Schöne Dinge in schönen Filmen (2014er Edition)

Schöne Dinge in schönen Filmen (2014er Edition)

Eine absolut persönliche Liste

Ein seltsames Jahr (wenn auch nicht seltsamer als die meisten): Ich hatte das Gefühl, in diesem Jahr kaum im Kino gewesen zu sein. Und jetzt, wo die Medien Bestenlisten hervorbringen wie der diesjährige Sommer Frostbeueln, stellt sich heraus: Irgendwie habe ich doch viel mitgenommen von dem, was sich auf diesen Listen tingelt. Auch gut. Wie die folgenden Dinge, die ebenfalls gut waren, in einem Filmjahr, das als Gesamtes alles andere als übel war.

Von Christof Zurschmitten.

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Richard Linklaters Boyhood, oder: Das Konzept

Richard Linklater ist der Chronist, den unsere Zeit verdient. Und wenn nicht das, dann wenigstens der wichtigste Chronist aller Möglichkeiten, Hemden halb in die Hose zu stecken. Erst letztes Jahr lieferte er mit dem dritten Teil der Before-Trilogie, beinahe zwanzig Jahre nach ihrem Anfang, emotionale Wahrheitsbomben im Megatonnenbereich. Und dabei versteckte Linklater die längste Zeit ein noch ambitioniertes Projekt: Boyhood, der während zwölf Jahren portionenweise gedreht wurde und seinen Charakteren ebenso wie ihren Schauspielern beim Reifen und Wachsen zusieht. Linklaters jüngster Film ist vieles zugleich: eine beeindruckende Charakterstudie am lebenden Objekt, populäre Geschichtsschreibung, ein Testament für die Kraft unabhängigen Filmschaffens, und Linklaters endgültiges Ticket für die Regie-Riege der Wichtigen unserer Zeit. Ein (oder besser: noch ein) Film, der nicht nur unter die Haut geht, sondern direkt unter den Rippenkäfig ins Zentrum fährt, memento mori und YOLO zugleich.Kein Zweifel daran.

Und dennoch… und dennoch bleibt eine Frage offen: ob letztlich der Respekt vor dem Konzept nicht doch die Liebe für dessen Umsetzung ein wenig überwiegt. Was auch immer die richtige Antwort ist und wie auch immer in Zukunft auf den Film geblickt werden wird: Linklater wird dabei sein, hellwach, und uns beobachten, liebenswürdig wie eh und je.

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James Gunns Guardians of the Galaxy, oder: Die Liebe

Durchaus, Guardians of the Galaxy hat, wie alle Marvel-Filme, einen Antagonisten, dessen Name und Gesicht selbst Google bereits wieder vergessen hat, Nebenfiguren, die platter sind als die Comicseiten, aus denen sie ums Verrecken geholt werden mussten, und ein Drehbuch, in dem die finale Auseinandersetzung mit genau drei Worten skizziert wurde. (Sie lauten BLÄM! PENG! HEUL!) Doch Gunns Aufstieg in den AAA-Sektor hat den meisten seiner Franchise-Genossen etwas voraus: Die Erlaubnis und die Bereitschaft zu lachen, ein wenig über, vor allem aber mit den Elementen dieses überzogenen Universeums. Insofern hätte auch niemand anderes als Chris Pratt die Rolle des Starlords übernehmen können, in der er die körperlichen Kapriolen und die Liebenswürdigkeit ausspielen konnte, für der er bereits in Parks&Recreation gefeiert wurde. Überhaupt: Liebe herrscht, für schnulzige Pophits, für die Abenteuer-Blockbuster der 80er, und den launigen Pulp im Allgemeinen. Die Auftaktszene, in der Pratt zu Come And Get Your Love eine futuristische Neuauflage von Indiana Jones gibt, ist insofern nicht nur einer der schönsten Blockbuster-Momente des Jahres, sondern auch eine Absichtserklärung durch und durch — Liebe für alle. (And thou shalt be loved in return.)

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John Michael McDonaghs Calvary, oder: Der Fels in der Brandung

Im Beichtstuhl wird einem Priester angekündigt, dass er in einer Woche ermordert werden wird. Aus Rache, nicht an ihm, sondern an der katholischen Kirche, für alle ihre Vergehen: Calvary hat zweifelsohne eine der schlagendsten Auftaktszenen des Jahres. Und einen Haufen Probleme. Da das Drehbuch will, dass das kleine irische Dorf zum Kalvarienberg für den Priester werden muss und die Begegnung mit seinen Bewohnern zum Kreuzweg, ist Calvary notgedrungen bevölkert von immer hart an der Parodie vorbeischrammenden Typen und einer unwahrscheinlichen Zahl von ausgemachten Arschlöchern. Was den Film dennoch vor dem Sündenfall ins allzu Schematische und Predigerhafte rettet, ist sein vorzügliches Schauspielensemble, angeführt von einem überragenden Brendan Gleeson, der in seiner ruppigen Majestät Calvary nicht nur rettet, sondern zu einem der besten Filme des Jahres macht.

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Gareth Evans The Raid 2, oder: Der Körper

Eine hübsche Entdeckung dieses Jahr war Tony Zhous Every Frame a Painting: eine Serie von Video-Essays, die im Kurzformat genau jene Aspekte der Filmkunst anschaulich machen, die auch von der Kritik gerne totgeschwiegen werden. Einer der jüngsten Beiträge widmete sich Jackie Chans Kino und der Antwort auf die Frage, warum seine Filme genau jene Art Bewegungskunst zelebrieren, die im modernen Action-Kino trotz überzogenen Budgets zunehmend als zu kostspielig betrachtet wird. In einem weiteren Jahr, in dem Action im Schnippselsalat eher versteckt als angerichtet wurde, war The Raid 2 ein Tritt vor das Scheinbein der Freudenzentren: Unnötig aufgeblasen in seinem Wunsch, verschwrubeltes Gangsterepos à la Infernal Affairs zu sein, aber hart auf hart dort wo es gilt — in fantastisch choreographierten, einfallsreichen und sackbrutalen Kampfszenen, die irgendwo zwischen Knochenbrecher und Videospiel angesiedelt sind, aber als wichtigsten Spezialeffekt nichts haben als die Hand des Regisseurs und die Wucht des Körpers: dafür tauschen wir gerne jede laut schepperende Superhelden-Bambule und jeden knochenlos entschlackten Zwergenauflauf.

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Till Kleinerts Der Samurai, oder: Das Prinzip Kurzschluss

Till Kleinert weiss, was selbst die besessensten Archivare der populären Kultur nicht immer verstehen: es genügt nicht, die richtigen popkulturellen Einflüsse zu kanalisieren, auch die Begrünung am Rand des Kanals ist entscheidend. Der Samurai verschmilzt Asia Extreme-Gore mit Märchen, Computerspiel-Erotik mit Bahnhofskino-Gammel, und Arthouse-Atmosphäre mit einer äusserst persönlichen Reflexion über Freiheit, Sexualität, und Liebe. Dass Der Samurai all dies unter eine Kappe bringt, ist erstaunlich genug — dass er es aber mit einer Souveränität tut, die seine Herkunft als dem deutschen Hochschulwesen entsprungenen Debütfilm Lügen straft, ist weit mehr als das: ein kleines, blutiges, Wunder.

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David Robert Mitchells It Follows, oder: Das Gefühl

It Follows bietet etwas, das selten ist im Horrorfilm: eine neue Art der Bedrohung. Nach einem One Night-Stand wird Teenagerin Jay verfolgt von einem gestaltwandelnden Wesen, das stets aus dem Nichts aufzutauchen scheint und langsam, aber absolut unaufhaltsam näher kommt. Gerade auf der Grossleinwand wirkt diese — wie alle effizienten Horrorgestalten — konzeptionell simple Bedrohung brutale Wunder, wenn der Zuschauer die Paranoia der verfolgten Protagonistin zu teilen beginnt und das Bild panisch absucht nach dem einen fatalen Punkt irgendwo im Hintergrund, der Verderben bringen wird. Das allein wäre genug, um It Follows zu einem ausserordentlichen Erlebnis zu machen.

Was ihn aber darüberhinaus zu einem grossartigen Film macht, ist David Robert Mitchells Interesse an seinen Figuren, nicht als Opfer, sondern als Menschen: MitcheLl bringt die Sensiblität für die alltäglichen und hypergewichtigen Probleme des Teenagersdaseins ein, die er bereits in The Myth of The American Sleepover unter Beweis stellte, und bereichert damit das Entsetzen als dominantes Gefühl mit einer Reihe von feineren Stimmungen: It Follows ist ein Horror-Film, aber auch eine Coming of Age-Parabel vor dem Hintergrund des zerfallenden Detroit, ein Portrait misslungener Sehnsüchte, eine Feier der brüchigen und intensiven Freundschaften in einer entscheidenden Lebensphase, und eine Geschichte über Abschiede. Der kritische Impuls, der bemerkt, dass der Film, genau wie seine Figuren, teilweise etwas unbeholfen ist und überfordert mit den Geistern, die er rief, ist das einzige von It Follows beschworene Gefühl, das nicht Bestand haben wird.

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Graham Annables und Anthony Stacchis The Boxtrolls, oder: Das Wunder der Beseelung

Als vor fünf Jahren Coraline den Stopmotion-Film in das neue Jahrtausend holte, war man noch versucht, den Erfolg seinem Regisseur Henry Selick zuzuschieben. Dabei schien Selick höchstens der nötige Zunder gewesen zu sein, der das Studio Laika zur Kreativitätsexplosion brachte. Was der Coraline-Nachfolge im Geist, ParaNorman, bereits andeutete, wurde in diesem Jahr von den The Boxtrolls endgültig bestätigt: Laika hat geballtes Talent, und die Mission, das genüsslich dunklere, schön schrägere Pixar zu sein.

Auch wenn Coraline bis heute der dichteste und gelungenste Laika-Film ist, möchte man keine Gelegenheit missen, Zeuge zu werden, wie die Laika-Magier ihren zu immer neuen Kapriolen aufgelegten Figuren in unzähligen Handgriffen Leben einhauchen. The Boxtrolls bietet mit einem existentiellen Disput zwischen zwei von Richard Ayoade und Nick Frost gesprochenen Figuren nicht nur den wohl unterhaltsamsten Abspann des Jahres, sondern zugleich ein Loblied auf dieses Handwerk, das völlig berechtigt als nicht weniger als gottgleich dargestellt wird.

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Bruno Dumonts P’tit Quinquin, oder: Die Bestie Mensch

C’est quoi, ce bordel?! Auch wenn Fargo und True Detective zweifelsohne öfters herangezogen werden, wenn in Zukunft das Jahr festgenagelt werden soll, in dem die Grenzen zwischen Kino und TV endgültig verwischt wurden — die radikalste Mini-Serie des Jahres kommt aus den nuschelndsten Ecken der Normandie. Vom Augenblick, in dem in P’tit Quinquin eine tote Kuh in einem Weltkriegs-Bunker entdeckt wird, und eine tote Frau in der Kuh, ist klar: das hier ist absurder, komischer und in seiner zutiefst menschelnden Weise dunkler als alles, was im Norden von North Dakota oder in den Sümpfen Louisianas geschehen mag. Und, in gewisser Weise,  anspruchsvoller: Für Bruno Dumonts kompromisslose Regieführung ist das unberechenbare Potential der Ticks seiner Laiendarsteller und die Chemie des Moments weit wichtiger als makellose Takes oder ein dreigetaktetes Drehbuch. Das Ergebnis ist mäandernd, bauchfellverzerrend unterhaltsam, und absolut eigenwillig — und, aus Gründen, die mir bis heute nicht klar sind, ein Film, der wie kein anderer in diesem Jahr nachhallte.

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Jonathan Glazers Under The Skin, oder: Das Auge

Im Drucktopf eines Filmfestivals gären manchmal seltsame Urteile: die schiere Menge an visionierten Filmen, das ständige Murmeln der Wandelhallenkritikerurteile, und der gestörte Tag-Nacht-Rhythmus lassen zuweilen Euphorie entstehen, die später im heimischen Wohnzimmer nur noch bedingt nachvollziehbar ist. Umso mehr freut es mich, dass mein unbescheidenes Spontanurteil über Under The Skin — es sei einer der interessantesten Genre-Filme mindestens der letzten Jahre — auch Monate später noch Bestand hat. Die Bilder, die Glazer gefunden hat, um Scarlett Johansson als das absolut Fremde in Menschengestalt zu inszenieren, sind auch ein halbes Jahr später so lebendig wie am Tag der ersten Sichtung — ein starkes Indiz dafür, dass es Bilder für die (Film-)Geschichte sein könnten. Zugleich ist es einer der seltenen Filme, bei denen jeder von der einen Szene spricht, die unvergesslich war, und bei der jeder eine andere meint. Mehr fürs Auge — mehr Verstörendes, mehr bizarr Schönes, mehr Erinnerungwürdigeres — als Under The Skin bot in diesem Jahr kein Film.

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Alejandro Jodorowskys La danza de la realidad, oder: Das Leben

Eine Autobiographie ohne jeden Anspruch auf Realität, aber voller Wahrheit: Jodorowskys bleibt sich auch mit 80 noch treu und packt in sein Familienportrait alles Groteske, alles Lachhafte und Wunderbare der Welt. Bilder, um die andere Regisseure ganze Filme stricken würden, werden aufgenommen und wieder fallengelassen im Minutentakt, und wie immer will Jodorowsky gar nicht wissen, wann jetzt auch mal gut ist. (Für unsere Vorstellungen von “gut” hätte er wohl ohnehin nicht viel übrig.) La danza de la realidad schöpft die gesamte Vorstellungskraft eines reichen, wilden Lebens aus, und erschöpft den Zuschauer damit mit. Dennoch bleibt ein Gefühl der Bewunderung zurück, für jemanden, der seinen Frieden mit sich gemacht hat — ein Gefühl, das bereits der Trailer für die Ungeduldigeren unter uns bereithält.

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