Ödön von Horváth “Kasimir und Karoline“| Schauspielhaus Zürich

Kirmes und Krise

Marie Rosa Tietjen, Christian Baumbach
Marie Rosa Tietjen, Christian Baumbach

Mit viel Silber und wenig Tempo inszeniert Barbara Weber Ödön von Horváths Trauerspiel um Karoline und Kasimir. Sie will sich amüsieren, ohne an morgen zu denken, ihm sitzt die Zukunft bereits im Nacken – die Konfrontation ist vorprogrammiert.

Von Tamara Schuler.

Ein Abend auf dem Oktoberfest: Musik, flimmernde Lichter, Süssigkeiten, Chaos. Die junge Karoline (Marie Rosa Tietjen) will sich amüsieren; ein Eis essen, Achterbahn fahren. Doch ihr Verlobter Kasimir (Christian Baumbach) ist nicht in Feierlaune. Gestern wurde er abgebaut, nun fühlt er sich wertlos als arbeitsloser Chauffeur. Es ist ein trostloses, trauriges Fest, das ihn umgibt: Eine einsame Laterne wirft fahles Licht auf die Feierwütigen, überall liegt Müll, am Laternenpfahl weisen Schilder in Richtung Liebe, Lüge, WC und Wahrheit. Wohin darf die Reise gehn?

Kasimir der Pessimist
Irgendwo spielt ein Akkordeon und Karoline, die sich ihre gute Laune von Kasimir nicht dämpfen lassen will, sagt kühn: „Vielleicht sind wir zu schwer füreinander“. Kasimir kontert, jeder intelligente Mensch sei ein Pessimist, und fühlt sich bestätigt in seiner  Vorahnung: Jetzt, da er kein Geld mehr verdient, wird ihn Karoline automatisch verlassen. Der Zeppelin, dem die junge Frau träumend hinterher schaut, ist für ihn nichts als heisse Luft – ein Sinnbild für die hohen Wirtschaftstiere, die schwerelos durch den Himmel gleiten, während am Boden die einfachen Bürger verhungern.

Christian Baumbach, André Willmund, Henrike Johanna Jörissen
Christian Baumbach, André Willmund, Henrike Johanna Jörissen

Kasimir der Egoist
Der Streit zwischen den Liebenden nimmt seinen Lauf, Anschuldigungen schwappen hin und her. Enttäuscht vom schwarzmalenden Kasimir holt sich Karoline ein Eis – und kommt mit dem Zuschneider Schürzinger (Lukas Holzhausen) ins Gespräch. Dieser nimmt sie mit auf die ersehnte Achterbahnfahrt: Im Stroboskop-Gewitter tanzt Karoline um die Strassenlaterne, die sich langsam dreht, sodass die an ihr herabhängenden silbernen Bänder, riesigen Tentakeln gleich, langsam über den Köpfen der Festenden dahin schweben (Bühne: Patrick Bannwart). So erlebt Karoline ihren perfekten Augenblick des Abends, bevor der Jahrmarktszank von Neuem aufflammt: Als Kasimir feststellt, dass der Schürzenjäger Schürzinger kein alter Bekannter ist, wie Karoline ihm weis machte, wird er wütend. Hinzu kommt sein zwielichtiger Freund, der Merkl Franz (André Willmund) mit seiner Freundin Erna (Henrike Johanna Jörissen). Das kleinkriminelle Paar stachelt Kasimir dazu an, die umtriebige Karoline in den Wind zu schiessen. Das tut dieser und lässt seine Geliebte stehen, um sich mit dem Merkl Franz ein Bier zu gönnen.

Wilde Tiere
So nimmt das Unheil seinen Lauf: Kasimir betrinkt sich mit fremden Mädchen (Sofia Borsani und Lisa-Katrina Mayer), Karoline trifft auf den ruchlosen Kommerzienrat Rauch (Michael von Burg) und dessen Juristenfreund Speer (Claudius Körber), die den „hübschen Po“ mit Kirsch um den Finger wickeln wollen. „Die Menschen sind halt wilde Tiere“ konstatiert Karoline – und reitet zum Vergnügen der reichen Herren noch eine Runde auf dem Kirmespferd. Je später der Abend und je leerer die Zapfhähne am Bühnenrand, desto surrealer werden die Kreaturen: Ein zerschundener Teddybär schlurft über die Bühne, im Hintergrund läuft Freakshow-Radio, ein Skelett sitzt im Kinderwagen. Ein merkwürdiger Schutzengel (Siggi Schwientek) warnt Kasimir davor, dem Merkl Franz bei seinen kriminellen Machenschaften zu helfen. Doch dieser steht bereits Schmiere mit der Zuchthäuslerin Erna, während „Herr Merkl“ aus den Cabriolets der Reichen stiehlt.

Ensemble
Ensemble

Abfallmeer und Gemetzel
Und dann plötzlich ein Knall, als würde ein Zeppelin am Himmel zerbersten: Eine üble Rauferei, der Merkl Franz ist mittendrin und wird schliesslich von der Polizei abgeführt. „Die Kleinen hängt man, die Grossen lässt man laufen“ – Kasimir und Erna finden sich damit ab und gleichzeitig Gefallen aneinander. Im Abfallmeer schauen sie in die Sterne, während Karoline den Eugen Schürzinger aufs Neue beäugt. „Menschen ohne Gefühle haben’s leichter im Leben“ sagt Kasimirs Ex-Verlobte einmal. Ein zeitloses Statement, dass sich ebenso auf die Gegenwart anwenden lässt wie das grosse Thema der Massenarbeitslosigkeit, das Ödön von Horváth in diesem Stück thematisiert. In diesem Sinne müssten Kasimir und Karoline heute in Spanien oder Griechenland angesiedelt werden – Fiesta statt Oktoberfest. Vielleicht wäre das Stück dann etwas weniger schleppend, die Live-Band auf der Bühne etwas feuriger gewesen. Trotz raffiniertem Bühnenbild, einer tollen Erna und einem grandiosen Schutzengel gewinnt „Kasimir und Karoline“ kaum an Schwung. Mit seiner Nähe zu Horváths Text (Dramaturgie: Gwendolyne Melchinger) setzt dieses Stück auf altbewährte Werte anstelle von wilder Spekulation – der wohl sicherste Kurs in Zeiten wie diesen.

Besprechung der Premiere am 21. März 2015. Dauer: 1 Stunde 45 Minuten.
Weitere Vorstellungen von März bis Mai 2015.


Besetzung
Christian Baumbach, Marie Rosa Tietjen, Henrike Johanna Jörissen, Michael von Burg, Claudius Körber, André Willmund, Lukas Holzhausen, Siggi Schwientek, Sofia Borsani, Lisa-Katrina Mayer, Karsten Riedel.

Regie
Barbara Weber

Im Netz
www.schauspielhaus.ch

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