Grand Theft Auto V (Rockstar Games)

3 für 5: Geschichten aus Los Santos

Grand Theft Auto V (Rockstar Games)

RUDOLF INDERST lebt in einem Außenbezirk von München. Was weiß er schon von echtem Großstadtleben? Los Santos hält drei Geschichten für ihn bereit, die ihm den Atem raubten.

gtaAthletik

Niemand mag Staus. Und doch…ich provoziere jenen sogar. Das hat einen Grund. Noch stehe ich mitten auf einer reichlich PKW-frequentierten Kreuzung mitten in Los Santos. Durch etwas Geduld und mit reichlich Zivilungehorsam ausgestattet, setze ich jetzt meine Planungen in die Tat um. Schließlich ist die Zeit reif. Die Autoschlange, auf die ich lüstern-destruktiv blicke, hat sich bereits auf eine stattliche Länge multipliziert. Dann… mein Auftritt! In einer zigfach geübten Choreographie besteige ich zunächst das erste Auto der Reihe, lasse Franklin kurz Geschwindigkeit aufnehmen, ehe ich mit einem beeindruckenden Satz auf das nächste Fahrzeug springe. Doch es bleibt keine Zeit, sich über dieses gelungene Manöver zu freuen. Ein Sportwagen ist das nächste Ziel und auch dieser beugt sich meinem selbst erdachten Spiel. Ich setze meinen Autotanz fort. Die Welt um mich herum wird unkenntlicher, meine Konzentration ist ganz auf den Vehikel-Tunnel vor mich gerichtet. Wieder eine Motorhaube. Wieder Hupen und wütende Proteste – die ersten Fahrer, jene unglücklichen Gesellen, deren heißes Blech ich bereits tangieren dufte, sind bereits losgefahren! Die Zeit drängt. Fast bleibe ich an einem Überrollbügel mit dem Fuß hängen, fast lacht mich ein imitierter Hofmeister-Knick ob meiner Ungeschicktheit aus. Doch dann ist es geschafft. Das zehnte Auto. Mein Tabata-Ziel. Mein Marathon-Einlauf. Mein Triumph.

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Entspannung

Es ist ein wunderbarer Tag. Ich sage es laut: Ein wunderbarer Tag. Naherholung kann so nahe sein, wenn man es nur möchte und ein wenig unorthodox denkt. In München mag es vielleicht der Englische Garten sein, der die nach Entspannung lechzenden Massen anzieht wie Magneto olle Nägel auf einem Werksgelände, in GTA V brauche ich dafür lediglich einen Stadtbus. Es dauerte ein paar Minuten, bis ich auf die Idee für diesen Ausflug kam – zugegeben. Aber nun möchte ich gar nicht mehr anders meine spärliche Zeit zwischen diversen Binärcodezuständen verbringen. Herrlich, der Sonnenschein. Ich spüre den Fahrtwind überall. In dieser Sekunde fällt mir ein, dass ich nicht weiß, was sich hinter dem mir auf dem Rechner vorgeschlagenen YouTube-Clib „Neue Frisur für Franklin“ stecken könnte. Doch das „ist mir ega-aa-l“. Ich stehe auf dem Dach eines Stadtbusses und lasse mich durch die Gegend fahren. Das Tempo des Öffi-Leviathan ist derart entspannt gehalten, dass meine Figur im Gegensatz zu anderen fahrbaren Untersätzen, von denen ich mich transportieren lassen wollte, nicht für eine Abwerfung (schlagen Sie an dieser Stelle bitte ‚Substantivierung’ nach) sorgt. Langsam lasse ich meinen Blick touristisch vergnügt, urban-selbstbewusst streifen. Ich gewinne neue Perspektiven. Doch Franklin lacht nicht. Ich verstehe ihn manchmal nicht. Wir beide wollten uns heute einen hübschen Tag machen. Neben uns fließt der Berufsverkehr. Diese Schaben. Auf meinem Thron ist mir das egal. Ich predige Blicke von meiner Kanzel. Niemand kann mir etwas anhaben. Außer Verkehrsampeln.

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Kojotenheulen

Das Mondlicht wirkt absurd hell. Wüstenkundige wissen freilich, dass ein mächtiger Vollmond im sändischen Ozean tatsächlich eine sehr intensive Strahlkraft an den Tag legt. #BADUSCH Ich weiß gar nicht mehr, wie ich hierher kam – die Verfolgungsjagd erlebte ich in wie in Trance. Oh, nein, nein, mit Verbrechen und Polizei hatte das nichts zu tun. Ich erinnere mich, dass ich eine Kuh verfolgte. Mit einem Traktor. Sie wich mir oftmals in letzter Sekunde aus und dafür zolle ich ihr den höchsten Respekt. Ich spekulierte kurzzeitig, dass das Rindvieh sich für Nanosekunden sogar über seine Programmierung und seinen Algorithmus hinweg setzte und sich zu einer technologischen Singularität entwickelt…wenn man sie nur lange genug mit dem Trecker verfolgt, um der AI-Evolution auf die Sprünge zu helfen. Schließlich klappte das bei J.Depp auch. Schließlich gab ich auf. Wahrscheinlich war die Welt nicht bereit dafür. Ich fuhr auf meinem landwirtschaftlichen Nutzfahrzeug dann einfach weiter. In der Wüste staunte bestimmt so mancher Zeitgenosse über meinen Ruralbomber. Als die Sonne langsam unterging, fuhr ich auf den Seitenstreifen, stellte den Motor ab und stieg aus. Es war ein guter Tag gewesen und ich hatte noch nicht einmal mein Sturmgewehr benutzen müssen. Franklin fror. Das würde er nie zugeben. Aber entweder waren das technische Probleme oder der Mann schlotterte ein klein wenig. Ich wusste sofort, das ich ihn beschäftigen musste. Das letzte Mal, als wir „einfach so herumstanden“, führte das zu einer Schießerei und einer Festnahme. Ich beschließe, mich zu inszenieren. Die Selfie-Funktion des Spiels eignet sich dafür hervorragend – mein Ziel: der Mond, der Traktor und ich, friedvoll cool vereint. Ein gelungenes Bild sagt immer noch mehr als tausend Streams. Leider kann ich die Funktion des hypercoolen In-Deckung-Gehens (dabei knieen wir und erinnern uns an die Grammatiklektion von früher) NICHT mit der Selfie-Funktion kreuzen. Meinem One-in-a-Million-Agrarrapalbumscovershot steht diese Malaise im Weg. Ich mache zur Sicherheit drei oder vier Versionen und friere mein digitales Ich damit mehrfach ein, beleidige es mit standardisierten Filtern und verpasse ihm später – er weiß es nur noch nicht – ein Hashtag. Selbst schuld, er hätte ja nur etwas Ordentliches lernen müssen.

 

Veröffentlichungsdatum: Bereits erschienen.

Originaltitel: Grand Theft Auto V
Plattformen: PS4, PS3, Xbox One, Xbox 360
Genre: Action-Adventure
Entwickler:  Rockstar North
Veröffentlicht von: Rockstar Games

Rudolf Inderst

*1978 in München. Lebte in Kopenhagen und verliebte sich. Doppelt promoviert, übernimmt er Verantwortung als Ressortleiter für digitale Spiele hier bei nahaufnahmen.ch. Liebt Stanislaw Lem, Hörspiele und Podcasts. Spielt Videospiele seit etwa 40 Jahren. Lehrt Game Studies (aktuell u.a. in Neu-Ulm), trägt gerne Bart und vertrat jüngst eine Professur für "Intermediale Ästhetik" an der Hochschule Trier.

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