Die Rote Liste wird immer länger

Dringend gesucht: Lebensraum

Immer mehr Tier-, Pflanzen- und Pilzarten sind in der Schweiz vom Aussterben bedroht. Oft weil ihr Lebensraum verloren geht. Das Problem ist zwar seit Jahrzehnten bekannt, doch Massnahmen gegen den Schwund kommen nur schleppend in Gang.

Die Feldlerche: In der Schweiz einst häufiger Brutvogel – schon bald auf der Roten Liste? (Bild: © SVS/BirdLife)

Mehr als jede zweite Vogelart in der Schweiz sei gefährdet*. Diese Meldung erschien Anfang Juni in verschiedenen gedruckten und elektronischen Medien. Damit erfuhr die Tatsache kurz etwas Beachtung, dass es um die Artenvielfalt ziemlich schlecht bestellt ist. Doch vermutlich dürfte der Leser dies wohl auch schon vergessen haben, kaum hatte er sein Blatt oder den Laptop zugeklappt.

Gerne verdrängen wir solche unangenehmen Fakten – nicht zuletzt, weil wir denken, sie beträfen uns nicht besonders. Ein paar Vogel- und Amphibienarten die verschwinden: Davon geht doch die Welt nicht unter. Doch möglicherweise ist Sorglosigkeit alles andere als angebracht: Bakterien-, Pilz-, Tier- und Pflanzenarten sind die Puzzleteilchen in komplexen Netzwerken, den Ökosystemen. Stirbt eine Art aus, fehlt ein Teil des Puzzles.

Unbezahlbare Dienstleistungen, die nichts kosten
Verschwinden immer mehr entscheidende Teile, wird das System instabil oder bricht zusammen. Verloren gehen dann nicht ganz unwesentliche „Dienstleistungen“ intakter Ökosysteme:  Ihnen verdanken wir zu einem guten Teil Lebensmittel oder sauberes Trinkwasser. So sorgt die Gesamtheit der Bodenorganismen für fruchtbare Erde und somit für unsere Nahrungsmittel.

Auch Schädlinge werden nicht bloss durch Pestizide beseitigt: Natürliche Feinde, wie Vögel, Spinnen, parasitische Insekten und Pilze hindern sie daran, sich so zu vermehren, dass sie bei Getreide- und Gemüsekulturen grösseren Schaden anrichten.

Funktionsfähige Ökosysteme regulieren auch den Wasserhaushalt indem sie Niederschläge speichern und somit Hochwasser verhindern. Auch andere Naturgefahren mildern sie ab: Sie stabilisieren Böden und beugen Erosion, Steinschlag und Lawinen vor.

Sterben in der Schweiz
Doch trotz der anerkannten Leistungen der Vielfalt nimmt sie ständig ab. Dies zeigt auch ein Blick auf die „Nationale Rote Listen der gefährdeten Arten in der Schweiz“: 225 in der Schweiz einst bekannte Arten sind verschwunden. Rund doppelt so viele sind akut vom Aussterben bedroht. Besonders in Gefahr sind unter anderen Reptilien und Amphibien: Mehr als drei Viertel aller Arten fallen in eine der Kategorien, die unter dem Begriff „gefährdet“ zusammengefasst werden.

Wenn eine Art längerfristig überleben soll, dann müssen einige tausend Individuen vorhanden sein, einige hundert Exemplare reichen nicht.  Dies zeigte vor wenigen Jahren eine Studie des Umweltinstituts der Universität Adelaide. Viele Populationen der Roten Liste sind aber deutlich kleiner. Diese Arten können nur überleben, wenn sie aktiv gefördert werden.

In der Schweiz wurden einst zwanzig Amphibienarten gezählt. Davon ist eine ausgestorben, dreizehn sind bedroht, eine ist potenziell gefährdet, nur gerade drei sind nicht gefährdet und bei zwei Arten bleibt die Datenlage ungenügend.
Im Bild: Laubfrosch, Hyla arborea (Quelle: Wikipedia – Foto: Kristian Peters)

Verschwindende Lebensräume
Dies geschieht beispielsweise, indem Lebensräume erhalten und wieder neu geschaffen werden. So könnten eingedohlte Bäche oder schnurgerade Flüsse revitalisiert werden. Bauern können durch geschicktes Bewirtschaften ihrer Flächen, die Zahl der Arten, die darauf leben, um ein Vielfaches erhöhen. Und auch im Siedlungsraum schaffen begrünte Flachdächer oder naturnah gestaltete Freiflächen einen gewissen Ersatz für den verschwundenen Lebensraum.

Dieser nicht mehr vorhandene Lebensraum ist denn auch der Hauptgrund, warum viele Arten ums Überleben kämpfen. In den letzten rund hundert Jahren ist er drastisch geschrumpft. Dies trifft auf Moore zu, aber auch auf Auenwälder oder Trockenwiesen. Wo diese früher blühten, breiten sich heute oft intensiv bewirtschaftete und deshalb ertragreiche Fettwiesen aus. An andern Orten wurden Häuser und Strassen gebaut. Zudem überwuchs der Wald viele heute nicht mehr gemähte Flächen in bergigem Gelände.

Eher selten anzutreffen: Wiese mit Blumen – es prägen viel öfter monotone, artenarme “Graswüsten” die Landschaft.

So gibt es heute in der Schweiz nur noch gerade einen Zwanzigstel so viel Fläche mit Trockenwiesen und -weiden verglichen mit dem Jahr 1900. Besonders im Mittelland ist der Verlust enorm: Hier sind 99% der Flächen verschwunden. Und mit den Wiesen und ihren Blumen sind auch Käfer, Schmetterlinge, Heuschrecken und Vögel abhanden gekommen.

Das Problem ist erkannt und dies bereits seit Jahrzehnten. Und tatsächlich haben Gemeinden und Kantone begonnen, Lebensräume zu schützen, neue zu schaffen und diese zu vernetzen. Wo diese Massnahmen mit wissenschaftlichen Untersuchungen begleitet wurden, zeigte sich: Es gibt auf diesen Flächen mehr Vielfalt. Dass trotzdem immer mehr Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht sind, zeigt: Was bisher getan wurde, reicht noch lange nicht aus.

Nur noch gerade in der Schweiz vorkommende Arten werden als Endemiten bezeichnet. Davon gibt es in der Schweiz einige Dutzend, zum Beispiel das stark gefährdete Ladiner Hungerblümchen oder Engadin-Felsenblümchen (Draba ladina).
(Bild: Jachen Andri Buchli Quelle: Wikipedia)

*Am 3. Juni erschien in verschiedenen Schweizer Medien eine Meldung über die Situation der heimischen Brutvögel. Sie bezieht sich auf eine Medienmitteilung des Schweizer Vogelschutzes birdlife.

Mehr zum Thema Biodiversität (Was ist Biodiversität und warum ist sie wichtig?)

Links zur Biodiversität in der Schweiz
Zustand der Biodiversität in der Schweiz Die Analyse der Wissenschaft (Bericht von 43 Fachexpertinnen und Fachexperten)
Bundesamt für Umwelt, Biodiversität
Bundesamt für Umwelt, Aktionsplan Strategie Biodiversität Schweiz
Bundesamt für Statistik, Bedrohte Tiere und Pflanzen
Biodiversität: Sehr durchzogene Bilanz 2015, Medienmitteilung SVS/BirdLife Schweiz

Literatur
Thibault Lachat, Daniela Pauli, Yves Gonseth, Gregor Klaus, Christoph Scheidegger; Pascal Vittoz Thomas Walter (Red.): Wandel der Biodiversität in der Schweiz seit 1900 – Ist die Talsohle erreicht? Zürich, Bristol-Stiftung; Bern, Stuttgart, Wien, Haupt; 2010.





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