“Electroboy” von Marcel Gisler

Der Preis einer dicken Nabelschnur

“Electroboy” von Marcel Gisler

Weltweit erfolgreiches Fotomodell, Internetpionier, Elektro-Musik-Partyveranstalter: Die Vita des heute 40-jährigen Florian Burkhardt wäre allein Stoff für einen abendfüllenden Film. Doch Regisseur Marcel Gisler („Rosie“) bleibt in seinem ersten Dokumentarfilm „Electroboy“, Höhepunkt des 67. Festival del Film Locarno, nicht an der Oberfläche. Er sucht nach den Hintergründen sowohl für Burkhardts Antriebskraft als auch für dessen später auftretende psychische Probleme – und findet Antworten in Burkhardts Familiengeschichte. Wie Marcel Gisler diese Geschichte, gleichzeitig Triebfeder für Erfolg und Absturz, auffächert, ist so erschreckend wie grandios.

Von Christoph Aebi.

„Mis Problem? Hallo?“. Diese rhetorische Frage, den Blick starr auf Regisseur und Interviewer Marcel Gisler gerichtet, stellt der heute 40-jährige Florian Burkhardt gleich zu Beginn des Films. Auf den ersten, oberflächlichen Blick scheint es jedoch keine Probleme gegeben zu haben in Florian Burkhardts Leben, das für ihn nach Abschluss des Lehrerseminars so richtig begann und gleich Fahrt aufnahm. Ein schillerndes, hyperaktives Leben im Schnellzugstempo, mit vielen Karrieren und immer wieder sich verändernden Erscheinungsformen, das Regisseur Marcel Gisler im ersten Teil seines Dokumentarfilms „Electroboy“ in chronologischer Abfolge Revue passieren lässt.

Die Inszenierung im Land der Träume

Zusammen mit seinem Mentor, Freund und Financier Urs „Fidji“ Keller, der heute als Jai Baba-Jünger in Indien lebt, zieht es Burkhardt 1996 aus der Innerschweiz nach Hollywood, um dort als Schauspieler Karriere zu machen. „Ich war bereits ein Schauspieler und musste nur noch visualisieren, dass die das verstehen“, sagt er im Film, halb ernst, halb ironisch. So lässt er von befreundeten Fotografen Standbilder anfertigen, die ihn in Szenen aus bekannten Filmen zeigen, spickt sein CV mit anglisierten Titeln von im Seminar aufgeführten Theaterstücken, lässt Visitenkarten eines fiktiven „Royal Management Paris“ anfertigen, auf denen Urs Keller als Agent fungiert und sich von ihm im Cadillac vorfahren. Die Inszenierung wirkt. Kaum angekommen im Land der Träume nimmt ihn der Schauspieleragent Gregory David Mayo unter Vertrag, der noch heute von dem „ungewöhnlichen, intelligenten, schönen Florian mit den dicken Lippen und den blauen Augen“ schwärmt. Als die Film-Castings nicht den erwünschten Erfolg bringen, schlägt Mayo eine Karriere als Fotomodell vor und organisiert ein Magazin-Shooting. Bei einem Trip nach Milano lernt Florian Burkhardt den Schweizer Modelagenten Urs Althaus kennen, der ihn sogleich unter Vetrag nimmt und ihn weltweit an die exklusivsten Modelagenturen weitervermittelt. Burkhardt wird zum Aushängeschild von Gucci und Prada, jettet zwischen Mailand, Paris und New York hin und her und widersteht den Avancen des Starfotografen David La Chappelle.

Dann, 1998, fängt die schillernde Fassade erstmals an zu bröckeln. Burkhardt setzt seiner Model-Karriere ein Ende, lässt seinen Agenten Urs Althaus wissen, dass er keine Buchungen mehr annehmen soll und zieht zu seiner ersten Liebe, einem Oftringer Bauernsohn, auf den Bauernhof. Burkhardt vermisst das Model-Business nicht, führt ein friedliches Leben und fühlte sich, so sagt er im Film, nie so wohl in seiner Sexualität wie damals. Er, der sich zuvor in einem Brief an seinen ehemaligen Agenten Gregory David Mayo geoutet und geschrieben hatte, er möge die Gay-Szene nicht und werde sich wohl eine Freundin suchen, um in dieser Gesellschaft zu überleben. Als die Beziehung zu seinem Freund in die Brüche geht, erfindet sich Burkhardt neu, angesogen und fasziniert von den unbeschränkten Möglichkeiten des sich damals noch in den Kinderschuhen befindenden Internets. Er absolviert ein Studium zum Multimediadesigner und heuert bei der angesagten Agentur R.O.S.A. an, wo er erfolgreich Video-Animationen für Migros, Sunrise, Diax, Cablecom und SRF entwickelt. Bis er drei Jahre später auf einmal  Panikattacken erleidet, erst im Zug, dann im Taxi und er sich monatelang in seiner Wohnung verbarrikadiert; unfähig, einen Fuss vor die Tür zu setzen. Er lässt sich in eine psychiatrische Klinik einweisen, wo ihm eine „generalisierte Angststörung bei narzisstischer Persönlichkeitsstruktur mit Selbstwert- und Identitätsproblematik mit Anleihen einer sozialen Phobie“ attestiert wird. Florian Burkhardt lässt sich jedoch nicht unterkriegen. Zu seinem 30. Geburtstag veranstaltet er unter dem Label „Electroboy“ eine öffentliche Party, die so erfolgreich ist, dass sie zum Label wird und bei der fünften und letzten Ausgabe ihren Höhepunkt erreicht. Burkhardt, der selber wegen seiner sozialen Phobie bei den Partys nie auftaucht, lässt, als ihm die Partys zu kommerziell werden, eine Todesanzeige aufsetzen: „Electroboy ist von uns gegangen“. Er startet eine neue Karriere als Elektro-Musik-Künstler, veröffentlicht mehrere CD’s, absolviert eine Tournee, bis er sich 2006 mit 32 Jahren ganz aus der Öffentlichkeit zurückzieht und sich in Deutschland niederlässt. Dort lebt er von einer IV-Rente, ist auf Medikamente angewiesen und traut sich ohne deren Einnahme nicht mehr aus dem Haus.

Elektroboy 2

Gregory David Mayo

Der Sohn als Prinz und Erlöser

Diese Vita allein wäre Stoff für einen abendfüllenden Dokumentarfilm. Doch der für seine bisher fünf Spielfilme preisgekrönte Regisseur Marcel Gisler (sein letzter Film „Rosie“ erhielt 2013 den Zürcher Filmpreis und Hauptdarstellerin Sibylle Brunner den Schweizer Filmpreis) bleibt nicht an der Oberfläche, sondern sucht nach den Hintergründen, sowohl für Florian Burkhardts ursprüngliche Antriebskraft, seine diversen Erscheinungsformen als auch für dessen psychische Probleme – und findet Antworten in Florians Familiengeschichte. 1973, Florian war noch nicht geboren, verunglückte die Familie Burkhardt auf dem Weg zum Skifahren bei einem Überholmanöver auf eisiger Strasse. Das Auto schlitterte in die Leitplanke, wurde entzweigerissen und Florians Bruder Andreas überlebte den Unfall nicht. Florians Vater Peter, von Schuldgefühlen geplagt, suchte und fand Halt in der Religion. Florians Mutter Hildegard wurde kurz darauf mit Florian schwanger, der Sohn bei Geburt als Prinz und Erlöser gefeiert. Die Mutter richtete den ganzen Fokus und all ihre Energie auf den neugeborenen Sohn. Aus Angst, erneut ein Kind zu verlieren, versuchte die Mutter, Florian vor allen Einflüssen einer gefährlichen Welt zu beschützen. Fahrrad fahren, Radio hören, Fernsehen gucken waren verboten. Als 14-jähriger spielte Florian immer noch mit kleinen Kindern, da die Mutter Angst hatte, dass Gleichaltrige ihn zum Konsum von Drogen oder Alkohol verführen könnten. Fünf Jahre verbrachte Florian als Internatsschüler in einem katholischen Lehrerseminar, bis der Kokon, der ihn umhüllte, so eng, die Nabelschnur zwischen Mutter und Sohn so dick wurde, dass er, den Abschluss als Primarlehrer in der Tasche, sich auf und davon machte , sein eigenes Leben begann – und jeglichen Kontakt zu den Eltern abbrach. Ein anderer Typ wäre möglicherweise in dieser Erziehungsform aufgeblüht, er und seine Eltern seien aber schlicht und einfach nicht kompatibel gewesen, resümiert Florian im Film.

Zwei Jahre lang recherchierte Marcel Gisler akribisch zu Florians Lebenslauf, Familiengeschichte und dem Zeitkontext. Er führte unzählige Vorgespräche mit Florian, seinen Eltern und möglichen Protagonisten. Zeit, die es brauchte, damit sowohl Florian als auch dessen Eltern Vertrauen zum Regisseur gewinnen konnten und dazu führte, dass alle Beteiligten im Film mit solch entwaffnender Offenheit über jahrelang in der Familie als Tabus betrachtete Themen sprechen, dass es einem zuweilen die Sprache verschlägt. Zu Beginn sei Florian emotional eher verschlossen gewesen, sagte Gisler im grossen Interview mit nahaufnahmen.ch. „Als ich Florian zu diversen Vorgesprächen traf, habe ich mich immer gefragt, ob ein Interview mit ihm einen ganzen Film tragen würde.“ Das anfängliche Konzept sah deshalb vor, dass Florian im ersten Akt des Films gar nicht vorkommt und sein Leben stattdessen von Florians Weggefährten erzählt wird. Florian sollte erst in Erscheinung treten, wenn seine Familiengeschichte behandelt und gezeigt wird, wie sein Leben heute aussieht. Als Marcel Gisler erst zum Schluss der Dreharbeiten das Interview mit Florian filmte, erzählte dieser jedoch so spannend, brillant und mit ironischer Distanz seine Lebensgeschichte, dass Gisler sein Konzept änderte und das Gespräch mit Florian zum roten Faden seines Films machte.

Elektroboy 3

Hildegard Burkhardt

Ein Film der vielen Wahrheiten

Entstanden ist ein aus 50 Stunden Material unglaublich dicht und spannend montierter Film über die Gefährlichkeit von nicht zugelassenen Emotionen, die Folgen fehlender Kommunikation über Tabuthemen und die Auswirkungen einer konservativen, einengenden Religiosität. Ein Film der vielen Wahrheiten auch, in dem Marcel Gisler zusammen mit dem Cutter Thomas Bachmann Aussagen verschiedener Beteiligter klug gegeneinander geschnitten und montiert hat. Auf einer weiteren Ebene reflektiert Gisler seine Rolle und Funktion als Regisseur, indem er sich bei Inszenierungsfragen akustisch und optisch ins Bild setzt und somit zeigt, dass mit der Kamera ein Beobachtungsapparat vorhanden ist, der das Geschehen vor der Kamera beeinflussen kann. Nur eine Szene, in der sich die Familienmitglieder treffen, um zu beraten, wie es nach einer vorübergehenden Trennung von Florians Eltern weitergehen soll, droht zu einer psychotherapeutischen Sitzung mit dem Regisseur als Katalysator und Therapeut auszuufern. Marcel Gisler umschifft die Klippe aber und endet mit einem stimmigen Schlussbild, in dem sich der Kreis von Florians bisherigem Leben schliesst.

„Electroboy“ wurde in Locarno aus fast 300 Einsendungen als einer von sieben Filmen für die prestigeträchtige Sektion „Semaine de la critique“ ausgewählt. Eine Auswahlkommission aus Mitgliedern des Schweizerischen Verbands der Filmjournalistinnen und Filmjournalisten (SVFJ) kuratierte die Sektion zum 25.Mal. Obwohl „Electroboy“ keinen Preis erhielt, war ihm der Publikumszuspruch sicher. Bei allen drei Vorführungen mussten hunderte Besucher an der Türe abgewiesen werden. Kein Wunder: „Electroboy“ war derjenige Film der 67. Ausgabe des Filmfestivals Locarno, der am meisten gepackt, beeindruckt und zum Nachdenken angeregt hat. Wie Marcel Gisler hinter die schillernde Fassade von Florian Burkhardt schaut und die Familiengeschichte, gleichzeitig Triebfeder für Erfolg und Absturz, auffächert, ist zugleich erschreckend und grandios.

Ab 27. November 2014 im Kino.

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