Heðin Brú: “Vater und Sohn unterwegs”

Grindwale – Segen und Verderben zugleich

Heðin Brú: Vater und Sohn unterwegs (Roman)

Das Leben auf den Färöer Inseln ist geprägt vom rauen Wetter und dem Leben mit und von dem Meer. Im Mittelpunkt von „Vater und Sohn unterwegs“ steht der Fischer Ketil, der von einer Walfleischauktion Schulden hat. Zudem konfrontiert uns Heðin Brú mit dem Aufeinanderprallen von Tradition und Moderne auf den abgelegenen Inseln.

Von Luzia Zollinger.

BruWir tauchen ein in eine Welt, die für die meisten von uns weit weg ist. Sie scheint aus längst vergangenen Tagen zu sein. Fremd, archaisch, geprägt von Wind und Wetter – und Walfang. Der Färöer Heðin Brú erzählt die Geschichte des alten Fischers Ketil, der Schulden von einer Walfleischaktion hat. Als Leser nimmt man an, dass er zu viel Grindwalfleisch gekauft hat, als er Kronen (Färöische Währung) auf dem Konto hatte. Aber im ganzen Buch erfährt man es leider nie eindeutig und wird mit der eigenen Annahme alleine gelassen. Dafür begleitet man Ketil, der zusammen mit seinem Sohn Kálvur versucht, das Geld für die Schulden einzutreiben.

Er tuckert hinaus aufs Meer für die Grindwaljagd und den Fischfang, obwohl er kaum noch Kräfte hat und zerbrechlich wirkt. Kálvur muss mit, was ihm wiederum überhaupt nicht gefällt. Er, dem es nur schon beim Gedanken ans offene Meer kalt wird, nicht viel vom Fischen versteht und sich beinahe davon fürchtet. Doch Tradition ist Tradition, da kann sich der Sohn seinem Vater noch so widersetzen. Denn Ketil stammt aus einer Zeit, in welcher man jahrhundertalte Traditionen aufrecht hält.

Langsamkeit als Lebensweisheit

Als die Botschaft Ketil erreicht, dass sich im Seyrvágurfjord Grindwale tummeln, machen sich Vater und Sohn auf den Weg. Kálvur würde lieber in ein Auto steigen und dorthin fahren, doch sein Vater beharrt darauf, über den Berg zu gehen. „(…) wir werden schon nach Seyrvágur kommen, auch der bedächtig geht, kommt weit. Jetzt werden wir schön langsam zum Bergpass Hálsur hinaufsteigen. Wir haben keine Eile.“ Diese Szene zeigt den Spagat zwischen Tradition und Moderne treffend.

Weitere Anzeichen dafür sind Ketils Schwiegertöchter, die aus dem fernen Tórshavn sind, keinen Finger schmutzig machen und nur Unheil ins beschauliche Dorfleben bringen. Zumindest behauptet dies Ketils Ehefrau. Mehr über ihre Söhne und Schwiegertöchtern erfährt man als Leser nicht. Mit Ausnahme von Kálvur bleiben also alle Vertreter der jüngeren Generation namenlos. Diese Tatsache bereitet einem ab und zu Mühe, der Geschichte zu folgen, da man manchmal nicht sofort weiss, von wem nur die Rede ist.

Verständlich und beeindruckend zugleich ist die Gabe Brús, die Natur genau zu beobachten und zu beschreiben: „In der Bucht tobten die Elemente. Brecher rollen mit weissen Schaumkronen draussen vom Meer herein, zerspritzen zwischen den Schären und grossen Felsen, lecken in gierigen Zungen über Sand und Strandgeröll hinweg mit Getöse, steigen donnernd in die Höhe, die See schäumt bis zum Gras hinauf, beruhigt sich und fliesst schlammig und gezähmt wieder ab.“

Besonderheit der färöischen Literatur

Welch besonderes Werk der Leser mit „Vater und Sohn unterwegs“ in den Händen hält, wird einem erst bewusst, wenn man das Nachwort von Richard Kölbl liest. Heðin Brú hat das Buch im Jahre 1940 geschrieben. Es gilt bei der färöischen Bevölkerung als Buch des Jahrhunderts und es ist das erste ins Englische übersetzte färöische Prosawerk. Die bemerkenswerteste Anekdote gehört in den Bereich der Sprache. Während der Reformation wurde Färöisch abgeschafft und Dänisch als offizielle Landessprache eingeführt. So gab es praktisch keine Literatur auf Färöisch. Erst in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts entstand die Literatur in dieser Sprache. Um den Roman entsprechend einordnen zu können, lohnt es sich, zuerst das Nachwort zu lesen.

„Vater und Sohn unterwegs“ ist berührend und erschreckend zugleich. Das Werk behandelt elementare Bereiche des Lebens in dieser Zeit. So faszinierend und romantisch man sich das Inselleben vorstellt, so brutal, hart, rau und unberechenbar war es früher.

 

Titel: Vater und Sohn unterwegs
Autor: Heðin Brú
Übersetzer: Richard Kölbl
Verlag: Guggolz
Seiten: 205
Richtpreis: CHF 29.50

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