Reaktionen der nahaufnahmen-Redaktion auf die E3 2015

Zahlenhuber und Budenzauber

Reaktionen der nahaufnahmen-Redaktion auf die E3 2015

behemoth

Hereinspaziert! Die E3, der alljährlich stattfindende Hyper-Industriezirkus der Game-Branche, deckte die Spielerschaft auch 2015 wieder ein mit schwindelerregenden Zahlen hinter Franchise-Namen, lauten Tönen und grellen Bildern. Die nahaufnahmen-Redaktion liess sich jedoch nicht so einfach blenden, taub stellen oder mit höherer Mathematik verwirren: Wir formulieren Grosse Erwartungen, ignorieren (weitgehend) die Virtual Reality-Revolution und verraten, für wen wir unser Herz geöffnet haben.

RUDOLF INDERST

NORMAN VOLKMANN

FRANZI BECHTOLD

STEFAN VON DER KRONE

CHRISTOF ZURSCHMITTEN

SEBASTIAN GEIGER


RUDOLF INDERST

Das hatte ich erwartet

Ungewohnt uninformiert hatte ich mich auf die diesjährige E3 eingelassen; auf das kurz vor knapp so “zufällig” geleakte Trailer-Material hatte ich ebenso verzichtet wie die heißblütigen Prognosen der Fachpresse. Stattdessen hatte ich mir gewünscht, dass ein neues Titanfall kommen möge. Meine durchaus emotionale Ode an den Mech-Titel haben BESTIMMT noch alle LeserInnen in bester Erinnerung! Ebenfalls hätte ich es super gefunden, wenn vielleicht eine neue Erweiterung zu Diablo III ihren Weg auf die Messe gefunden hätte. Diese kleine Perle spiele ich nämlich noch immer mit steter Begeisterung (als einziger Xbox-One-Vertreter in der Redaktion hatte ich natürlich meinen Spielstand von der 360 herübergeholt). Gut, dass sich kein neues Virtua Tennis oder Burnout mit flott-kecken Crash Sites einfinden würden, hätte ich mir irgendwie denken können, aber ein kleines Flämmchen der Hoffnung leuchtet immer im (Industrie-)Dunkel. Sehr wohl erwartet hatte ich lautstarke Meldung diverser GamerGater, deren geistige Nulllinie von Tag zu Tag niedriger zu transzendieren scheint. Und natürlich…

Das bekam ich

…sollte ich recht behalten. Das Credo der “Ethik”-Lobotomiker bestand diesmal darin zu behaupten: “Endlich ist die E3 wieder in unserer, in Gamer-Hand!” Zumindest bilde ich mir ein, dieses aus meiner Twitter-Timeline (folgt Ihr @benflavor schon?) herausgelesen zu haben. Also, immer dann, wenn mich niemand der Sorte “HyperHeteroBroGamer” dazu aufforderte, männliche Geschlechtsteile in den Mund zu nehmen. Abgesehen davon tat sich eine Menge: Als bekennender Maskulin2000-Freund spannte sich mein Bizeps erregt an, als ich die neuen Gears-of-War-Bilder sah – das betrifft sowohl das Make-Over als auch den kommenden vierten Teil. Erwähnt man vierte Teile, möchte ich mich meine Freude über Mass Effect: Andromeda nicht verschweigen. Ich bin gespannt, was uns die Schöpfer dieses SciFi-Universums als nächstes auftischen. Dass nach vier fünf kommt, ist numerisch gesehen ein Klassiker des Zahlenraums eins bis zehn. Daher wage ich ein darauf zu hoffen, dass mir der kommende Tony-Hawk-Teil wieder den Spaß bringen wird, den ich 1999 (Teil 1 – PSX), 2000 (Teil 2 – DC) und 2012 (HD-Remaster von Teil 1 – XBLA) hatte. Überhaupt, Microsoft. Schön. Das. Mit. Der. Abwärts. Und. So. Meine Laune war gut, daher war mir das – Achtung! Neudeutsch! – visual downgrade von The Division reichlich egal, ich freue mich, dass es da weitergeht. In kleinen Stückchen. Ebenso heizte die E3 meine Lust auf Firewatch und No Man’s Sky (weiter) an.

the_divisionPS: Nintendo wissen schon, was sie tun. Keine Sorge.


NORMANN VOLKMANN

Das hatte ich erwartet

Mit geringeren Erwartungen ging ich wohl in keine E3. Da Bethesda Fallout 4 schon ein paar Wochen vor der Messe ankündigte, war einer meiner größten Wünsche sowieso schon erfüllt. Vieles war aber einfach schon vor der Messe bekannt. Halo 5 und Gears 4 waren ja schon mehr als Gerüchte und für mich mittlerweile mehr als uninteressant. Ansonsten hoffte ich vor allem auf große PlayStation-Exclusives, die besonders im kargen Herbst etwas Leben für die Konsole bringen. Vergebens. Die Xbox One hat in diesem Jahr eindeutig die Nase vorn, was exklusive Konsolentitel angeht. Keine, die mich dazu bringen würden, über einen Kauf der Konsole nachzudenken – dennoch zeigt es, dass Microsoft die Verfolgerposition sehr ernst nimmt. Hallo, Abwärtskompatibilität und Rare-Collection!

Das bekam ich

Fallout 4 – wow. Nicht nur, dass Bethesda mit dem sympathischsten Trailer schon vor der E3 bemerkenswert authentisch verkauft haben (In-Game-Grafik, die absolut glaubwürdig aussah), der Umfang, den man im Rahmen der Messe nur andeutete, haute mich direkt aus den Socken. Und ließ mich in Angst und Bange panisch überlegen WANN ich denn die Zeit dafür überhaupt haben werde. Selbstverständlich unterhalte ich seitdem fleißig meinen Fallout Shelter auf dem iPhone.

fallout_shelterDazu das Release-Datum, das quasi um die Ecke liegt. Alles richtig gemacht. Das zweite persönliche Highlight kam ebenfalls von Bethesda und nannte sich Doom. Hyperbrutal, übertrieben und wahnsinnig schnell – her damit! Völlig kalt ließen mich hingegen Gears 4, Halo 5 und Mass Effect. Ich bezweifle nicht, dass es gute Spiele werden, ich mochte die Vorgänger teilweise sehr gern – nur mehr davon brauche ich (noch) nicht. Mit Unravel zeigten Electronic Arts, dass auch sie Indie (höhöhö) können.
Da ich in der Vergangenheit weder Shadow of the Colossus länger als 20 Minuten noch Ico spielte, riss mich The Last Guardian zwar nicht vom Hocker – als Feel-Good-Story (zusammen mit Shenmue III) aber sicherlich einer der schöneren Momente der E3. Daneben sah Horizon Zero Dawn, trotz fürchterlichem Namen, grandios aus. Deus Ex: Mankind Divided sah vielversprechend aus. Ubisofts Mittelalter-Klopperei For Honor schien interessant, während sich bei The Division zumindest bei mir diese Watch-Dogs-Leere breit machte. Star Fox Zero dagegen? Ja, bitte! Eine letzte Frage soll mir zum Abschluss noch gestattet sein: Was zur Hölle wird No Man’s Sky denn nun?


FRANZI BECHTOLD

Das hatte ich erwartet

Viel Belangloses, more of the same, Teil 4/5/0815 von etablierten Franchises habe ich bei dieser E3 erwartet. Alle schon zuvor bekannten Erscheinungen hatten eine Zahl im Titel und keine wirklich großen Neuerungen parat. Zudem war ich sicher, dass VR in diesem Jahr der heiße Scheiß wird, auf den sich die Firmen zunehmend stürzen. Natürlich habe ich die E3 auch ohne Erwartungen gespannt verfolgt – denn gerade die Games mit den Zahlen wie Fallout 4, Uncharted 4, Dishonored 2 und Batman Arkham Knight (Hier wäre die Zahl 3! Nicht 4. 3!) stehen und standen oben auf meiner Liste.

Das bekam ich

THE LAST GUARDIAN!!1 Alter. Ich bin so glücklich, ich habe fast geweint. Ich habe so lange darauf gewartet und jetzt startet Sony die PK eiskalt mit neuem Ingame-Material des totgeglaubten dritten Team ICO-Erzeugnisses. Ich wurde sofort wieder in diese wunderschöne, magische, melancholische Welt gesogen und kann sagen, dass ich sehr positiv überrascht bin. Ich freue mich auf 2016 und gerade in dem Jahr, in dem ich die Hoffnung endgültig aufgegeben hatte, kam es ganz heimlich still und leise um die Ecke und ist bezaubernd. Damit hatte Sony für mich schon gewonnen. Abwärtskompatibilität interessiert mich… nicht. Warum der Hype? Hab eh beide Konsolen, mir doch egal (ich Ego-Sau). Ich will neue Spiele, keine Alten wiederverwerten.

last_guardianAber das ist natürlich nicht alles, was mich interessierte. Horizon: Zero Dawn sieht toll aus und ist eines von vielen Spielen, bei denen die Entwickler sich für eine Heldin entschieden haben (optional, aber immerhin: Dishonored 2. Yeah! Ach und Assassin’s Creed hat es auch geschafft, herzlichen Glückwunsch). Das freut mich natürlich besonders und zeigt, dass man langsam erkennt, dass es auch Frauen gibt, die sich gerne in der Spiele-Welt repräsentiert wissen.

Zwei Indie-Games glänzten für mich durch ihre hohe Qualität und innovatives Design. Unravel hatte eine gelungene, herzige Präsentation und war das einzig Gute an der EA-Konferenz. Es hat einen sehr emotionalen Trailer und sticht durch seinen schönen Grafikstil und den lieben Yarni als Protagonisten deutlich unter den tausenden anderen Platformern hervor. Ein zweites Beispiel, dass sich das Genre noch nicht totgespielt hat, ist Cuphead. Der 30er Jahre Comicstil wirkt frisch und innovativ, das Spielprinzip unterhaltsam und ideenreich. Freude, große Freude!

cuphead-birdNicht bekommen habe ich… irgendetwas von Nintendo außer einem unfassbar hässlichen Zelda für den 3DS, das sie gerne behalten können und einem ein bisschen hässlichen Star Fox, das mich nicht tangiert und auch sonst nur Belanglosigkeiten allererster Güte. Dieses Paper Jam-Crossover – da lasse ich noch mal mit mir reden, aber alles andere lockt mich nun mal nicht mehr hinterm Ofen vor. Ich habe mich ein wenig geschämt, auch wenn die Nintendo Direct an sich hochgradig unterhaltsam gestaltet war, wenn nicht gerade ein Spiel vorgestellt wurde, das man eh schon kannte (mein Gott, ist dieses Zelda hässlich…. ich kann es immer noch nicht glauben. Bah). Wenn der amibo-Verkauft rennt, dann muss man sich wohl um Spiele erstmal nicht mehr kümmern.


STEFAN VON DER KRONE

Das hatte ich erwartet

Erwartet habe ich von der diesjährigen E3 eigentlich nicht viel, das Übliche eben. Großes TamTam, übermäßiges Gehype, das Zelebrieren der eigenen Geilheit gegenüber der Konkurrenz halt. Es war klar, dass wieder etwas von den nächsten großen Spielen gezeigt wird (Uncharted, Batman, Metal Gear Solid, Fallout 4). Und es war ebenso klar, dass VR ein wichtiges Thema sein wird. Ansonsten habe ich mir zumindest erhofft, dass Sony etwas mehr Exclusives zeigt. Ein paar Spiele für die Vita hätten ja auch nicht geschadet.

Das bekam ich

Bekommen habe ich in der Summe eine äußerst interessante E3, die mir ein paar spannende neue Spiele offenbarte, die ich mit Sicherheit beobachten werde. Dazu zählen u.a. Horizon: Zero Dawn mit seinem sehr interessanten Setting (hatte was von Enslaved) oder Firewatch. Adr1ft könnte auch spannend werden. Begeistert war ich vom Uncharted-Gameplay, auch wenn das finale Spiel vielleicht nicht ganz so reibungslos ablaufen dürfte. Der finale Trailer zu Metal Gear Solid V – The Phantom Pain hat mich sofort gefesselt, das wird also Pflicht. Eine schöne Überraschung war dann The Last Guardian, endlich haben wir mal wieder ein Lebenszeichen bekommen. Und es soll schon im kommenden Jahr erscheinen, man mag es kaum glauben. Stealthfreunde haben Grund zur Freude: Deus Ex: Mankind Divided, Dishonored 2(!!!), Dishonored Remastered, Hitman – da verwundert es ein wenig, dass Ubisoft noch kein neues Splinter Cell angekündigte.

deus-ex-mankindDie größten Überraschungen waren dann, dass die Xbox One Spiele abwärtskompatibel zur Xbox 360 werden soll. Boom! Das soll mal Sony mit Playstation Now toppen. Nun ja, eine eigene Emulation für die PS3 sehe ich als eher unwahrscheinlich, da die PS3 eine weitaus komplexere Hardware besitzt. Aber das muss ja nichts heißen. Die nächste große Überraschung war dann das Remake von (wait for it …) Final Fantasy VII. Nachdem sich jeder Spieler von Square Enix mit der PS4-Adaption vom Original verarscht fühlte, kann man das zumindest schonmal als eine Art Entschuldigung. Ich bin sehr gespannt, was daraus wird.

VR und Hololens interessierten mich eher wenig. Umso interessanter waren dann die Old-School-Sachen: Gameplay von Doom! Yeah! Die letzten Jahre haben uns mit Bulletstorm oder die beiden neuen Wolfenstein-Spiele spaßige und vor allem hervorragende Shooter mit Old-School-Vibe gebracht. Ich kann nur hoffen, dass sich Doom in diese illustre Liste einreihen kann. In die ähnliche Kerbe schlägt anscheinend Devolver Digital mit ihren Pixelart-Indies, die offensichtlich auf euben Hotline Miami-Ausschlachtungstripp sind. Mother Russia Bleeds scheint sogar noch brutaler und überdrehter zu werden. So excited!

no_mans_skyJa, und dann ist da noch No Man’s Sky, bei dem anscheinend niemand so recht weiß, was sie/er davon halten soll. Ich finde es über die Maßen spannend, erhoffe mir aber noch mehr Gameplay als nur pures Entdecken von Planeten und Sonnensystemen. Ok, Shooter-Elemente wurden gezeigt. Aber das kann ja nicht alles sein. Ambitioniert, aber zugleich ein großes Fragezeichen.


CHRISTOF ZURSCHMITTEN

Das hatte ich erwartet

Nicht viel? Auch Jahrzehnte in der Nähe dieses Mediums haben mir kein genügend dickes Fell wachsen lassen, dass mich diese Veranstaltung nicht doch ein wenig an den falschen Stellen jucken würde. Eine Legion vorgeladener Fachleute aus der Branche, denen der kollektive Schuss abgeht ob der Ankündigung von (aufgewärmten) Absichtserklärungen? Das gibt’s nur einmal. Einerseits. Andererseits: man darf ja zum Lachen auch mal aus dem Keller kommen. Darum habe ich mir vorgenommen, die diesjährige E3 sportlich zu nehmen, oder eher: wie mein von fickeriger Vorfreude geprägtes Lesen der Berichterstattung über das Cannes- oder Sundance-Festival. Schlieslich ist ja durchaus eine vergleichbare Verzögerung zwischen dem Mitgehen durch Mitlesen und der eigenen Erfahrung Monate später gegeben.

Und die schrille Stimme, die mir zuruft, dass in Cannes fertige Filme gezeigt werden und nicht ausgewalzte Werbeclips? Ich rede säuselnd auf sie ein: Jaja, aber jungejunge, was für Werbeclips! Und man soll ja auch die Tatsache nicht kleinreden, dass kein anderes Medium es besser versteht, sich selbst so trunken ob der eigenen Grossartigkeit in den Armen zu liegen. Bring on the Grossleinwand und die schlechtsitzenden Anzüge. Ich bringe dann die Gemütlichkeit und die Bereitschaft, mich überraschen zu lassen.

Das bekam ich

Überraschung! Natürlich könnte man jetzt die besonders übel im Schritt zwickende Hose anziehen und anmerken, dass ausgerechnet die grössten aus dem Hut gezauberten Kannichen, in Videospieljahren gemessen, geradezu greise sind. (Videospieljahre sind bekanntlich eine Masseinheit, die selbst Hundejahre alt aussehen lässt). Aber wenn wir etwas von Rudi Carrell gelernt haben, dann dies: es ist auch ok, erwachsenen Menschen ihre Kindheitsträume zu erfüllen. Dass es nicht meine sind –Final Fantasy XVII und Shenmue erschienen in jener Phase meiner Spielerbiographie, die als Die Grosse Game Dürre™ bekannt ist –, macht mich da auch nicht betroffener.

final_fantasy7Betroffen sein könnte man freilich von Sonys grenzverlogenem Umgang mit Kickstarter. Es ist eine Sache, den altgedienten Yu Suzuki als Underdog auf die grösste Bühne zu pfeifen, die diese Industrie zu bieten hat. Es ist etwas ganz anderes, eine Crowdfunding-Kampagne öffentlich mitzutragen und dann unter den Teppich kehren zu wollen, dass sie nichts anderes ist als eine PR-Massnahme und die Beschwichtigung risikoscheuer Investoren. Sony! Mehr Mut zur Selbstdarstellung! Der Mangel an Eier(-stöcken) ist nur noch auffälliger angesichts von Koji Igarashi noch taufrischer Bloodstained-Kampagne, die ähnliche Anliegen in ehrlicherer Form zum Abschluss gebracht hat. Ist Sonys Schritt der entscheidende in einem zunehmend zynischen Umgang der Übergrössen mit der Crowdfunding-Plattform? Wir werden es sehen.

Aber auch wenn ich immun bin gegen Final Fantasy und Shenmue, ging die dritte Nostalgiebombe mitten in meinem Herzen hoch: ich habe mir die Playstation 3 weiland gekauft wegen Demon’s Soul und The Last Guardian. Gott, war ich naiv! Gott, bin ich es immer noch! Genug jedenfalls, dass mir der in Fumito Uedas patentiert schummriges Licht getauchte Katzenvogel auch die Playstation 4 verkaufen kann. Und den Menschen, die Dinge sagen wie: „Aber man sieht dem Spiel sein Alter an!“ möchte ich die die weisen Worte John Tetis in Erinnerung rufen: „More than one producer marveled at the increased number of ‘polygons’ he was now able to cram into his latest predictable genre sequel—’polygons’ being industry lingo for ‘size of penis.’ […] The reason that so many games suck is not because the technology is too modest. The reason that so many games suck is because so many games suck. Making art is hard. No microchip changes that.“

Und sonst? Nier ist eines dieser Spiele ganz weit oben auf dem ewigen Backlog, ein an und für sich undefinierbares Werk, was im für Auteur-Kapriolen immer noch offeneren japanischen Studiosystem bedeutet: ein Spiel mit Charakter. Dass die Ankündigung von Nier 2 in der ganz zweifelsohne bestgeschniegelten (und bestverstörendsten) Kleidung des Zirkus erfolgte, wäre bemerkenswert genug. Noch bemerkenswerter wird es allerdings dadurch, dass hier ein JRPG in Kollaboration mit Platinum Games entsteht, den amtierenden Schwergewichtschampions in Sachen augäpfelschälender Action. Man sieht mich aufsitzen.

Friedlicher, aber nicht minder charaktervoll, dürfte das Ergebnis ausfallen, wenn sich Katamari Demacy und Journey (oder zumindest deren Entwickler) die Hand reichen: Wattam ist ein Spiel, in dem man Händchen halten kann mit Wolken, Pupshaufen und Sushi und damit die gesprengte Welt wieder zusammenbringt. Klingt bestens. Und als jemand, dessen erster publizierter Text über Computerspiele [remember Titel-Magazin!] den Einfluss des Animationsfilms auf Computerspiele thematisierte, war meine Reaktion auf drei weitere Trailer wie folgt [Warnung: themenadäquates Bewegtbild]:

red-hot-riding-hood-wolf-eyes-pop-o

Die patinaverschleierte 30er-Jahre-Zierlichkeit von Cuphead war zwar ebenso eine bekannte Grösse wie die von Postern aus derselben Epoche beeinflusste Farbenpracht von Firewatch. Hübsch sind sie dennoch. Und Unravel, diese spielbare Liebeserklärung an die fingerabdruckhinterlassende Stop Motion-Technik des Prager Animationsfilms (oder noch räudigerer Projekte)? Spielerisch mag es (wie auch Cuphead) traditionell genug anmuten, aber zumindest visuell war es eine Ausnahme innerhalb einer Veranstaltung, deren Teilnehmer bereits eine Revolution verkünden, wenn sie am Morgen den Tee für einmal links- statt rechtsherum umrühren: Unravel und Wattam waren tatsächlich echte Überraschungen.

Unravel_E3_Screen5.0Aber, psssst: dafür geht man eh eher an die GDC, oder ans a.maze-Festival. Die E3 ist und bleibt der Ort, an dem sich alle gegenseitig versichern dürfen, dass alles noch in Ordnung ist. Dass alles gut kommen wird. Und dass wir nicht allein sind. Meinstens bedeutet dies, zugegeben, dass man vor lauter Angst vor Neuem in das vertraute Franchise-Hamsterrad zurückrennt und bei jeder abgelaufenen Meile einmal tüchtig “Innovation” in die Luft prustet. Aber wenn 2015 ein Indiz ist, kann man dies auch anders nehmen: als zumindest fitzelweise Bewusstsein für die Geschichte des eigenen Mediums. Ich persönlich freue mich jedenfalls darauf, herauszufinden, warum das “American Football meets Aliens”-Gehumpe von Gears of Wars einst so wichtig anmutete. Und falls Rückwärtskompabilität bedeutet, dass das historische Bewusstsein wenigstens eine Konsolengeneration zurückreicht, dann will ich darüber auch nicht klagen.

Mit dieser Form von Gemütlichkeit kann ich durchaus leben.


SEBASTIAN GEIGER

Fünf Messehighlights in aller Kürze:

Die E3 war dieses Jahr erstaunlich gut, der Schreiber aber auch erstaunlich beschäftigt. Darum in aller Kürze fünf Dinge, die an der E3 besonders gut gefallen haben:

The Last Guardian:

Ja! Ist es die Nostalgie, die die Augen trübt oder die Freude darüber, dass ein so interessantes Spiel doch noch rauskommt? Egal – die sechs Minuten Preview, die es zu sehen gab, waren emontionaler als drei Call Of Duty-Teile zusammen. 2016 wird toll!

VR-Spielereien:

Was Microsoft mit seinem VR-Minecraft zeigte war interessant und ein Eindruck davon, wie Spiele vielleicht schon in ein paar Jahren aussehen. Holodeck, here I come.

minecraft_hololens

Unravel:

Klar, ausgerechnet EA zeigt eines der spannensten Indie-Spiele auf der E3. Seltsame Welt, aber wenn das fertige Spiel so schön und zuckrig ist wie das, was man auf der Pressekonferenz gesehen hat, darf die Welt ruhig seltsam sein.

Fallout 4:

Eigentlich war bis zur E3 klar, was das Spiel des Jahres 2015 wird – The Witcher 3 selbstverständlich. Jetzt ist das nicht mehr so sicher. Vor allem, weil der Hund in Fallout 4 allem Anschein nach nicht sterben kann. Unsere Gebete wurden erhört.

Games an sich:

Sechs Monate lang frage man sich in 2015 – und was kommt im September? Was, wenn Batman, Witcher und Metal Gear Solid ausgespielt sind? Kommt da überhaupt noch was? Oder gibt es ab Herbst einfach keine Games mehr? Vor der E3 hätte man da durchaus drauf kommen können. Jetzt ist es klar – wir haben uns geirrt. Zum Glück! Nach zwei mauen Jahren könnte Gaming wieder spannend werden.

Ein Gedanke zu „Reaktionen der nahaufnahmen-Redaktion auf die E3 2015

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.