schaubüro hat sich im Oktober 2014 auf ein wagemutiges Experiment eingelassen: Indem die Themenwahl für das nächste Stück ausgelost wurde, setzte es sich einem willkürlich erzeugten Zufallsprinzip aus. Dabei konnte das Publikum in einer ersten Phase „whatever comes, pt.1: Die Qual der Wahleinen aktiven Part einnehmen. Während eines Tages wurden unzählige Wörter aus Büchern, Spielen und Wikipediartikeln ausgeschnitten und alle in einen grossen Glaskasten geworfen. Schliesslich nahm um punkt 18.36 Uhr des 26. Oktobers ein Teilnehmer das Schicksal in die Hand und zog das Stichwort “Heimweh”. Was zuvor nur eines aus hunderten von belanglosen Wörtern gewesen war, wurde nun zum neuen Thema für das nächste Stück des Schaubüros erhoben. Die daraus resultierende Umsetzung wurde am 26. Februar 2015 uraufgeführt.

Symbolismus und Leerstellen
Die Inszenierung unter der künstlerischen Leitung von Julia Haenni und Micha Küchler gestaltet sich als eine bunte Kollektion von “Heimweh’lern”. Es  wird nicht versucht, eine Geschichte oder eine Form von Heimweh darzustellen, sondern vielmehr wird die vielgestaltige Ausprägung dieses seltsam nostalgischen Gefühls facettenreich interpretiert. Da sind zu Beginn die Kriegsflüchtlinge aus dem Osten, die nicht viel mehr auf sich tragen als ihre Kleider und Koffer. In einer längeren Szene wird der gesamte Inhalt der Gepäckstücke von den Schauspielern auf den Bühnenboden geleert und heraus fällt haufenweise dunkelbraune Erde. Dieser Symbolismus ist charakteristisch für das Stück. Oft ersetzen Gesten, Andeutungen und Requisiten den expliziten Gebrauch von Worten.

Spiel der Metamorphosen
Die zwei männlichen Darsteller (Michael Glatthard, Micha Küchler) und die drei weiblichen Darstellerinnen (Dorothea Mildenberger, Jasmina Rezig, Julia Haenni) verwandeln sich bei laufendem Spiel ständig zu neuen Charakteren und nehmen teils auf geradezu geniale Weise neue Persönlichkeiten an. So wird die Flüchtlingsfrau beispielsweise zu einem Astronauten, der fernab des Erdballs im All herumschwebt. In einer minimalistischen Szene stiert der Astronaut aus einem Bullauge des Raumschiffes in das schwarze Dunkel, fern leuchtet ein kleiner Globus und im Hintergrund erklingen rhythmische Atemzüge, die durch eine Luftpumpe erzeugt werden. Manchmal braucht es nicht mehr, als genau ein solches Bild, um sich einem Gefühl anzunähern. In anderen Momenten wird das „Heimweh“ durchaus als ein pathetisch aufgeladenes Konstrukt dargestellt, etwa wenn der Eidgenosse nach Kampf gegen die Hugenotten sehnsüchtig von der Heimat schwärmt. Auch die humoristische Note kommt nicht zu kurz; etwa als sich Micha Küchler in einen Walfisch verwandelt und gar zum Mikrofon greift.

Musik als wiederkehrendes Moment
Tatsächlich ist es dem experimentell-alternativen Theater das Schaubüro gelungen, dem oftmals romantisierten Thema „Heimweh“ neues Leben einzuflössen und die zahlreichen Zwischentöne dieses Gefühls anzustimmen. Im wörtlichen Sinne trifft dies insofern zu, dass sich diverse gesungene Heimatslieder wie ein roter Faden durch das Stück ziehen. Im weiteren Sinn bedeutet das, dass in “whatever comes #2: Heimweh!” diese Sehnsucht nach der Heimat einmal still und leise, dann traurig, verzweifelt, aggressiv, laut, schreiend und schliesslich humorvoll in Erscheinung tritt. In diesem Sinne ist das Theaterstück eine Collage der verschiedensten Heimweh-Ausgeburten, eine Fallstudie eines nuancierten Gefühls, das allein durch eine Entgrenzung in Raum und Zeit bestimmt wird.

Dabei ist manches geradezu plakativ offensichtlich, anderes bietet grossen Interpretationsspielraum. Insbesondere der Schluss überrascht mit seinem unerwarteten Nichtspiel, seinem abstrakten, redundanten Gestus und abverlangt dem Publikum einiges an Ausdauer. Die Schauspieler werden Teil des Publikums und das Publikum sitzt plötzlich in grellem Scheinwerferlicht. Und ein jeder wird sich wohl an irgendeinem Punkt fragen: Wann habe ich das letzte Mal Heimweh empfunden?

Besprechung der Premiere vom 26. Februar 2015.

Besetzung
Michael Glatthard, Dorothea Mildenberger, Jasmina
Rezig, Sandro Ilg, Julia Haenni und Micha Küchler
Künstlerische Leitung: Julia Haenni und Micha Küchler
Konzept und Performance: Dorothea Mildenberger, Michael Glatthard
Kostümbild und Requisite: Sandro Ilg
Bühnenbild: Valérie Sauvin
Film: Valeria Stucki
Technik: Demian Jakob
Produktionsleitung: Rabea Grand
Assistenz Produktionsleitung: Milena Keller

Im Netz
www.schlachthaus.ch
www.das-schaubuero.ch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.