Bradley Somer: “Goldfisch”

Es ist nicht alles Gold was glänzt

Bradley Somer: Der Tag, an dem der Goldfisch aus dem 27. Stock fiel (Roman)

Von der Geburt eines Kindes über den Tod eines Grossvaters bis zum Beginn einer Freundschaft und dem Ende einer Liebesbeziehung zieht der Autor sämtliche Register an einschneidenden Lebensereignissen, die in den Wohnungen eines Hochhauses passieren können. Mit den Charakteren zusammen entdeckt man in diesem Roman wie sich Lebenswege kreuzen und wieder auseinander gehen.

Von Nadine Baumgartner.

GoldfischIan, der Goldfisch, fällt aus dem 27. Stock eines New Yorker Hochhauses. Während seines Falls schnappt er Momente auf, die in den vorbeiziehenden Wohnungen stattfinden. So rutscht man als Leser in die Beobachterrolle verschiedenster Charaktere. Da wäre Petunia, die gerade in der Endphase einer von Komplikationen geprägten Schwangerschaft steckt. Und Garth, der neben seinem Bauarbeiter-Dasein heimlich seine Leidenschaft für Frauenkleidung auslebt. Oder Herman, der nerdige kleine Junge, der von seinem Grossvater zu Hause unterrichtet wird, um seinen Peinigern in der Schule zu entkommen. Auch der Hausmeister spielt eine tragende Rolle. Autor Bradley Somer versteht es, die Feinheiten von seinen Charakteren hervorzuheben. Jeder einzelne, sogar der egozentrische Frauenheld Connor, wächst dem Leser nach kurzer Zeit ans Herz.

Liebe zu Details

Bradley Somer analysiert einen klitzekleinen Moment sehr originalgetreu, was einen das Herz bei emotionalen Momenten schneller schlagen lässt. Diese scharfe Beobachtungsgabe hat aber auch einen entscheidenden Nachteil: Irgendwann wird es einem zu viel! Dem Leser wird an und für sich nur eine kleine Welt nähergebracht. Das Treppenhaus und eine Handvoll Wohnungen des Hochhauses. Aber diese Welt ist peinlich genau beschrieben. Gewisse Szenen vom Zusammentreffen zweier Protagonisten werden wiederholt, einmal aus der einen, dann aus der anderen Perspektive. Auch der Fahrstuhl und dessen Elektronik kommt, im Zuge eines Unfalls, wohl technisch korrekt, sehr umfangreich im Buch vor.

Perlen vor die Säue

Mit Ian, dem Goldfisch, beginnt das Buch, und mit ihm endet es auch. Dazwischen kommt er immer wieder etwas auf unbeholfene Weise vor. Über beispielhafte Beschreibungen, versucht der Autor, uns die Wahrnehmung und das Bewusstsein eines Goldfischs näher zu bringen. Aber so richtig gelingen will ihm das nicht. Ian sollte wohl einen roten Faden in das Buch bringen. Sollte.

Idee als Sternstunde

Als Bradley Somer die Idee hatte zu diesem Buch, darf man das wohl als eine Sternstunde bezeichnen. Die Vorstellung, in das Leben von wild zusammengewürfelten Bewohnern eines riesigen Wohnblocks hineinblicken zu können, entzückt. Der Autor hat aber leider bei der Umsetzung geschludert. Er hat die vielen Handlungsstränge scheinbar wahllos aneinander gereiht. Zudem wurden einige Spannungsbögen so sehr in die Länge gezogen, dass sich beim Lesen jegliche Neugier in Überdruss verwandelt. Beispielsweise braucht der Autor vier Kapitel lang, um zu erzählen, wie Garth ein ominöses Paket aus dem Hintereingang eines Ladens nach Hause transportiert. Und am Ende des vierten Kapitels weiss man immer noch nicht, was sich im Päckchen befindet! Und zu guter Letzt hat der Autor die Angewohnheit, pro Kapitel einen Protagonisten zu behandeln und diese Kapitel jeweils so enden zu lassen, dass man schon zu Beginn vergebens auf eine Aktion im Kapitel wartet. Er hat wohl zu viele Soap Operas gesehen, unser Bradley. Das Buch ist misslungen, aber der Autor hat Potential.

 

Titel: Der Tag, an dem der Goldfisch aus dem 27. Stock fiel
Autor: Bradley Somer
Übersetzerin: Annette Hahn
Verlag: DuMont Buchverlag
Seiten: 319
Richtpreis: CHF 21.90

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