Kurt Brandenberger: “Marco Camenisch”

Ein Anarchist im Knast

Seit mehr als 35 Jahren sorgt Marco Camenisch für Schlagzeilen: Sprengstoffanschläge gegen die Schweizer Stromindustrie, Gefängnisausbruch und Solidaritätsdemonstrationen. Autor Kurt Brandenberger setzt die Puzzle-Teile in einer spannenden Biografie zusammen.

Von Manuel Frick.

Cover_CamenischMarco Camenisch ist fast so etwas wie ein schweizerischer Che Guevara: Bürgerliche bezeichnen den militanten Umweltaktivisten als „Öko-Terroristen“. Und für Anarchisten und Kommunisten ist er ein vorbildlicher Kämpfer gegen den Kapitalismus und die mit dem System in Verbindung gebrachte Umweltzerstörung.

Proletariat statt Karriere

Der Journalist Kurt Brandenberger hat sich zwischen die ideologischen Fronten begeben und das bewegte Leben Camenischs nachgezeichnet: Der entschied sich mit zwanzig Jahren, auf eine Karriere zu pfeifen und schmiss das Gymnasium. Stattdessen arbeitete er im Winter als Hilfsarbeiter und im Sommer als Alphirt, beschäftigte sich mit Anarchismus und gründete eine Kommune. Aus Protest gegen den Bau von Atomkraftwerken im Mittelland und Staudämmen in den Alpen sprengte er 1979 zwei Strommasten. Zehn Jahre Zuchthaus lautete das Urteil. Doch er brach aus und verbrachte ein Jahrzehnt im Untergrund.

Im Dezember 1989 wurde im Puschlav ein Grenzwächter erschossen. Da sich Camenisch sich in der Nähe befand, wurde er trotz fehlender Beweise umgehend für die Tat verantwortlich gemacht. Zwei Jahre später wurde er in der Toskana verhaftet und sass für in Italien begangene Taten zwölf Jahre hinter Gittern. Nach seiner Auslieferung an die Schweiz verurteilte ihn ein Geschworenengericht ein weiteres Mal zu einer ungewöhnlich hohen Haftstrafe. Camenisch hat mehr als die Hälfte seines Lebens auf der Flucht oder hinter Gittern verbracht und wird erst im Mai 2018 66-jährig entlassen werden.

Obwohl Camenisch sich Journalisten meist verweigert hat, konnte ihn der Autor über 20 Mal für mehrstündige Gespräche im Gefängnis treffen. Erleichtert wurde dies auch aufgrund Brandenbergers Hintergrund als Sympathisant der Anti-Atomkraftbewegung. Er hat Camenischs Lebensweg seit den Sprengstoffanschlägen mitverfolgt und verarbeitet in der Biografie seitenweise Originaltöne von Camenisch, Gerichts- und Polizeiakten, Zitate von Zeitzeugen und Artikel aus linksalternativen Blättern. Dass daraus ein gut lesbarer Text wurde, ist eine grosse Leistung des Autors. Mittels detaillierten szenischen Beschreibungen erzeugt er stellenweise sogar die Spannung eines guten Kriminalromans.

Anarchismus in der Toskana

Brandenberger verortet die Ereignisse geschickt im damaligen politischen Klima: Es war die Blütezeit der landesweiten Anti-Atomkraftbewegung und die Zeit der Zürcher Opernhauskrawalle. Vor dem Hintergrund, dass es weder ein Umweltschutzgesetz noch eine Grüne Partei gab, wird Camenischs Entschluss zum militanten Aktivismus verständlicher. Der Autor erläutert auch Camenischs Beziehung zu einer anarchistischen Gruppe in der Toskana sowie zum kommunistischen Revolutionären Aufbau in Zürich.

Die Biografie wird sehr unterschiedlich rezipiert: Die bürgerliche Seite wirft Brandenberger fehlende Distanz vor. Die Gegenseite spricht von einer verpassten Chance und hätte sich wohl je nach Couleur ein anarchistisches oder kommunistisches Manifest gewünscht. Gerade deswegen ist die Lektüre sehr zu empfehlen.

 

Titel: Marco Camenisch. Lebenslänglich im Widerstand (Biographie)
Autor: Kurt Brandenberger
Verlag: Echtzeit
Seiten: 208
Richtpreis: CHF 29.00

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