Alternative Geschichte: Die Welt könnte eine andere sein

Die friedlichen 1930er Jahre

Die Welt, wie sie sich heute präsentiert, ist nichts anderes als das Ergebnis einer Folge von Ereignissen in der Vergangenheit. Viele dieser einzelnen Begebenheiten hätten auch anders ausgehen können. Und ein alternativer Ausgang hätte die Geschichte in andere Bahnen gelenkt. Sich darüber Gedanken zu machen, ist reizvoll. Aber ist es auch in irgend einer Weise nützlich?

Von Martin Geiser

WeicheSind die Weichen für die Zukunft richtig gestellt?

Im Jahr 1954 wird die Halbinsel Krim unter dem sowjetischen Parteichef Nikita Chruschtschow der ukrainischen Sowjetrepublik angegliedert. Als die Sowjetunion sich 1991 auflöst, bleibt die Krim beim nun unabhängigen Staat Ukraine.  Als sich Jahrzehnte später ein gewisser Wladimir Putin über diesen Gebietsschwund Russlands ärgerte, mag er sich gedacht haben: „Wenn – ja wenn es 1954 doch nur anders gewesen wäre“ – und er malte sich eine alternative Geschichte aus, in der Chruschtschows Sowjetunion die Krim nie der Ukraine überliess*.

Die meisten Menschen begnügen sich mit Gedankenspielen dieser Art und wollen oder können die Weltgeschichte nicht nach ihrem eigenen Vorstellungen „korrigieren“. Aber die Tatsache, dass es oft nur ganz wenig bedurft hätte, damit die Welt heute anders aussähe, beflügelt viele Menschen, sich einen anderen Lauf der Geschichte auszudenken.

Die den Menschen eigene Fähigkeit des Vorstellungsvermögens erlaubt es jedem, uns in andere Menschen und Situationen hineinzuversetzen und alternative Szenarien durchzuspielen. Und dies  gilt selbstverständlich schon seit Jahrhunderten. Der Römische Geschichtsschreiber Titus Livius zum Beispiel, stellte sich in seinen Aufzeichnungen zur Geschichte der Römer die Frage, wie es wohl gewesen wäre, wenn Alexander der Grosse mit den Römern Krieg geführt hätte.

Utopien und Zeitreisen…
Sich eine andere Weltgeschichte auszudenken, ist verführerisch. Was nicht alles anders oder besser sein könnte! Autoren von alternativer Geschichte – Schriftsteller und Historiker gleichermassen – schildern denn auch oft eine Welt, in der ihre eigenen Wünsche und Vorstellungen in Erfüllung gegangen sind. Sie denken sich eine bessere Welt mit verhinderten Kriegen oder mit Demokratie und Freiheit in Ländern, wo sie heute unterdrückt ist.

Ihre Geschichten handeln von Erfindungen, die ein paar hundert Jahre früher gemacht wurden, von weiseren Führern, die die besseren Entscheidungen trafen. Die Autoren zeigen, was (zu) früh Verstorbene in ihrem längeren Leben noch erreicht hätten oder wie ein in der Parallelgeschichte geglücktes Attentat auf einen Völkermörder den Gang der Ereignisse veränderte.

Beliebt sind bei Romanautoren auch Zeitreisende, die absichtlich oder nicht, die eine oder andere Weiche der Weltgeschichte auf eine andere Richtung gestellt haben. Andere Schreiberlinge mögen patriotisch angehauchte Alternativen der Geschichte. Dort werden als schmerzlich empfundene Niederlagen in Kriegen und Schlachten nicht erlitten. Die Südstaaten im Amerikanischen Bürgerkrieg könnten ja auch siegreich gewesen sein oder die Bayern gegen die Preussen im Deutschen Krieg von 1866.

… sind unwissenschaftliche Spekulation!
All diese Überlegungen zu einem andern Lauf der Welt sind nicht nur rein fiktiv, mehr noch: Die Thesen der Alternativen Geschichte können weder je bewiesen noch widerlegt werden. Das ist kaum ein Problem für die Romanautorin oder den Verfasser einer patriotischen Schrift – für einen wissenschaftlich orientierten Historiker ist  dieser Mangel hingegen ein unprofessioneller Fauxpas. Viele Forscher bezeichnen kontrafaktische Geschichte daher schlicht als unwissenschaftlich.

Zudem ist es an jedem beliebigen Punkt der Geschichte – schon alleine aufgrund der (fast) unendlich grossen Zahl von Möglichkeiten – ausgeschlossen, verlässliche Voraussagen über den weiteren Verlauf des Weltgeschehens zu machen. Als Vergleich diene das Wetter: Schon eine detaillierte, zuverlässige Prognose für eine Woche zu erstellen, ist eine grosse Herausforderung. Und an eine gute Voraussage für einen noch längeren Zeitraum ist derzeit nicht zu denken. All zu viele unbekannte Variablen sind im Spiel. Kein Superrechner dieser Welt kann sie derzeit fassen. So ist es denn auch wenig plausibel, dass ein Historikergehirn dies könnte.

Oder können Sie die Lottozahlen voraussagen?
Hier ist etwas am Werk, das wir Zufall nennen – ein Begriff der aussagt: „Wir wissen nicht, warum ein Ergebnis mal so und mal anders herauskommt.“ Dies weil die zugrunde liegenden Mechanismen uns verborgen bleiben. Wie bei den Kugeln in der Lottomaschine, die zwar am Anfang stets in der gleichen Position liegen. Aber immer etwas anders herumwirbeln, so dass am Ende bei jeder Ziehung eine andere Kombination von Kugeln aus der Trommel fällt.

Dennoch: Wer sich als Historiker betätigt, beschäftigt sich auch mit der Frage, warum ein bestimmtes historisches Ereignis stattgefunden hat. Dabei sammelt und ordnet er oder sie Fakten. Und kommt dabei schliesslich beinahe nicht umhin, entweder die Vermeidbarkeit von unglücklichen Ereignissen aufzuzeigen oder die Glückhaftigkeit von (im Nachhinein betrachtet) richtigen Entscheidungen.

Wie der Deutsche Historiker Alexander Demandt in „Ungeschehene Geschichte“ schreibt: „Die Ereignisse, die eingetreten sind, gewinnen ihr Profil erst vor dem Hintergrund jener, die andernfalls zu erwarten gewesen wären.“ Es ist demnach nur noch ein winziger Schritt zur Frage: Was wäre, wenn…?

…., wenn Lenin nicht schon 1924 gestorben wäre? Oder Hitler 1932 bei jenem Autounfall in Nürnberg endgültig von der Bühne abgetreten wäre? Niemand wird es je erfahren.

Was bringt es also überhaupt, über Ereignisse in einer Welt nachzudenken, die es nie gegeben hat? Es ist unterhaltend, vielleicht erfrischend, zumindest für den der es mag. Es regt unsere Gehirne an und eine gute Story bringt vielleicht sogar den einen oder anderen Geschichtsmuffel dazu, sich mit Dingen zu befassen, die er sonst links liegen gelassen hätte.

* Die möglichen Gedanken von Wladimir Putin sind natürlich reine Spekulation!

Wanderwegweiser

Egal, welchen Weg wir nehmen, wir wissen nicht, welches die Konsequenzen sein werden.

Literatur

Hans-Peter von Peschke
Was wäre wenn – Alternative Geschichte
Konrad Theiss Verlag, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2014

In „Was wäre wenn – Alternative Geschichte“ wechselt Hans-Peter von Peschke immer wieder zwischen zwei Ebenen: Einerseits wirft er einen Rückblick in die lange und umfangreiche „Alternative Geschichte“ und streift dabei genauso Autoren von antiken Chroniken wie Verfasser von Science-Fiction-Romanen.  Anderseits wird er selbst zum Geschichten-Erfinder und beschreibt, was sein könnte, wenn. Zusätzlich stellt von Peschke in Übersichts-Tabellen die wahre und die fiktive Geschichte nebeneinander und fasst viele der möglichen Scheidewege zusammen, an denen die Weltgeschichte ganz leicht hätte in eine andere Richtung kippen können.
Von Peschke versucht, seine alternative Geschichte möglichst „plausibel“ und „wissenschaftlich“ weiterzuspinnen und nicht bloss „dahin zu fabulieren“. Und er ist bemüht, daraus einen Erkenntnisgewinn zu ziehen.
Tatsächlich ist es schwierig, Wissenschaft von Fiktion zu trennen. Historiker, die sich mit Alternativen Geschichte befassen, begeben sich laut von Peschke „auf eine Rutschbahn“. Parallelgeschichte gilt unter Historikern als leicht anrüchig. Und daher betont der Autor, dass sein Buch nicht den Anspruch einer umfassenden wissenschaftlichen Arbeit hat. Er ist einfach, wie so viele Leser von historischen Romanen und Science Fiction, fasziniert von wohlüberlegten und gut konstruierten Gedankenspielen.

 

Charles Lewinsky, Doris Morf
Hitler auf dem Rütli – Protokolle einer verdrängten Zeit
Unionsverlag, Zürich, 2014

Ein Beispiel einer (lohnenden) Auseinandersetzung mit alternativer Geschichte ist das Buch „Hitler auf dem Rütli“ von Charles Lewinsky und Doris Morf aus dem Jahr 1984 (Neuauflage 2014).  Die Autoren erzählen die Was-Wäre-Wenn-Geschichte mittels fiktiven Interviews. Die Episoden schildern die Sicht von Leuten, die sich an jene Zeit zurückerinnern, als die Schweiz ein Teil des Dritten Reiches war. Die Erzählungen wirken erschreckend plausibel: So hätte es tatsächlich sein können, wenn Hitler in die Schweiz einmarschiert wäre.

http://www.lewinsky.ch/charles/b_ruetli.html

 

Links

James Hamilton-Paterson , „What if…“
Aus: „Was wäre wenn…? ist eine sinnlose Frage.“
Erschienen im NZZ-Folio August 2008

Ein längeres Zitat aus dem erwähnten Artikel:
Es übersteigt unsere Einbildungskraft, uns auszumalen, wie die Geschichte ohne Hitlers Geburt oder ohne die Erfindung der Schrift verlaufen wäre, so wie es für mich buchstäblich unmöglich ist, mir vorzustellen, dass meine Mutter im Alter von zehn Jahren gestorben wäre. Wissenschaftler, die die exakte Strömungsdynamik von Wasser vorhersagen wollen, das einen Stein umfliesst, wissen heutzutage, dass solche Vorhersagen laut Chaostheorie unmöglich sind und es auch immer bleiben werden.
Aus demselben Grund wird man auf die Frage «Was wäre, wenn…?» immer nur die individuelle Antwort eines bestimmten Menschen erhalten, dessen Gehirn die ganzen daran beteiligten Kontingenzen nicht einmal ansatzweise erfassen kann und der sich daher das Ergebnis herauspickt, das ihm am besten gefällt.

Im selben Folio erschienen: Was wäre, wenn Deutschland den Ersten Weltkrieg gewonnen hätte von Rudolph Chimelli

Eine lange Liste von Alternativen Geschichten findet sich bei uchronia.net

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